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Bayern: Viele Schüler meiden das Gymnasium – trotz Empfehlung

MÜNCHEN. Besonders in ländlichen Gebieten gehen trotz Empfehlung viele Schüler nicht auf das Gymnasium. Die Gründe reichen von Angst vor Lernstress bis zu schlechten Busverbindungen. Kultusminister Spaenle sieht das Ganze positiv. Die Gymnasien auf dem Land seien nicht in Gefahr.

Betroffen sind vor allem Viertklässler aus ländlichen Regionen. Bayernweit bekommt etwa die Hälfte aller Schüler eine Empfehlung für das Gymnasium – in manchen Landkreisen strebt aber gerade mal ein Viertel auf direktem Weg das Abitur an. In Ballungsgebieten wie München gehen hingegen fast alle, die eine Empfehlung haben, auch auf das Gymnasium. Bayernweit sind es 40 Prozent – eine Schere zwischen Stadt und Land.

Eingang eines Gymnasiums (Ausschnitt)

Besonders in den ländlichen Gebieten Bayerns gehen viele Schüler trotz entsprechender Empfehlung nicht auf das Gymnasium. Foto: bbroianigo / pixelio.de

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) macht auch das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium (G8) für die wenigen Gymnasiasten in ländlichen Gebieten verantwortlich: «Das G8 wird brutal wahrgenommen. Viele Eltern sagen sich „das tue ich meinem Kind nicht an“», sagte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Viele Eltern schickten ihre Kinder deshalb eher auf die Realschule.

Dafür sind laut Bayerischem Elternverband (BEV) weniger die Vorteile der Realschule, sondern Nachteile des Gymnasiums ausschlaggebend: «Die Eltern haben Angst vorm absoluten Stress der Kinder», sagte BEV-Sprecherin Ursula Walther. BLLV-Präsident Wenzel befürchtet, dass die Leistungen schlechter werden, wenn Kinder mit einer Gymnasial-Empfehlung auf die Realschule gehen: «Schüler wählen den Weg des geringsten Widerstandes, das heißt, sie passen sich nach unten an. Keiner will als Streber verschrien sein.»

Die Schüler auf dem Land belaste der Nachmittagsunterricht an Gymnasien zusätzlich – wegen der schlechteren Busverbindungen, glaubt Sprecher Peter Missy vom Bayerischen Philologenverband (bpv). Durch lange Fahrt- und Wartezeiten haben die Schüler einen extrem langen Tag, weiß auch Rektor Heinz-Peter Meidinger vom Robert-Koch-Gymnasium im niederbayerischen Deggendorf und Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Er glaubt, dass mit weniger Nachmittagsunterricht mehr Schüler auf das Gymnasium gehen würden.

Aber generell stellt sich laut Meidinger in den ländlichen Gebieten für manche Eltern die Frage, ob es überhaupt ein Abitur als Abschluss sein muss. Viele Eltern hätten handwerkliche Betriebe oder einen Bauernhof, so dass es für die Kinder auch ohne Abitur einen sicheren Job gebe.

Solche Probleme kennt der Münchner Schulleiter Winfried Steflbauer vom Albert-Einstein-Gymnasium nicht: In seinem Einzugsgebiet sei die Übertrittsquote auch mit G8 bei nahezu 100 Prozent, sagt er. Er selbst schätze an der verkürzten Gymnasial-Zeit, dass Unterricht am Nachmittag auch mehr individuelle Förderung ermögliche.

Das bayerische Kultusministerium sieht das Ganze positiv: Bayernweit ist die Übertrittsquote ans Gymnasium laut Sprecher Ludwig Unger in den vergangenen Jahren nicht gesunken, das zeige die hohe Akzeptanz des Gymnasiums – auch mit G8. Außerdem gebe es für Eltern und Schüler inzwischen einen gleichwertigen Weg zur Hochschulreife: den Besuch einer Fach- oder Berufsoberschule.

In Gefahr seien die Gymnasien auf dem Land nicht, sagte Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). «Wir wollen auch in den ländlichen Räumen die ganze Vielfalt des schulischen Angebots sicherstellen.» (dpa)

(30.03.2013)

Bildungsbericht Bayern 2012

Schüler- und Absolventenprognose des Bayerischen Kultusministeriums

Ein Kommentar

  1. Interessant. Da gibt es also zwei gegenläufige Tendenzen. Eltern, die ihre Kinder ans Gymnasium schicken, obwohl sie dort nicht hingehören und Kinder, die das Gymnasium meiden, weil sie nicht als Streber gelten wollen. Ich habe meinen Eltern in Berlin vor allem eins versucht klarzumachen: An welche weiterführende Schule ein Kind geht, sollte vor allem auch von seinem Berufswunsch (entspr. seiner Fähigkeiten und Neigungen) abhängen. Es ist keine Schande, nicht am Gymnasium weiterzulernen. Wer Frisör, Schaffner, Tierpfleger etc. werden will, braucht dafür kein Abi, also auch kein Gymnasium. Und: Das Gute in Berlin, wer sich für die Sekundarschule (zusammengefasste Haupt- und Realschule) entscheidet und später doch einen „Studienberuf“ ergreifen will, kann auch an der Sekundarschule noch das Abi machen (nach 13 statt nach 12 Jahren).

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