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IG Metall begehrt gegen grün-rote Bildungspolitik auf

STUTTGART. Zu viel Gleichmacherei im Schulsystem und zu wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Arbeitsmarkts: Die Metall-Branche sieht die grün-rote Schulpolitik mit großer Sorge. Vor allem die als SPD-nah geltende Gewerkschaft fürchtet Nachwuchsprobleme.

Die IG Metall in Baden-Württemberg sorgt sich um den Berufsnachwuchs für die Metallindustrie. Foto: Roadrunner 38124 / flickr (CC BY 2.0)

Die IG Metall in Baden-Württemberg sorgt sich um den Berufsnachwuchs für die Metallindustrie. Foto: Roadrunner 38124 / flickr (CC BY 2.0)

Gewerkschaften und Arbeitgeber der Metall-Branche im Südwesten fürchten wegen der grün-roten Schulpolitik einen Mangel an Fachkräften. «Das Hauptproblem der Metall- und Elektroindustrie ist nicht nur der Mangel an Ingenieuren, sondern auch an Fachkräften mit dualer Ausbildung», sagte IG-Metall-Bezirksleiter und SPD-Mitglied Jörg Hofmann. «Man darf den jungen Menschen nicht vormachen, der einzige Weg zum Glück ist das Abitur und dafür die Ressourcen weiter ausbauen, ohne das Gleiche für die Berufsschulen zu tun.» Die Politik müsse den Arbeitsmarkt, den Bedarf der Unternehmen und berufliche Perspektiven der Menschen stärker im Blick haben. Die Bemühungen der Landesregierung, allen Kindern den Weg zu möglichst hohen Schulabschlüssen zu ebnen, führten zu falscher Orientierung, sagte Hofmann.

Rückendeckung bekam der Gewerkschaftsboss von den Arbeitgebern. Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung mit der Folge, dass Haupt- und Werkrealschulen mangels Schülern verschwänden, sei «völlig daneben», kritisierte Südwestmetall-Chef Stefan Wolf. Die Schülerströme verschöben sich in Richtung Realschule und Gymnasium, wo die Lehrer überfordert vor Riesenklassen stünden. «Wir brauchen aber auch junge Menschen mit Hauptschulabschluss und Mittlerer Reife, die eine duale Ausbildung durchlaufen wollen», betonte Wolf, Vorstandschef des Dettinger Autozulieferers ElringKlinger (Kreis Reutlingen).

Bei Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) laufen IG Metall und Unternehmer offene Türen ein. Der Vize-Regierungschef distanzierte sich vom Ziel der grün-roten Koalition, nach dem mehr junge Leute einen Hochschulabschluss machen sollen. «Wir müssen unser Hauptaugenmerk vielmehr darauf richten, die duale Ausbildung attraktiv zu machen», sagte Schmid den «Stuttgarter Nachrichten». Während das Defizit bei Akademikern bei rund 40.000 liege, fehlten 190.000 beruflich qualifizierte Fachkräfte. Um das Interesse der Schüler an einer Ausbildung zu erhöhen, wolle er das Schulfach «Wirtschaft und Berufsorientierung» einführen.

Stoch: Land kann sich frühere Bildungspolitik nicht mehr leisten

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) wies die Vorwürfe zurück. Ziel der Landesregierung sei es, jedem Jugendlichen im Rahmen seiner Fähigkeiten den bestmöglichen Bildungsabschluss bieten zu können. Zudem solle die berufliche Orientierung an den weiterführenden Schulen künftig einen höheren Stellenwert bekommen als bisher, betonte Stoch. «Die Landesregierung will durch den Ausbau der individuellen Förderung erreichen, dass die Ausbildungsreife vieler Jugendlicher und die Bildungsgerechtigkeit im Land verbessert werden», erklärte Stoch. Das Land könne sich die frühere Politik nicht mehr leisten, Schüler mit einer geringeren Ausbildungsperspektive aus den Schulen zu entlassen.

Wolf sieht indes die Gefahr, dass zu viele, nicht geeignete Schulabgänger ein Studium begännen und es frustriert abbrächen, ohne Ausbildung oder Beruf zu haben. Andererseits strebten viele Absolventen nach der dualen Ausbildung einen Hochschulabschluss an, was in den Firmen zu Nachwuchsproblemen führe. «Dabei ist ein Mangel an Facharbeitern in der Zukunft absehbar.» Spätestens in fünf Jahren werde der Engpass deutlich.

Hofmann erinnerte an die vergleichsweise hohen Gehälter von Facharbeitern: «Ein Jurist nach Ausbildung verdient heute am Anfang weniger als ein Facharbeiter nach Ausbildung.» Allerdings müssten dem Facharbeiter auch Aufstiegschancen geboten werden. «Da ist noch viel Luft nach oben», sagte er mit Blick auf die Hochschulen. Es reiche nicht, den Stempel «berufsbegleitend» auf ein Studienangebot zu drucken und ein paar Vorbereitungskurse anzubieten. Notwendig sei eine bessere Verzahnung zwischen Hochschulen und Betrieb, mehr Anerkennung beruflicher Ausbildung sowie Angebote für berufsbegleitendes Studieren.

Die FDP-Fraktion fühlt sich in ihrer Dauerkritik an der Ausdünnung des beruflichen Schulwesens bestärkt. «Es sollte für Grün-Rot ein Alarmzeichen sein, dass selbst die IG Metall den mit ihr traditionell verbündeten Sozialdemokraten ins Stammbuch schreibt, ihre einseitig auf die Bevorzugung des ideologischen Projekts der Gemeinschaftsschule ausgerichtete Schulpolitik aufzugeben.» JULIA GIERTZ, dpa

(17.3.2013)

Zum Bericht: „Wegen dualer Ausbildung: Obama erklärt die deutschen Schulen zum Vorbild“

12 Kommentare

  1. Die Worte von Kultusminister Stoch geben eine vernüftige Antwort auf diese haltlosen Befürchtungen. Immer weniger Ausbildungsbetriebe stellen Schüler/-innen mit Hauptschulabschluss ein. Argumentiert wird, die komplexen Ausbildungsinhalte – gerade im handwerklichen Bereich (z.B. KFZ-Mechatroniker/-in oder Elektriker/-in) seien von Hauptschülern nicht zu bewältigen.
    Auszubildende, die durch die Prüfung fallen, sind für einen Betrieb eine finanzielle Belastung.
    Eine sinnvolle Alternative ist daher der Unterricht in einer Gemeinschaftsschule. Dort können Schüler/-innen individuell – entsprechend ihren Fähigkeiten – gefördert werden. Auch eine frühzeitige Zusammenarbeit mit den beruflichen Schulen wird ermöglicht und sollte angestrebt werden.

    • Man sollte sich auch darüber bewusst werden, dass Universitäten Aufbaukurse vor Beginn des technischen Studiums anbieten, um die Abiturienten (also die mit Qualifikation für ein Studium!!) überhaupt studierfähig zu machen. Ich bin da selber durch gegangen und hab ganz schön große Augen gemacht, was die Universitäten alles voraussetzen – und das ist alles Abiturstoff laut Lehrplan.
      Unser schulisches Bildungssytem ist zu flach geworden – so flach, dass wir die Hauptschulen streichen müssen und von 3 auf 2 Abschlüsse zurück gehen… super.
      Hinzu kommt immer wieder, dass wir Gesamtschulen bilden sollen – ja sollen wir jetzt alle auf niedriges Bildungsniveau setzen? Lehrer haben nicht die Zeit alle Schüler individuell zu unterstützen. Ich weiß das aus Bekanntenkreisen. Ein einzelner (Problem-)Schüler reicht um eine ganze Klasse von 30 Personen lernunfähig zu machen.

  2. Glauben Sie das eigentlich wirklich, was Sie da schreiben, Antje? Falls ja, genügt ein Blick in ausnahmslos alle Studien, die belegen, dass der einzelne in Gemeinschaftsschulen WENIGER gefördert wird. Ich mache mir Sorgen um unsere Kinder, wenn Leute ideologisch Bildungspolitik machen. PS: Ich gehöre keiner Partei an, sondern wünsche mir nur etwas mehr Verantwortungsbewusstsein, bevor man eines der besten Bildungssysteme Versuchen auf dem Rücken unserer Kinder opfert!

  3. Volle Zustimmung, Mike! Ich kann mich auch nur wundern über Antjes Meinung.
    Aber Ideologie ist bekanntlich oft stärker als gesunder Menschenverstand. Das beweisen die vergangenen Jahrzehnte, in denen eine unselige Reform die andere ablöste.
    Deren meist negative Ergebnisse sollten für jeden unvoreingenommenen Beobachter Anlass genug sein, nicht mehr auf hohle Hoffnungsphrasen hereinzufallen, sondern mitzudenken und sich genauer zu informieren.
    Einheits- bzw. Gemeinschaftsschulen sind ein besonders schlimmer Sündenfall. Dort können Schüler/-innen entgegen Antjes Behauptung kaum mehr individuell gefördert werden.
    Ein menschenverachtendes System, dessen Befürworter angeblich im Sinne der Menschenrechte handeln! Dieser moralinsaure Anspruch macht es Kritikern leider schwer, gegen das inklusive Lernen vorzugehen.

    • Werner Schneyder

      Das menschenverachtende System ist weltweit Standard, hat bei PISA bestens abgeschnitten. Inklusives Lernen ist übrigens seit 2099 Menschenrecht.

  4. Ich glaube es nicht nur. Ich weiß es! Eine Gemeinschaftsschule ist KEINE Einheitsschule. Die Kinder werden individuell gefördert. Wer hier von „einer Sünde“ und einem „menschenverachtenden System“ spricht handelt zutiefst unmoralisch und sollte sich erst einmal in diesen Schulen erkundigen, bevor er so einen Mist schreibt.

  5. Herbert Rödling

    Dieser Schulterschluss der IG Metall mit den Metallarbeitgebern bringt so langsam das Fass zum Überlaufen! Wer die Bemühungen sieht, in den Schulen und eben verstärkt in den Gemeinschaftsschulen Schülerinnen und Schüler auch aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ nach oben zu bringen und Abbrecher wegen zum Teil altersbedingten leistungsschwachen Jahren wieder aufzufangen, der kann sich nur wundern. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass die IG Metall in Baden-Württemberg durch die Verflechtung über ihre Funktionäre mit den politischen Lobbyisten in den Chefetagen verbandelt ist und denen die Munition liefert. Auch bei Stuttgart 21 ist es so. In Baden-Württemberg scheint ein IG Metaller politisch auf der Seite der Unternehmer sehr gut aufgehoben zu sein. So tut er sich zusammen mit dem CDU-Philologenverband, den Gymnasiallehrern, die um ihre Privilegien bangen, weil in einer Gemeinschaftsschule über kurz oder lang auch Abi gemacht werden kann, und schlussendlich auch mit den üblichen Strukturkonservativen. Ich bin Arbeiterkind Jahrgang 1948. Ich weiß wie schwer es war im elitären Gymnsium meinen Weg zu gehen – war der erste meiner Familie und meines Dorfes. Heute sehe ich: es hat sich einiges geändert im Gymnasium aber alle Fakten belegen: es werden immer noch viel zu viele Kinder „ausgesiebt“. Das der IG Metall mal ins Stammbuch.

  6. Herbert Rödling

    Ich schiebe gerne noch die

    Pressemitteilung Nr. 11/2013 der IG Metall-Jugend vom 7. März nach. Vielleicht gibt das ja doch eineigen im Ländle zu denken:

    IG Metall Jugend startet Kampagne für grundlegende Bildungsreform „Revolution Bildung“

    09.03.2013 Ι

    Frankfurt/Main – Die IG Metall hat eine grundlegende Bildungsreform gefordert. „Das Bildungssystem gerät immer mehr in die Kritik angesichts sinkender Qualität für alle, steigender Kosten für den Einzelnen und wachsender sozialer Ungleichheit“, sagte Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, am Samstag in Frankfurt. „Wir brauchen ein Modell, das lebenslanges Lernen ermöglicht, mit dem Recht auf Fortbildung und auf bezahlte Freistellung für die berufliche Weiterqualifizierung.“

    Die Herkunft der Kinder entscheide immer noch gravierend über die soziale und berufliche Zukunft. 83 Prozent der Kinder von Eltern mit einem Hochschulabschluss beginnen selbst ein Studium, bei den Kindern von Nichtakademikern sind es nur 23 Prozent. Trotz Fachkräftemangels investierten die Unternehmen nur magere 0,7 Prozent der Arbeitskosten in Fort- und Weiterbildung. Der Stress im Bildungssystem nehme auf Kosten der Qualität zu, weil die Ausbildungszeiten an Schulen und Universitäten immer mehr verkürzt werden. Die Quote der Studienabbrecher sei seit 2006 von 25 auf heute 35 Prozent gestiegen, kritisierte Wetzel.

    In den nächsten Monaten werde die IG Metall-Jugend mit der Kampagne „Revolution Bildung“ im Vorfeld der Bundestagswahlen Druck auf die Politik machen. „Bildungsausgaben sind kein Kostenfaktor, sondern Investitionen in unsere Zukunft. Das bedeutet, dass der Staat mehr in Bildung investieren, aber auch, dass die Wirtschaft finanziell mehr Verantwortung übernehmen muss“, sagte Eric Leiderer, Bundesjugendsekretär der IG Metall, anlässlich der Auftaktveranstaltung mit 350 jungen Aktiven. „Bildung ist das zentrale Thema für junge Menschen. Sie sprechen der IG Metall beim Thema Bildung eine hohe Kompetenz zu“, sagte Leiderer.

    Die IG Metall-Jugend werde in Kürze in einem Bildungsmanifest ihre Forderungen öffentlich darstellen und mit unterschiedlichen Aktionen, wie am Samstagabend in der Frankfurter Innenstadt, in zugespitzter Form auf den Punkt bringen. „Die Politik hat in den letzten Jahren versagt. Sie hat zugelassen, dass immer mehr Menschen abgehängt werden“, kritisierte Leiderer. „Das wollen wir ändern und gehen mit unserer neuen Kampagne ‚Revolution Bildung‘ an den Start.“

  7. Zitat: „Wer hier von “einer Sünde” und einem “menschenverachtenden System” spricht handelt zutiefst unmoralisch…“
    Sagte ich es nicht?! Wer sich gegen die Inklusion stellt, bekommt die Moralkeule zu spüren. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation der Inklusions-Befürworter.

  8. Die nächste Wahl in BW dürfte spannend werden.

  9. @Michael
    Die grün-rote Bildungspolitik orientiert sich nicht an den Realitäten, sondern an ideologischen Vorstellungen.
    Die entsprechende Hoffnungsphraseologie hört sich immer gut an, doch die realen Ergebnisse sind grauenhaft. Trotzdem wird nicht umgelenkt, sondern die Anstrengungen in die falsche Richtung verstärkt, so als könne man Gift mit noch mehr Gift bekämpfen.
    Leider scheint auch die große Gruppe der Lehrer anfällig für gutmenschlichen, aber irrealen und sogar zerstörerischen Lobgesang auf falsche Systeme und Methoden. Gut meinen ist immer häufiger das Gegenteil von gut machen.

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