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Studie: Kaum Fortschritte bei der Inklusion

GÜTERSLOH. Die Inklusion kommt nur mühsam in Gang. Der angestrebte gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung geht im deutschen Schulsystem nur in kleinen Schritten voran. Zwar besucht jeder vierte Schüler mit Förderbedarf inzwischen eine reguläre Schule, trotzdem aber verlieren die Förderschulen nicht an Bedeutung.  Denn: Bei immer mehr Schülern wird ein Förderbedarf festgestellt.

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Die Grundschule Langbargheide in Hamburg wurde für ihre inklusive Arbeit mit dem Jakob-Muth-Preis 2012 ausgezeichnet. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Dies sind Ergebnisse einer Studie des renommierten Bildungsforschers Prof. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Nach der seit 2009 geltenden UN-Behindertenrechtskonvention sieht sich Deutschland verpflichtet, Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten. Lag die Quote der besonders förderbedürftigen Schüler an Regelschulen damals noch bei 18,4 Prozent, so ist der Anteil auf mittlerweile 25 Prozent gestiegen.

Trotz des steigenden Inklusionsanteils ist der Schüleranteil der Förderschulen nur gering gesunken. 2009 gingen 4,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht auf eine reguläre Schule. Aktuell sind es 4,8 Prozent. Das belege, so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, dass das Doppelsystem aus Regelschule und Förderschulen unverändert Bestand habe.

Die trotz der fortschreitenden Inklusion konstante bundesweite Bedeutung der Sonderschulen hängt damit zusammen, dass bei immer mehr Kindern sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird, heißt es in der Studie. 2009 hatte der Anteil der Schüler mit Förderbedarf an der gesamten Schülerschaft noch bei sechs Prozent gelegen. Im vergangenen Jahr betrug die Förderquote 6,4 Prozent. Insgesamt haben damit in Deutschland eine halbe Millionen Schüler den Status „besonderer Förderbedarf“.

„Förderschulen binden zu viele Ressourcen“

«Solange das Doppelsystem aus Regel- und Förderschule besteht, ist erfolgreiche Inklusion schwierig, weil Förderschulen jene Ressourcen binden, die dringend für den gemeinsamen Unterricht benötigt werden», sagt Professor Klemm in der Studie. 2012 hatte der Bildungsökonom bereits errechnet, dass – selbst wenn die Mittel der Sonderschulen weitgehend zu den Regelschulen umgeschichtet würden – bundesweit jährlich 660 Millionen Euro für 9300 zusätzliche Lehrer gebraucht würden, um inklusiven Unterricht in angemessener Qualität anzubieten.

Laut Studie sind die Unterschiede beim Thema Inklusion zwischen den Bundesländern groß. Bei den Faktoren Stellenwert von Sonderschulen, Anerkennung von Förderbedarf und Ausbau von gemeinsamen Unterricht weichen die Länder erheblich voneinander ab. Vorreiter bei der Inklusion sind Bremen (55,5 Prozent) und Schleswig-Holstein (54,1). In Niedersachsen hingegen werden nur 11,1 Prozent der Förderschüler auf einer regulären Schule unterrichtet.

In Mecklenburg-Vorpommern haben mit 10,9 Prozent mehr als doppelt so viele Schüler besonderen Förderbedarf wie in Rheinland-Pfalz oder Niedersachsen (4,9 Prozent). Und während in Bremen der Anteil der Schüler an Förderschulen seit 2009 von 4,6 auf 2,8 Prozent stark zurückgegangen ist, ist in Baden-Württemberg der Anteil von 4,7 auf 5,0 Prozent gestiegen. dpa

(18.3.2013)

 

4 Kommentare

  1. Wenn Bremen bei der Inklusion mit 55,5 Prozent Vorreiter ist, dann spricht das Bände über die Inklusion.
    Bremen kann mit seiner jahrzehntelangen verfehlten Schulpolitik inzwischen als treffsicherer Kontra-Indikator gelten. Was hier vorangetrieben wird, sollte woanders unbedingt vermieden werden.

  2. Wenn es mit der Inklusion langsam geht, ist das eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass sie hoffentlich nur da durchgeführt wird, wo es sinnvoll ist, und dass nicht alle Eltern ohne Rücksicht auf ihr Kind I. einfordern.
    Die überaus lange Diskussion über Inklusion bei 4teachers zeigte ja auch, dass in mehreren Bundesländern die Rahmenbedingungen schlecht sind und dass die Kultusminister die hohen Mehrkosten vernünftiger Inklusion nicht zu zahlen bereit sind.

    • @Reinhard
      Mich würde interessieren, wo Sie die Inklusion als sinnvoll ansehen. Sie drücken sich da nach meinem Geschmack etwas zu diplomatisch und darum schwammig aus.
      Für mich ist die Inklusion im Bereich von körperlicher Behinderung sinnvoll, ansonsten nicht.

  3. Besorgte Mutter

    Inklusion funktioniert nur dort wo die nötigen Förderungen auch gewillt sind.
    Beispiel Hamburg: Ein KInd das im Rollstuhl sitzt, sonst aber topfit ist und in der Schule gut mitkommt bekommt die persönliche Förderung vom ca 9 Stunden.
    Ist ein Kind, aber z.B. Legastheniker und deshalb nicht so schnell bei der Aufnahmen von gelesenen oder geschriebenen, bekommt es die systemische Ressource, nur weil es eben nicht motorisch behindert ist. Die systemische Ressource geht f´davon aus das nur 4 KInder in einer Klasse behindert sind, was schonmal nicht stimmt, und das die Behinderung vom sozialen Umfeld der Schule abhängt. Deshalb gibt es für diese Kinder eine deutlich kleinere Ressource.
    Wo ist da die Logik?

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