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Rheinland-Pfalz: Landtagsparteien streiten über Schulversuch zum Sitzenbleiben

MAINZ. In der umstrittenen Frage des Sitzenbleibens geht die rheinland-pfälzische Landesregierung den Weg eines Modellversuchs. Das kritisiert die CDU. Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) spricht von einer Phantomdebatte.

Im Streit um einen möglichen Verzicht auf das Sitzenbleiben hat die rot-grüne Regierungskoalition in Rheinland-Pfalz ihren Modellversuch verteidigt. Mit dem Test sollten Schulen ausloten, wie mit individueller Förderung das Wiederholen von Klassen überflüssig werden könne, sagte Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) am Donnerstag im Landtag in Mainz. «Sitzenbleiben wird nicht abgeschafft», sagte sie und warf der CDU-Opposition eine Phantomdebatte vor.

Die rheinland-pfälzische Kultusministerin Doris Ahnen

Kultusministerin Doris Ahnen will Schulen in einem Modellversuch ermöglichen, auf das Sitzenbeiben zu verzichten. Foto: Marc Bleicher / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

«Das Abschaffen des Sitzenbleibens löst keine Probleme, sondern verschärft und verschiebt sie nur in die Zukunft», sagte der CDU-Abgeordnete Guido Ernst. Lehrer unterstützten ihre Schüler schon jetzt, so gut sie können. Die Landesregierung gaukele Eltern und Schülern etwas vor, wenn sie verspreche, jede Fünf könne im Klassenverband mit mehr individueller Förderung kompensiert werden.

Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch Schulen die Möglichkeit geben, auf das Wiederholen von Klassen zu verzichten. Daneben sollen die Noten um Berichte zur Lernentwicklung ergänzt werden. Nach den Worten der SPD-Abgeordneten Bettina Brück werden sich voraussichtlich rund zehn Schulen im Land beteiligen. Auch SPD und Grüne in Niedersachsen wollen das Sitzenbleiben und das Herunterstufen der Schule überflüssig machen.

Die Zahl der Wiederholer sei in den vergangenen zehn Jahren in Rheinland-Pfalz von 2,7 Prozent der Schüler auf 1,7 Prozent gesunken, sagte Ministerin Ahnen. Diese Zahl solle weiter reduziert werden. Studien hätten gezeigt, dass Schüler nach dem Sitzenbleiben oft nicht gut in ihren neuen Klassen integriert seien.

«Kinder können nur lernen, wenn sie sich wohlfühlen», sagte die Grünen-Abgeordnete Ruth Ratter. Wenn die Leistungen auch mit mehr individueller Förderung nicht für ein Weiterkommen reichten – dann gebe es weiterhin die Möglichkeit des Sitzenbleibens. «Es geht nicht um Kuschelpädagogik», ergänzte Brück.

Laut einer Mitteilung des Lehrerverbandes VBE haben im Schuljahr 2011/2012 in Rheinland-Pfalz 6930 Schüler eine Klasse wiederholt. Auf Grundlage von Studien über die Pro-Kopf-Ausgaben für Schüler ergebe dies Kosten von mehr als 36 Millionen Euro. «Das ist nicht nur ökonomisch unsinnig, sondern erst recht aus pädagogischer Sicht», erklärte der VBE. Leistungsschwächen könnten viel besser mit mehr Förderung bekämpft werden, als mit Sitzenbleiben.

«Es ist ein Überbleibsel aus der frühen Zeit der Schulpädagogik, die ausschließlich dem Gedanken der Selektion verpflichtet war. Hiervon sind wir mittlerweile weit entfernt», erklärte der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Klaus-Peter Hammer, in Mainz. «Dass Rheinland-Pfalz nun im Modellversuch einigen Schulen den Freiraum gibt, darauf zu verzichten, ist vernünftig und nachvollziehbar.» (dpa)

(07.03.2013)

zum Bericht: Lehrer: Mit Sitzenbleiben abschaffen ist es nicht getan

Ein Kommentar

  1. mehrnachdenken

    Ich kann „individuelle Förderung“ nicht mehr hören! Damit soll doch vor allem suggeriert werden, dass heute jede(r) jeden Bildungsabschluss erreichen kann.
    Ich stelle mir da ein Kind vor, das bereits in der GS große Schwierigkeiten im Rechnen und Schreiben hat. Die Eltern schicken es dennoch auf das Gymnasium, wo es aber von Anfang an hoffnungslos überfordert ist. Das wollen die Eltern aber nicht einsehen, und deshalb nimmt es nicht nur die Förderung in der Schule in Anspruch, sondern auch noch die Nachhilfe am Nachmittag. Bald
    reagiert das Kind psychosomatisch mit Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und großer Aggressivität. Das bedeutet aber noch nicht das Ende des Leidensweges, denn nun greifen die Eltern zu den allseits bekannten Pillen, und am Ende bricht das Kind zusammen.
    Temporäre schulische Unterstützung in einem Fach halte ich für sinnvoll, aber bei dieser weit verbreiteten Vorstellung, alles sei möglich, wenn nur genügend „individuell“ gefördert würde, frage ich mich schon, ob da das Kindeswohl nicht langsam gefährdet ist.

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