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Prävention gegen Amok: Lehrer fühlen sich „weniger hilflos“

BERLIN. Für Eltern, Schüler und Lehrer ist es der Alptraum schlechthin: Ein Amoklauf an ihrer Schule. Etwa elf sogenannter Schoolshootings hat es seit 1999 in Deutschland gegeben, meist kamen gleich mehrere Menschen dabei ums Leben. Aber wie davor schützen? Wie die potenzielle Gefahr rechtzeitig erkennen, lange im Voraus? Modellprojekte versuchen, frühzeitig Aufmerksamkeit zu schaffen.

Oft werden Amok-Drohungen an Schulwände gesprüht. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de (1)

Oft werden Amok-Drohungen an Schulwände gesprüht. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de (1)

Eines davon, NETWASS (Network against School Shootings), wurde jetzt evaluiert und abgeschlossen. Mit gutem Erfolg bei den Schulen. «Wir fühlen uns nicht mehr so hilflos», sagt der Berliner Schulleiter Bernd Schönenberger.

Vor drei Jahren erfuhr der Direktor des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums in Berlin-Pankow von dem Projekt in einer Schulleiterrunde. «Kurz vorher sprach ich mit einer Kollegin, die eine komische Bemerkung aus dem Schülerkreis aufgeschnappt hatte», erzählt Schönenberger. «Da habe ich erst gemerkt, wie groß die Unsicherheit im Kollegium ist.» Die überwiegende Mehrheit der Kollegen war dann schnell überzeugt von der Idee, beim NETWASS-Modellprojekt mitzumachen.

Das bedeutete für die gesamte Lehrerschaft zunächst: ein Nachmittag extra Schulung. Und für das fünfköpfige Krisenteam zusätzlich mehrere Fortbildungstage. «Da haben wir dann alles durchgespielt, den Umgang mit den Checklisten, auch Drucksituationen», sagt Schönenberger. «Das war ein großer Gewinn. Jetzt fühlen wir uns sicherer, haben konkrete Ansprechpartner und kennen das Notfall-Prozedere.»

Genau dieser zusätzliche Zeitaufwand und auch das gern verdrängte Thema schrecken aber offenbar einige Schulen ab. «Schüler sind normalerweise sehr aufmerksam und möchten Hinweise weitergeben, aber sie treffen immer wieder auf Erwachsene, die Angst haben und den Kopf in den Sand stecken», berichtet die Kriminologin Prof. Britta Bannenberg (Uni Gießen). Viele Schulleiter seien gar nicht gewillt, das Thema Krisenprävention in die Schulen hineinzulassen – auch aus Angst vor Überlastung. Hinzu kommen, nach Ansicht der Experten, politische und föderalistische Gründe.

Dabei ist diese Art von Krisenprävention sogar via E-Learning zu erlernen: «Es braucht gar nicht unbedingt ein mehrtägiges Seminar, es gibt auch andere Wege», bestätigt Prof. Herbert Scheithauer, der NETWASS an der FU Berlin entwickelte. Das Feedback der über 100 Teilnehmerschulen in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg scheint dies zu bestätigen. Fast alle Schulen blieben im siebenmonatigen Testzeitraum dabei.

„Dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen“

An mehr als 80 Prozent dieser Schulen wurden in dieser Zeit insgesamt über 240 Vorfälle gemeldet – die meisten erwiesen sich als harmlos. Einige Male gab es auch Gewaltandrohungen. «Meist waren das aber Einzelreaktionen auf einen konkreten Vorfall», berichtet Scheithauer. «In gut zehn Fällen davon war es aber gut, dass mit den Schülern gearbeitet wurde.»

Auch die Ergebnisse des neugestarteten Forschungsprojekts TARGET (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt) sollen künftig in die Verbesserung von Präventionsansätzen wie NETWASS oder Sichere Schule einfließen. «Wir haben nun viel Zeit für die Frage: Müssen wir bei Prävention und Intervention vielleicht auch etwas umstellen?», ergänzte TARGET-Projektpartner Prof. Andreas Zick (Uni Bielefeld).

Am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium sieht man sich dennoch schon einen guten Schritt vorangekommen. «Uns ist natürlich klar, dass wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen dürfen», sagt Schulleiter Schönenberger. Darüber hinaus gibt es an der Schule deshalb eine Amokalarmanlage und von innen verschließbare Türen. «Aber das Feedback ist gut. Und wenn man etwas tut, ist das immer positiv.» ANDREA BARTHÉLÉMY, dpa

(19.3.2013)

Zum Bericht: „Forscher: Amokläufer sehen in der Schule die Ursache ihres Leidens“

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