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700 Euro Geldstrafe für Hausunterricht in Hessen

FRITZLAR. Ein Ehepaar aus Nordhessen muss eine Geldstrafe zahlen, weil es drei seiner Kinder zu Hause unterrichtet hat. Dass die strenggläubigen Eltern aus Homberg/Efze ihre Kinder nicht zur Schule schickten, sei rechtlich strafbar, erklärte die Richterin des Amtsgerichts Fritzlar am Mittwoch. Sie verurteilte das Paar, insgesamt 700 Euro zu zahlen. Dem Ehepaar war laut Anklage ein Verstoß gegen das hessische Schulgesetz vorgeworfen worden.

Das Paar kündigte noch im Gerichtssaal an, gegen die Entscheidung vorzugehen. «Das Urteil kommt nicht überraschend. Wir werden so weitermachen wie bisher», sagte der 51-jährige Vater. «Bevor wir unsere Kinder in eine zweifelhafte Umgebung geben, nehmen wir das lieber selber in die Hand.» Er wolle selbst über die Bildungsziele und das Bildungsklima entscheiden.

zeichnender Junge

Hausunterricht ist in Deutschland verboten. Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Das Paar kämpft seit 20 Jahren für das sogenannte Homeschooling. Bereits zuvor wurde es zweimal zu Geldstrafen verurteilt. Die jüngeren der neun Kinder werden vor allem von der 47-jährigen Mutter unterrichtet. Die älteren Kinder, die auch zu Hause unterrichtet worden waren, haben über Prüfungen staatliche Haupt- oder Realschulabschlüsse mit sehr guten Noten erreicht und auch Berufsausbildungen absolviert.

Die Richterin betonte in ihrer Urteilsbegründung, es gehe beim Unterrichten nicht nur um Wissen, sondern auch darum, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Der Erfolg der Eltern sei angesichts der Leistungen der älteren Kinder zwar unzweifelhaft. Es sei allerdings fraglich, ob die Kinder angesichts der Noten nicht auch Abitur hätten machen können. Die Staatsanwaltschaft hatte für das Paar sechs Monate Haft gefordert, weil sie Wiederholungstäter seien. Der Verteidiger des Mannes forderte einen Freispruch, die Anwältin der Frau beantragte eine Geldstrafe.

«Sie versuchen, sich eine kleine eigene Welt zu schaffen», kritisierte Jochen Nagel, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen. Den Kindern mangele es dabei jedoch an einem wichtigen Teil des Bildungsprozesses. Bildung sei ein kollektiver Prozess. «Kinder lernen miteinander und voneinander. Sie lernen die Eigenheiten der anderen zu akzeptieren.»

Nach Angaben des hessischen Kultusministeriums gibt es maximal drei Familien in Hessen, die das umstrittene Homeschooling betreiben; in der Regel aus religiösen Motiven. Bundesweit gehen Schätzungen von bis zu 500 Kindern aus. Der Hausunterricht sei in dieser Form aber nicht erlaubt, sagte Harald Achilles vom Kultusministerium. «Es gibt eine Schulbesuchspflicht seit 1919.» Wenn Eltern sich nicht daran halten, werde zunächst ein Bußgeld fällig. In hartnäckigen Fällen sei auch – wie im aktuellen Fall – ein Strafantrag möglich.

In anderen Ländern wie den USA dagegen ist Homeschooling erlaubt und gilt als Elternrecht. Dort lernen Schätzungen zufolge bis zu zwei Millionen Kinder bei ihren Eltern. Ein Paar aus Baden-Württemberg, bibeltreue Christen, beantragte vor Jahren sogar Asyl in den USA, um ihre Kinder zu Hause unterrichten zu können. Ein US-Gericht lehnte den Antrag jedoch ab. In Ausnahmen werden Kinder allerdings auch in Deutschland zu Hause unterrichtet, zum Beispiel wenn sie länger schwer krank sind. «Ziel ist aber, dass sie zurück in den Klassenverband gehen», betonte Achilles.

dpa

(22.5.2013)

2 Kommentare

  1. Auch in USA war homeschooling anfangs jahrelang strafbar und wurde nur aufgrund der Hartnäckigkeit der Eltern später erlaubt.

    Mir zeigt das Vorgehen der Behörden, wie unser Land immer intoleranter wird. Selber finde ich es auch viel besser, wenn Kinder in die allgemeine Schule gehen. Aber wenn die Eltern das partout nicht wollen – du liebe Zeit, warum kann man sie nicht einfach lassen!? Warum muss man sie wie Verbrecher behandeln? Warum muss der Widerstand gebrochen werden wie damals in …

    Auf 4t liest man ja so einiges, wie es in Schulen zugehen kann – „soziales Lernen“ kann auch etwas grauenvolles sein!

  2. Es ist beschämend, wie hartnäckig die deutsche Schulpflicht von der Gesellschaft verteidigt wird. Es gibt ja gar keinen Beweis, dass die Kindern hilft, wir machen das im Grunde einfach aus der geradezu religiösen Überzeugung heraus, dass Schule für alle sein muss. Der Grund ist eigentlich aber nur, dass das schon immer so war und deshalb nicht mehr anders vorstellbar ist – in Wirklichkeit ist das System der zwangweisen Massenbeschulung aber ein Produkt des Fabrikzeitalters und der Frühindustralisierung, historisch längst überholt. Der staatsmonopolistische Versuch, Bildung zwangsweise zu verordnen, ist in einer liberalisierten, vernetzen Wissensgesellschaft ein Anachronismus und verstößt darüber hinaus gegen Eltern- wie Kinderrechte, die das Grundgesetz garantiert. Schule ist faktisch nicht als ein Halbtagsgefängnis – mit dem Unterschied, dass man nichts verbrochen haben muss, um als Kind dort hineingesteckt zu werden. In Deutschland darf man nicht einmal einen Verein gründen, wenn der nicht demokratisch verfasst, unsere Schulen sind aber strukturell nach wie vor undemokratisch und autoritär verfasst, es hat sich ja nur der Ton geändert – und da soll man Mündigkeit lernen? Schulfrei zu leben ist ein Grundrecht, darum gehört die Schulpflicht endlich abgeschafft.

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