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Einer passt noch rein: Rechtsanspruch auf Kita senkt die Qualität

BERLIN. Von August an hat jedes Kind in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Der Druck, das Angebot bereitzustellen, ist groß. Für die Kinder ist das nicht unbedingt von Vorteil, sagen Pädagogen.

Überbelegung, Überlastung der Erzieher und Fachkräftemangel sind  in mehr als die Hälfte der Kitas ein Problem. Foto: woodleywonderworks / Flickr (CC BY 2.0)

Überbelegung, Überlastung der Erzieher und Fachkräftemangel sind in mehr als die Hälfte der Kitas ein Problem. Foto: woodleywonderworks / Flickr (CC BY 2.0)

Alltag in einer Berliner Kita: Durch den großen Mehrzweckraum wuselt ein Dutzend Kinder und wühlt in der Verkleidungskiste. In den drei Gruppenräumen werden je 17 Drei- bis Fünfjährige betreut. «Früher waren es nur 15», sagt die Leiterin, die anonym bleiben will, wie in Erinnerung an bessere Zeiten. Die Kita wurde in den 60er Jahren als Teilzeiteinrichtung gebaut – die Räume wuchsen mit den gestiegenen Anforderungen nicht mit.

Realität heute: Eine Erzieherin pro Gruppe, plus knapp zwei Planstellen für die 12 Krippenkinder im Alter zwischen ein und zwei Jahren. So steht’s mit der Ausstattung für das Betreuungs- und Bildungskonzept, das auch Sprachförderung, Musik und Sport vorsieht. Realisierbar ist das nur durch immenses Engagement der Mitarbeiter und Honorarkräfte. «Unser Personalschlüssel orientiert sich an den Gutscheinen der Kinder – mehr ist da nicht drin.» Die Leiterin kling frustriert. Als eine Krippenerzieherin ging, hat sie ein halbes Jahr nach einer Nachfolgerin gesucht.

Mit diesem Problem steht die Berliner Kita-Chefin nicht alleine da. Fachkräftemangel ist eines der größten Probleme, mit denen die Einrichtungen zu kämpfen haben. Verstärkt wird der Druck durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, den jede Familie von August an auch für Kinder unter drei Jahren geltend machen kann.

Zwar mehren sich derzeit die stolzen Meldungen von Kommunen, die mit der erforderlichen Zahl aufwarten können – doch beim genaueren Hinschauen ist nicht alles rosa. «Die großen Kraftanstrengungen, diesen Anspruch erfüllen zu können, führen vielerorts dazu, dass die Qualität zu kurz kommt», stellte der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler am Donnerstag in Berlin fest.

Die AWO, Trägerin von über 2300 Kitas im Bundesgebiet, hatte in den Einrichtungen nachgefragt. «Wir arbeiten hier ständig hart an der Grenze zu kindeswohlgefährdenden Bedingungen», sagte eine Kita-Leiterin zur engen Personalsituation.

Überbelegung, Überlastung der Erzieher und Fachkräftemangel sind demnach in mehr als die Hälfte der Kitas ein Problem. Viele sehen sich unter dem Druck, mehr Plätze anzubieten, ohne die Infrastruktur aufstocken zu können – nach dem unfreiwilligen Motto: Einer passt noch rein. «Häufig schlagen Kommunen ungeeignete Räume zur Nutzung vor, etwa Mehrzweckhallen oder Container», berichtete Stadler.

Für den Entwicklungspsychologen Prof. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut NRW in Köln ist frühkindliche Betreuung zu solchen Konditionen nur bedingt empfehlenswert: «Damit wir junge Kinder optimal betreuen und fördern können brauchen wir mehr Qualität, als wir sie zur Zeit haben», sagt er. «Nie wieder lernt ein Mensch so viel, so schnell und so leicht wie in den ersten Lebensjahren.»

Neun Kleinkinder bräuchten drei Erzieher

Selbst beim Windelwechseln. «Ein Erzieher, der sich hier Zeit für das Kind lassen kann, es ohne Windeln strampeln lässt und Wortspiele mit ihm macht, tut sehr Wichtiges für die Bewegungs- und Sprachförderung.» Um das zu gewährleisten, bräuchten neun Kleinkinder aber drei Erzieher, betont Strätz. «Diesen Schlüssel erreicht derzeit kein einziges Bundesland.» Auch für Ganztagsgruppen älterer Kindergartenkinder hält er drei volle Fachkräfte für unerlässlich.

Prof. Susanne Viernickel, Prorektorin der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, teilt die Bedenken. Trotz des viel gelobten breiten Kita-Angebots in Ostdeutschland sei der Betreuungsschlüssel für jüngere Kinder gerade dort häufig besonders schlecht. Das belegt auch der Bertelsmann-Ländermonitor vom Juli 2012: Während im Saarland das Verhältnis Erzieher-Krippenkind bei etwa 1:3 liegt, ist es in Brandenburg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt bei etwa 1:6. «Das Gute ist: Wir haben in Deutschlands Standards, wenn auch in jedem Bundesland eigene. Das Schlechte: Aus wissenschaftlicher Sicht reichen sie nicht aus.»

Einen Ausweg aus der Personalmisere sieht Viernickel, deren Uni als eine der ersten eine Hochschulausbildung für Erzieherinnen anbot, in der ausgewogenen Mischung der Mitarbeiter: «Hilfskräfte können Fachkräfte nicht ersetzen, aber sie können sie prima unterstützen.» Doch auch sie müssen bezahlt werden – und viele Kommunen sind klamm. «Der Bund muss ein Großteil der Kita-Betriebskosten übernehmen», fordert AWO-Chef Stadler deshalb.
Andrea Barthélémy, dpa

(30.5.2013)

Zum Bericht: „Kita-Ausbau zu langsam – Politiker: Standards lockern“

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