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Experten wollen neue Lehrerbildung: Haben Gymnasiallehrer ausgedient?

STUTTGART. Der klassische Gymnasiallehrer hat nach Überzeugung einer unabhängigen Expertenkommission aus Baden-Württemberg ausgedient. Künftig soll die Ausbildung für Lehrer aller weiterführenden Schulen zusammengelegt, schlägt das Gremium vor. Alptraum Einheitslehrer? Die Gymnasiallehrer laufen Sturm.

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht aus der Kritik. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Fit für’s Gymnasium – ebenso wie für alle anderen weiterführenden Schulformen – in Baden-Württemberg gibt’s das möglicherweise bald in einer Kompaktausbildung. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Fachleute empfehlen der grün-roten Landesregierung, nur noch zwei Lehrämter anzubieten: eines für die Grund- und eines für die weiterführenden Schulen. Die Vorsitzende des Gremiums und frühere Berliner Schulsenatorin, Sybille Volkholz(Grüne), betonte: «Bei uns ist kein Absinken der Fachexpertise vorgesehen.»

Der Philologenverband befürchtet eben dies und reagierte entrüstet auf die Vorschläge der von Kultus- und Wissenschaftsministerium eingesetzten Experten. «Damit wird das Totenglöcklein für das Gymnasium geläutet», sagte Landeschef Bernd Saur der dpa. Gebe es künftig keinen Gymnasiallehrer mit seiner hohen Fachlichkeit mehr, gebe es auch kein Gymnasium mehr. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nannte die Befürchtungen des Verbands unberechtigt. Es handele sich wohl um die «emotionale Angst, einen Sonderstatus zu verlieren».

Kabinettsvorlage soll noch vor der Sommerpause kommen

Eine aus den Empfehlungen resultierende Kabinettsvorlage werde noch vor der Sommerpause fertiggestellt, kündigte Stoch an. Zuvor sollen die Ratschläge breit diskutiert werden. Auf die Frage, ob die Vorschläge umgesetzt würden, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne): «Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Empfehlungen in der Schublade verschwinden.»

Saur kritisierte, angesichts der Empfehlung eines «Einheitslehrers» seien die Bekenntnisse von Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) zum Gymnasium reine Sonntagsreden. In den Ministerien werde gegen das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule gearbeitet, das Kretschmann zur Besänftigung der Eltern verkündet habe. FDP und CDU schlossen sich der Kritik an.

Volkholz berichtete mit Blick auf ähnliche Reformen in Berlin und Nordrhein-Westfalen: «Dort tun sich die Philologen ausgesprochen schwer zu begründen, warum die Lehrer der anderen Schularten schlechter ausgebildet werden sollen als sie selbst.» Der SPD-Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei pflichtete bei: «Es geht um die fachwissenschaftliche Aufwertung des Lehrerberufs insgesamt, sozusagen um Gymnasialstandard für alle.»

Handwerkstag unterstützt die Einheitsausbildung

Der Handwerkstag unterstrich, eine übergreifende Ausbildung der Lehrkräfte sei schon für den Ausbau der Gemeinschaftsschule ein notwendiger Schritt, um gemischte Lerngruppen optimal zu fördern und alle Schulabschlüsse zu ermöglichen. Die Lehrergewerkschaft GEW sprach von einem Signal für Grün-Rot, deutlich mehr in Qualität und Umfang der Lehrerausbildung zu investieren.

Die Grundschullehrer sollen nach den Vorschlägen weiter an den Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildet werden; alle übrigen sollen ihren sechssemestrigen Bachelor-Studiengang an PH und Universitäten absolvieren. Danach schließt sich je nach Bedarf ein viersemestriges Master-Studium an «Professional Schools of Education» an. Diese sollen von Universitäten und PH gemeinsam gegründet werden. Weitere Neuerung wäre eine sonderpädagogische Grundbildung in allen Lehramtsstudiengängen. Bisher wurden nur Gymnasiallehrer an Universitäten ausgebildet, fast alle anderen an PH.

Vor allem die finanziellen Konsequenzen könnten das Land vor Probleme stellen, sollte es die Vorschläge in die Tat umsetzen. Denn bislang erhielten Gymnasiallehrer wegen eines längeren Studiums mehr Geld als Real- und Hauptschullehrer. Diese Begründung würde bei gleichen Studienzeiten und -orten entfallen. Volkholz sagte, es sei nicht nachvollziehbar, dass Hauptschullehrer an Brennpunktschulen weniger verdienten als Gymnasiallehrer in gutbürgerlichen Wohngebieten. Auch werde nicht nach den realen Arbeitszeiten von Lehrern unterschieden, die vor allem vom Korrekturaufwand bestimmt sind. «Das, was wir heute haben, ist nicht wirklich gerecht.» Eine Kostenexplosion sei aber nicht zwingend mit den Vorschlägen verbunden. dpa

(21.03.2013)

5 Kommentare

  1. Ach ja, die angeblich unabhängigen Expertenkommissionen! Komisch, dass die immer zu politisch erwünschten Ergebnissen kommen.
    Einheitslehrer für Einheitsschulen oder netter gesagt: für Gemeinschaftsschulen. Im boschewistischen Russland sprach man von „Gemeinschaftshäusern“.

  2. Albrecht Maier

    Ausgerechnet Frau Volkholz, ehemalige (!) Bildungssenatorin in Berlin, das Baden-Württemberg in Sachen Bildung noch nie das Wasser reichen konnte, hat den Vorsitz dieser „Expertenkommission“. Das ist nur Teil der Grün-Roten Bildungsabschaffungsstrategie.

    Es geht grundsätzlich darum, dass „länger-gemeinsam-lernen“ nun als neuer Weg zur Utopie „die-Starken-ziehen-die-Schwachen-und-alle-lernen-voneinander“ blindwütig beschritten wird.

    Ja, was können die Starken denn von den anderen lernen? Schulschwänzen, Handyabziehen, Komatreten?

    Wahrscheinlich werden das noch Prüfungsfächer im Grün-Roten-Kretschmann-Bildungs-Paradies.

  3. „Die-Starken-ziehen-die-Schwachen-und-alle-lernen-voneinander”, lautet – wie Sie zu Recht sagen – die Utopie.
    Heute las ich in der Zeitung den Leserbrief eines Dr. Michael Dodt zum Thema „Die Lüge von der Inklusion“. Er schrieb:
    „Als Betroffener möchte ich mich hier zu Wort melden. Wir haben selbst sieben Kinder, das jüngste hat das Down-Syndrom. Eines ist für uns inzwischen beim Thema Inklusion klar: Die linken Ideologen verwechseln gemeinsam leben mit gemeinsam lernen.“

  4. Ursula Prasuhn

    Zitat: „Wenn es künftig keine speziell ausgebildeten Gymnasiallehrer mehr gebe, bedeute dies auch das Ende des Gymnasiums.“
    Vielleicht ist dieses Ende ja Absicht, deren Offenlegung sehr viel mehr Gegenwind erzeugen würde als ein sanftes Heranpirschen über den Umweg der Lehrerausbildung.
    Das logische Pendant zur Auflösung der Förderschule ist m. E. die Auflösung des Gymnasiums.
    Mit ihr wird alles noch gemeinschaftlicher, inklusiver und uniformer, was den Wünschen von SPD und Grünen entspricht. Diese Parteien mögen noch so ignorant sein gegenüber sicherem Erfahrungswissen, moralisieren können sie immer und auf diesem Weg gewinnen.
    Die Rolle als Tugendwächter praktizieren besonders die Grünen so erfolgreich, dass sie längst die Meinung der Medien dominieren und jede öffentliche Diskussion vom gutmenschlichen Tenor beherrscht wird.
    Wer es geschafft hat, als ethische Instanz zu gelten, ist auch Herr über Gesinnungsgebote und -verbote. Sie wachsen wie Pilze aus der Erde und nehmen allmählich die Gestalt einer rigiden, lückenlosen Orthodoxie an.

  5. Ich finde eine gemeinsame Ausbildung aller Lehrämter (außer Grundschule) eine gute Idee. Jeder Lehrer sollte in der Lage sein, an jeder Schule unterrichten zu können. In der Praxis geschieht das in Zeiten des Lehrermangels ja sowieso. Es ist auch nicht einzusehen, warum Nicht-Gymnasiasten „dümmere Lehrer“ bekommen sollen. Oder was verbirgt sich hinter der anderen Ausbildung für Nicht-Gymnasiallehrer. Weniger Anforderung, weniger Anspruch? In meiner Lehrerausbildung haben wir alle (außer Grundschullehrer) eigentlich das Gleiche gemacht. Wir Gymnasiallehrer mussten nur ein paar Scheine mehr erbringen, also hier und da ein paar Seminare mehr belegen. Da Lehrer grundsätzlich mehr wissen müssen als die Schüler, verstehe ich nicht, was ein Nicht-Gymnasiallehrer nicht zu wissen braucht, ein Gymnasiallehrer aber schon. Also ich bin dafür: Gleiche Ausbildung für alle bzw. EINE Lehrbefähigung für alle Lehrämter (mit Ausnahme des Grundschulbereichs).

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