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Lehrer als Saisonarbeiter: Im Sommer bleibt nur Hartz IV

BERLIN. Jahr für Jahr müssen nach einem Zeitungsbericht Tausende befristet angestellte Lehrer im Sommer Arbeitslosengeld I oder – wegen nicht ausreichender Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung – kurzzeitig Hartz IV beantragen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) meldeten sich in den Sommerferienmonaten 2012 bundesweit 5400 Lehrer zusätzlich arbeitslos, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet.

Tausende von Lehrern in Deutschland freuen sich nicht auf die Sommerferien. Foto: lubaib / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Tausende von Lehrern in Deutschland freuen sich nicht auf die Sommerferien. Foto: lubaib / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

In einer Analyse der Behörde heiße es: Dieser «sprunghafte Anstieg der Arbeitslosigkeit», der nach Ende der Ferien wieder deutlich zurückgehe, falle bereits seit Jahren auf. Spitzenreiter 2012 war laut Statistik Baden-Württemberg, dort kletterte die Zahl der arbeitslosen Lehrer im August um 1400 Prozent. Dabei hatte Grün-Rot versprochen, das zu ändern. Auch in Rheinland-Pfalz, Bayern oder Hessen sei das Phänomen verbreitet.

Hauptursache seien befristet geschlossene Verträge mit nicht verbeamteten Lehrkräften, bei denen die Sommerferien ausgespart blieben. Dass Länder so auf Kosten der Arbeitslosenversicherung sparen, ist dem Zeitungsbericht zufolge nicht neu: Bereits 2001 hatte der Bundesrechnungshof kritisiert, Länder würden sich «eines Teils ihrer Arbeitgeberverpflichtungen zulasten des BA-Haushalts entledigen».

Das Land Baden-Württemberg behält auch unter Grün-Rot die Praxis bei, hunderte befristet angestellte Lehrer während der Sommerferien auf die Straße zu setzen. Laut Bundesagentur für Arbeit war der Südwesten 2012 unter den Bundesländern Spitzenreiter, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. In den Monaten August und September waren 2012 etwa 1600 Lehrer mehr arbeitslos gemeldet als im Jahresdurchschnitt. Damit kletterte die Zahl der arbeitslosen Lehrer um 1400 Prozent. Das Kultusministerium erklärte in Stuttgart, es gebe keine Pläne diese Praxis zu ändern. Die Lehrergewerkschaft GEW warf Grün-Rot vor, damit ein Versprechen zu brechen.

Nach einer Schätzung der Gewerkschaft werden in diesem Jahr in Baden-Württemberg wieder rund 2000 Lehrer betroffen sein. Zumeist seien dies Lehrer, die kranke Kollegen oder solche in Elternzeit vertreten. Das Land spart durch diese Praxis für sechseinhalb Wochen das Gehalt für die Pädagogen. Die befristet beschäftigten Lehrer müssen dann Arbeitslosengeld I oder – wegen nicht ausreichender Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung – kurzzeitig Hartz IV beantragen.

Eine Sprecherin des Kultusministeriums erklärte, in den Sommerferien gebe es keinen Vertretungsgrund. Wie alle anderen Lehramtsbewerber könnten sich aber auch die befristet Beschäftigten zum neuen Schuljahr auf eine unbefristete Stelle bewerben.

Die GEW ist enttäuscht von der Koalition: «Grün-Rot hat hier in Oppositionsjahren Versprechungen gemacht und Erwartungen geweckt, gegen dieses Praxis vorzugehen», sagt Sprecher Matthias Schneider. Diese seien mit Verweis auf die enge finanzielle Haushaltslage aber nicht erfüllt worden. «Bei uns herrscht nun große Enttäuschung und Frustration. Lehrer haben aufgrund ihres stressigen Berufs Ferien verdient.»

Der baden-württembergische CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl erklärte, die Spitzenposition des Landes in der Statistik sei «eine Schande» – obwohl die frühere CDU-geführten Landesregierung das ähnlich gehandhabt hat. «Gute Schule braucht engagierte und vor allem auch motivierte Lehrerinnen und Lehrer. Personalpolitik nach dem Motto „Hire and Fire“ trägt ganz bestimmt nicht zu einer besonders hohen Motivation bei.» Die Lehrer seien «auch hier bitter enttäuscht» von Grün-Rot.

Das Mainzer Bildungsministerium, gleichfalls im Bericht genannt, winkt jedoch ab. Die Ferien würden nicht gezielt ausgespart. «Für Rheinland-Pfalz trifft das nicht zu», sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Vertretungsverträge würden in Rheinland-Pfalz je nach Dauer des Vertretungsgrundes befristet, sagte der Ministeriumssprecher. Wenn ein solcher Grund – etwa eine Krankheit, eine Elternzeit oder eine Abordnung eines Lehrers – auch nach den Sommerferien noch vorliege, werde der Vertrag in der Regel bis sechs Wochen nach Schuljahresbeginn geschlossen. Dann werde geprüft, ob die Vertretung durch «neue Personalzuweisungen» entfallen könne. Im vergangenen Jahr seien im Land auf insgesamt rund 41 000 hauptberufliche Lehrkräfte im Monatsdurchschnitt etwa 2000 Vertretungslehrer gekommen.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Rheinland-Pfalz, Klaus-Peter Hammer, sagte, die Lage in Rheinland-Pfalz sei besser als etwa in Baden-Württemberg. Gleichwohl nehme auch in Rheinland-Pfalz die Zahl der Verträge zu, die vor den Ferien endeten. «Das Problem ist auch in Rheinland-Pfalz virulent.»

Ein Kommentar

  1. Das kann man schon irgendwie verstehen, finde ich. Wenn jemand als Vertretungslehrer eingesetzt wird und dann nicht noch für die Sommerferien, in denen er ja (wenn es so ist) nicht arbeiten muss. Andererseits sind ja die Ferien (außer des eigenen Urlaubsanspruchs) Ausgleich für die Mehrbelastung in der Unterrichtszeit, wo man eben nicht nur seine (z.B.) 40 Stunden arbeitet, sondern eben mehr durch Vorbereitung, Nachbereitung, Elternabende, Wandertage, Klassenfahrten, Dienstberatungen etc. Ich jammere nicht wie andere darüber, dass man das nicht bezahlt bekommt, sondern sehe die Ferien als Ausgleich. Und dieser Ausgleich sollte dann jenen oben genannten Vertretungslehrern auch zustehen, finde ich!!! Die beste Lösung jedoch ist, solche befristeten Anstellungen in unbefristete umzuwandeln, dann sind auch die Ferien mit drin!

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