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Mediziner: Lehrer – einer der anstrengendsten Berufe

STUTTGART. Ein unausgewogenes Verhältnis von Anforderungen und Anerkennung im Lehrberuf bemängelt der renommierte Psychotherapeut und Buchautor Joachim Bauer. Die in Baden-Württemberg geplanten Abstriche bei der Altersermäßigung seien deshalb schmerzhaft. Ein Interview:

Ist der Lehrerberuf wirklich so stressig?

Bauer: «Ja. Über die Gesundheit am Arbeitsplatz entscheidet das Verhältnis zwischen Verausgabung und Anerkennung. Die Anforderungen an Lehrer haben zugenommen, etwa durch die immer heterogenere Schülerschaft, die Wertschätzung lässt zu wünschen übrig. Schüler sollen individuell gefördert werden, hinzu kommt jetzt die Teilhabe behinderter Schüler. Was Lehrer leisten, ist beachtlich, obwohl die Ressourcen oft nicht ausreichen.»

motivierende Lehrerin

Die Anforderungen an Lehrer sind immer größer geworden. Foto: ChemieBW / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Wie sieht es im Vergleich mit anderen Beamten aus?

Bauer: Wo Dienst an anderen Menschen geleistet wird, ist die Arbeit anstrengender als anderswo. Dass Lehrer besonders gefordert sind, zeigt der um etwa zehn Prozent über dem Durchschnitt aller Beamten liegende Anteil derjenigen, die frühpensioniert werden.»

Werden die Lehramtsstudenten auf den Beruf ausreichend vorbereitet?

Bauer: «Nein. Die fachliche Ausbildung ist gut, aber Lehrkräfte brauchen auch ein hohes Maß an Beziehungskompetenz. Auf Schlüsselqualifikationen wie praktische Beziehungspsychologie, effiziente Körpersprache und guter Umgang mit der Stimme wird im Studium zu wenig Wert gelegt.»

Wie äußerst sich Überforderung bei den Lehrern?

Bauer: «In Herz- und Kreislaufproblemen, Depression und anderen psychischen Beschwerden. Etwa ein Viertel der Lehrer zeigt Burnout-Symptome, vor allem chronische emotionale Erschöpfung, Schlafstörungen, und eine Unfähigkeit, nicht abschalten zu können.»

Wie reagiert die Kultusverwaltung darauf?

Bauer: «Sie hat das Problem erkannt. Meine Freiburger Arbeitsgruppe bietet Lehrkräften ein Programm zur Gesundheitsvorbeugung an. An den vom Kultusministerium bezahlten Kursen haben in diesem Jahr bereits 1000 Lehrer teilgenommen. Die Teilnehmer lernen den Umgang mit schwierigen Situationen, die sich mit Schülern und Eltern, aber auch innerhalb des eigenen Kollegiums ergeben können. Für Schulleiter bieten wir eigene Kurse an.»

Gibt es noch weitere Möglichkeiten der Entlastung?

Bauer: «Ja, zum Beispiel die Ganztagsschule. Sie ist nicht nur das Richtige für unsere Kinder, sondern kann auch ein Beitrag zur Lehrergesundheit sein. Lehrkräfte sollten ihren Arbeitsplatz in der Schule haben, dort auch ihren Unterricht vor- und nachbereiten, danach aber ihren Feierabend genießen können. Arbeitsmedizinisch gesehen ist es falsch, dass sie ihre Arbeit mit nach Hause nehmen und nie das Gefühl zu haben, fertig zu sein.»

Wie beurteilen sie geplanten Abstriche bei der Altersermäßigung?

Bauer: «Lehrer bleiben ihr Leben lang an der Front. Altersgerechte Arbeitsplätze gibt es an der Schule nicht, auch die Beförderung zum Schulleiter macht die Arbeit nicht leichter. Deshalb ist es sinnvoll, im Alter die Unterrichtslast etwas herunterzuschrauben. Ein Verzicht darauf ist für die Betroffenen sicher schmerzhaft.» (Julia Giertz, dpa)

(11.03.2013)

Webseite von Joachim Bauer

zum Bericht: Der tägliche Kampf: Lehrer ist einer der stressigsten Berufe

zum Bericht: Lehrer machen gegen schlechte Erziehung mobil

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