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Zeugnisnoten: Immer mehr Eltern machen Druck auf Lehrer

DÜSSELDORF. Eltern sind offenbar zunehmend bereit, bei schlechten Noten ihrer Kinder Druck auf die Lehrer auszuüben – bis hin zur Klage. Dies berichtet die „Rheinische Post“.

Heute werden in einigen Bundesländern die Halbjahreszeugnisse ausgegeben. Foto: Nils Fabisch / pixelio.de

Heute werden in einigen Bundesländern die Halbjahreszeugnisse ausgegeben. Foto: Nils Fabisch / pixelio.de

Die Lehrerverbände in Nordrhein-Westfalen beklagen der Zeitung zufolge, dass Eltern bei der Notenvergabe für ihre Kinder zunehmend Druck auf die Pädagogen ausüben. „Die Zahl der Klagen über angeblich zu schlechte Zensuren nimmt von Jahr zu Jahr immer stärker zu“, sagte Brigitte Balbach, Landesvorsitzende von Lehrer NRW, gegenüber dem Blatt. Um Konflikte mit Eltern zu vermeiden, scheuten sich viele Pädagogen mittlerweile davor, überhaupt noch schlechte Noten zu vergeben. „Dann gibt man lieber eine Vier minus als eine Fünf plus. Auch wenn das dem Leistungstand des Kindes nicht entspricht. Aber so kann man möglichem Ärger aus dem Weg gehen“, so zitiert die „Rheinische Post“ die Verbandssprecherin.

Auch der Philologenverband habe eine zunehmende Bereitschaft der Eltern festgestellt, gegen Beurteilungen rechtlich vorzugehen. „Lehrer werden zunehmend unter Druck gesetzt, eine gute Note geben zu müssen“, sagt der Landesvorsitzende Peter Silbernagel dem Bericht zufolge. Er kritisiere das Verhalten vieler Eltern. „Sie denken, dass sie ihren Kindern damit einen Gefallen tun, wenn sie eine bessere Note einklagen, aber das Gegenteil ist der Fall“, sagte Silbernagel laut Zeitung. „Der Druck auf die Kinder wird dadurch immer größer, weil sie den weiteren Anforderungen nicht gewachsen sind.“

Auch bei Elternvertretern ist das Phänomen offenbar bekannt. Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, weiß von immer mehr Elternbeschwerden aufgrund von Schulnoten – auch schon in der Grundschule. „Die Anzahl hat eklatant zugenommen“, sagte Schwarzhoff der „Rheinischen Post“. Eine Ursache: „Viele Elternteile haben das Vertrauen in die Kompetenz der Pädagogen verloren und zweifeln ihr Urteilsvermögen an.“

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) appelliert an Eltern, Ruhe zu bewahren. „Niemand hat gern eine 4 oder 5 auf dem Zeugnis – aber Noten sagen nicht alles über ein Schulkind aus“, sagt Vorsitzender Udo Beckmann. Schlechte Noten seien keine Einbahnstraße. „Durch das Aufzeigen von möglichen Auswegen kann auch ein eher schlechtes Zeugnis noch eine positive Wendung bringen.“ In vielen Bundesländern, darunter in Nordrhein-Westfalen, wurden heute die Halbjahreszeugnisse ausgegeben. News4teachers

(1.2.2013)

9 Kommentare

  1. Tja, worüber wird sich eigentlich beklagt? Es ist doch politisch gewollt, dass Eltern heutzutage auf vielen Ebenen in der Schule „mitmischen“. Empfehlungsgutachten sind kaum noch das Papier wert, auf dem sie geschrieben worden sind, weil Eltern sowieso über die Schullaufbahn ihrer Sprösslinge entscheiden. LehrerInnen werden behördlich angeordnet lächerlich gemacht und vorgeführt. Ich kenne außer der Schule keinen Bereich, in dem sich eine fachkompetente und studierte Berufsgruppe so auf der „Nase herumtanzen“ lassen muss wie in der Schule.
    Den Eltern werden zwar immer mehr Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt, aber im Gegensatz zur Lehrerschaft brauchen sie sich dafür nicht zu verantworten. LehrerInnen sind an Erlasse und Gesetze gebunden, Eltern können im Raum Schule quasi sanktionsfrei agieren.
    Ich war Zeuge eines Vorfalles auf einer Zeugniskonferenz, als ein aufgebrachtes Elternteil eine Fachlehrkraft wegen der angeblich falschen und ungerechten Zensur in einem Kurzfach anschrie und ganz übel beschimpfte. Weder die Klassenführung noch die Schulleitung sprang der Fachlehrkraft zur Seite. Es stellte sich aber im Nachhinein heraus, dass die Fachlehrkraft das Elternteil regelmäßig über den Leistungsstand des Kindes informiert hatte und immer wieder gute Tipps gab, wie die Zensur noch zu retten sei. Wir stellen uns einmal vor, die Lehrkraft hätte sich dem Elternteil gegenüber so verhalten. Welchen Aufschrei hätte es in der Öffentlichkeit gegeben? Wie wäre die Lehrkraft disziplinarisch sanktioniert worden? In der Schule gibt es schon lange keine Balance mehr zwischen der Lehrer- und Elternschaft. Die Lufthoheit gehört ganz eindeutig den Eltern!

  2. Mir sind solche Situationen auch bekannt.
    Warum lassen sich aber Lehrer gefallen, dass ihnen Eltern so häufig auf der Nase herumtanzen und die Schulbehörden ihnen im Konfliktfall nicht beistehen und sie lächerlich machen?
    Mal die Schuld bei der eigenen Feigheit und der verbreiteten Unkollegialität zu suchen, wäre nicht schlecht.
    Stünden die Lehrer zum Wohle der Schüler mehr zusammen und sprächen sie endlich mal mit gemeinsamer Stimme, wäre viel gewonnen.
    Stattdessen setzen sich immer wieder nur die Katzbuckler vor Eltern und Schulbehörden durch, die willfährigen Inflationierer von Zensuren. Ich behaupte, dass diesen die Schüler ziemlich egal sind, ihr geruhsames Berufsleben aber nicht.
    Sie sind auch diejenigen, die auf jede pädagogische Sau aufspringen, die aktuell durchs Dorf getrieben wird, um ja nicht als pädagogisch rückständig zu gelten.
    Ehrlich gesagt habe ich langsam mehr Wut auf die Lehrerschaft als auf die Eltern, die Politiker und Schulbehörden. Die richten sich ganz klar nach ihren Interessen. Und die Lehrerschaft ist auch durchdrungen von Eigeninteressen.
    Wer ist überhaupt noch Anwalt für das Fortkommen der Schüler und deren Fitness fürs spätere Leben?

  3. Als Erstes sollte man ganz klar sagen, dass deutsche Gerichte die Notengebung der Lehrer mit einer Ausnahme einer Überprüfung entzogen haben (ENTZOGEN!!!), das heißt, Noten sind nicht gerichtlich überprüfbar. Es gibt eine einzige Ausnahme: Wenn (Zeugnis-)Noten für den weiteren Berufsweg entscheidend sind. Gemeint sind dabei nach Günther Hoegg „Schulrecht kurz und bündig“ die Schulabschlussnoten. Vorstellen kann ich mir jedoch, dass (künftig) auch die „Übertrittszeugnisse“ nach der Grundschule dazugezählt werden. Bei allen anderen Zeugnissen und den Noten zwischendurch sowieso müssen wir Lehrer uns keine „Sorgen“ machen. So lange wir sie „vernünftig begründen“ können, steht uns hier ein Ermessensspielraum zu, der durchaus beinhaltet, dass ein anderer eine andere Note gegeben hätte.

  4. @ wetterfrosch, das Lehrer warum auch immer „erboste Eltern“ scheuen, hat zwei Gründe: Lehrer an Privatschulen fürchten um ihre Existenz, denn die Schulleitung, die um den Ruf und den Bestand der Schule fürchtet, entlässt ggf. eine Lehrkraft, die zu zu vielen Beschwerden führt. An öffentlichen Schulen ist es eigentlich ähnlich – zumindest da, wo es keine automatische Zuweisung der Schüler nach Wohnort gibt (damit kenne ich mich allerdings nicht aus). In Zeiten sinkender Schülerzahlen sorgen sich auch öffentliche Schulen, dass sie geschlossen werden, wenn erboste Eltern ihre Kinder woanders anmelden. Soll man also darum kämpfen, dass der Schüler die 4 auf dem Zeugnis bekommt und nicht die 3, wenn man dann demnächst woanders arbeiten muss und der Nachfolger gibt dann doch die 3?

  5. „Viele Elternteile haben das Vertrauen in die Kompetenz der Pädagogen verloren und zweifeln ihr Urteilsvermögen an.“ Was in anderen Bereichen auch zu beobachten ist, glauben manche Eltern an ihre Überlegenheit (aus Machtinteresse) und lassen die jahrelange Erfahrung (daraus wächst nämlich Kompetenz in der Regel in Kombination mit Selbstreflexion) des Lehrers nicht mehr gelten. Schule ist manchmal eben zum Kriegschauplatz geworden, wo sich z.T. abreagiert oder geltungssüchtig in Stellung gebracht wird. Und dann die Ruhe zu bewahren, setzt viel Selbstkontrolle oder bereits verinnerlichte Resignation voraus. Aber dafür sind wir ja Profis …

  6. @sofawolf
    Was Sie in Ihren beiden Kommentaren sagen, ist guter Faktencheck und zweifellos richtig.
    Ich denke in diesem Zusammenhang aber auch an vieles, was über die Schiene „Gefühl und Wellenschlag“ läuft und mindestens ebenso wichtig ist.
    Bei den Noten können Eltern die Lehrer auch ohne juristische Handhabe gewaltig unter Druck setzen. Beschwerden beim Vorgesetzten und die Notwendigkeit, sich in Gesprächen verteidigen zu müssen, ist ebenso belastend wie die vage und unwiderlegbare Behauptung „Auch andere Eltern haben sich schon beklagt…“
    Da bleibt es nicht aus, dass sich Lehrer und Lehrerinnen durch großzügige Verteilung erwünschter Zensuren den nächtlichen Schlaf sichern.
    An kleinstädtischen Regelschulen (vorwiegend Grundschulen), wo jeder jeden Lehrer kennt, spielt das öffentliche Ansehen eine wichtige Rolle. Bevor Kinder eingeschult werden, tauschen sich Eltern z.B. fieberhaft darüber aus, welche Lehrkraft für ihr Kind wohl die richtige ist, welche einen „guten“ Ruf (Beliebtheitsgrad) besitzt oder welche als zu streng gilt. Dann brodelt die Gerüchteküche bezüglich jener LehrerInnen, die für die kommenden ersten Klassen in Frage kommen, und es schält sich alle Jahre wieder ein Kurswert heraus, der jedem zugänglich ist.
    Peinlich, wenn man bei diesem Ranking schlecht wegkommt, auch wenn jeder im Kollegium insgeheim weiß, dass die Kriterien der Beurteilung höchst fragwürdig sind und die Beliebtheit sogar einen Kontra-Indikator darstellen kann.
    Bei Noten durchschauen die Eltern kaum, wie diese zustande kommen, und verwechseln gern gute Zensuren mit gutem Unterricht und guter Lehrkraft. Dass sich Lehrer so mit guten Noten eigene „gute“ Leistungen bescheinigen können, machen sich die wenigsten klar. Hauptsache, die Kinder fühlen sich wohl und die Eltern sind zufrieden mit den bescheinigten Erfolgen.
    Zensuren sind zu einem Sumpf verkommen, in dem sich alles Mögliche an Interessen tummelt – auch Unkollegialität.
    Beim Modellversuch mit SOL schrieben Kinder mit vermuteter Dyskalkulie (also erheblicher Rechenschwäche) angeblich schon nach 3 Monaten „Einsen am Stück“. Wer mit solchen Kindern gearbeitet hat, weiß jedoch, dass ein derartiger Erfolg im Einzellfall schon unwahrscheinlich ist, als „Massenphänomen“ jedoch unmöglich. Auch hier wurde meiner Überzeugung nach mit Zensuren manipuliert, um von einer bestimmten Methode zu überzeugen und vielleicht auch von der „Qualität“ einer bestimmten Schule.
    Dies gehört u. a. zu den Schattenseiten eines erwünschten Konkurrenzkampfs der Schulen mit ihren geforderten Schulprofilen. Und es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, welche Hyperinflation an Zensuren und anderen Unerfreulichkeiten stattfindet, wenn sich die Forderung nach einer öffentlichen Beurteilung der Lehrer durch Eltern und Schüler durchsetzt.
    Ich stimme mit „Wetterfrosch“ überein: Die Lehrer müssen mehr zusammenstehen, mit einer Stimme reden und sich weder von Eltern noch von Politikern, Behörden und sonstwem auseinanderdividieren lassen. Ansonsten sehe ich schwarz für ihren Beruf und das Wohl der Schüler.

  7. Martin Schuster

    @Ursula Prasuhn
    Danke für Ihren Kommentar. Er erinnert mich stark an einige Aussagen im Vorwort des 1999 erschienenen Bestsellers von Professor Dietrich Schwanitz mit dem Titel „BILDUNG, Alles, was man wissen muss“.
    Hier ein paar Zitate, die zu den von Ihnen angesprochenen Problemen passen :
    „Lehrer haben es sowieso schon schwer. Zunächst einmal werden sie von anderen sozialen Gruppen unterschwellig verachtet…Aber diese Verachtung ist ungerecht gegenüber einem Job, den selbst ein gewiefter Manager oder ein nervenstarker Unternehmer kaum einen Morgen lang durchstehen würde, ohne an Flucht zu denken…Und das Abgefeimteste ist: Der Lehrer muss sich die Ungezogenheit und Ruppigkeit seiner Schüler auch noch selber zurechnen lassen: er ist selbst daran schuld; er hat seine Klasse nicht im Griff, sein Unterricht törnt die Kids nicht an…Ihr Verhalten wird allein aus dem Unterricht erklärt, während sie in Wirklichkeit an Konzentrationsschwäche und Erziehungsdefiziten aus dem Elternhaus leiden.
    In dieser Situation haben die Kultusminister und die Schulbehörden (…) den Lehrern die meisten Sanktionsmittel aus den Händen genommen, so dass jetzt absolute Waffenungleichheit besteht. Strafen wie Verweise, Abmahnungen, Benachrichtigung der Eltern…sind so von Vorschriften, Anträgen, Abstimmungen und Schulkonferenzen umstellt, dass jeder lieber darauf verzichtet: Er würde sich mit dem Aufwand selbst am meisten bestrafen…
    Weil die Lehrer also offiziell an ihren Problemen selbst schuld sind, werden sie auf den Pfad der Lüge gedrängt; sie verheimlichen ihre eigenen Schwierigkeiten. Einen öffentlichen Diskurs (Gedanken- und Meinungsaustausch), in dem sich ihre Probleme beschreiben ließen, gibt es nicht. Auf diese Weise werden Lehrer entsolidarisiert und konkurrieren untereinander mit verlogenem Imagemanagement.“

    Zu diesem verlogenen Imagemanagement gehört sicher auch die Notengebung, denn es stimmt, wenn Sie sagen, dass Außenstehende meist nicht wissen, wie diese funktioniert, und gute Zensuren in der Regel auf guten Unterricht und gute Lehrkräfte schieben. Dass sich Lehrer mit ungerechtfertigt guten Noten einen Imagevorteil gegenüber redlich zensierenden Kollegen verschaffen, ist ein internes Ärgernis, dem aber ebenso schwer beizukommen ist wie anderen Problemen, weil eben der öffentliche Diskurs fehlt.
    Die Kultusminister, Schulbehörden und z. T. auch Gewerkschaften werden ihn sicher nicht fördern, denn eine unsolidarische Lehrerschaft ist weitaus leichter zu bevormunden und zu lenken als eine solidarische. In ihr sind die Einzelnen auch dem Druck der Eltern ungleich mehr ausgeliefert als in einer intakten Gemeinschaft. Dies ist den Kultusministern und Behörden jedoch willkommen. Nicht nur aus Nettigkeit wurden die Mitspracherechte der Eltern sukzessive erweitert.

    • Lohnt es sich, das Buch zu kaufen? Die Zitate aus dem Vorwort haben mich beeindruckt. Prof. Schwanitz hat das Elend vieler Schulen und Lehrer meiner Meinung nach zutreffend und schonungslos zur Sprache gebracht.

  8. Martin Schuster

    Das Buch ist insgesamt ziemlich schwere Kost, trotzdem interessant und empfehlenswert.

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