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Schulleiter in Sorge: Studienplätze nur für Einser-Abiturienten?

DÜSSELDORF. Derzeit machen der erste G8-Jahrgang und der letzte G9-Jahrgang in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, Abitur – eine Welle, die wohl bald an den Universitäten in ganz Deutschland zu spüren sein wird. Schulleiter zeigen sich besorgt, dass viele Abiturienten keinen Studienplatz bekommen könnten.

    Bald Realität? Der Philologenverband sagt voraus, dass viele Abiturienten vor verschlossenen Uni-Türen stehen werden. Montage: News4teachers. Foto: jmm-hamburg / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Bald Realität? Der Philologenverband sagt voraus, dass viele Abiturienten vor verschlossenen Uni-Türen stehen werden. Montage: News4teachers. Foto: jmm-hamburg / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Bochumer Schuldirektoren haben in einem Brief an das nordrhein-westfälische Schulministerium Alarm geschlagen. Die Verunsicherung bei den Abiturienten sei groß, heißt es darin, weil Universitäten auf steigende Bewerberzahlen offenbar mit einer drastischen Erhöhung der Zulassungsbeschränkungen reagierten: «Die Sorge ist: Reicht ein Abitur mit der Note 2,0 überhaupt noch, um zu studieren», sagte Schulleiter Dirk Gellesch, der das Schreiben mitinitiiert hatte.

«Ich gehöre nicht zu den Einser-Kandidaten – mein Wunschfach kann ich wohl vergessen», sagt Angelina Nehring, Abiturientin aus Bochum. Weil es durch den doppelten Abiturjahrgang in diesem Jahr mehr Studienbewerber gibt, rückt ihr Traumstudium Psychologie in immer weitere Ferne. Das Fach ist traditionell ähnlich begehrt wie Medizin. Wütend und enttäuscht ist die 19-Jährige aber darüber, dass auch ihr Plan B immer unwahrscheinlicher zu werden scheint: Auch bei Fächern wie Soziale Arbeit oder Pädagogik droht der Numerus clausus in die Höhe zu schnellen.

Zulassungsbeschränkungen an Hochschulen sind nur eines der Schreckgespenster, die Schüler und Eltern zu einem Informationsabend mit der NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) und Hochschulvertretern an die Bochumer Hochschule gelockt haben. Kann ich an meinem Wunschort bleiben oder sollte ich besser in den Niederlanden studieren? Und wenn ich einen Studienplatz ergattert habe, bleibt mir dann nur eine Nische im überfüllten Hörsaal?

Schulze ist gekommen, weil sie Eltern und Schüler beruhigen will. Die klare Botschaft: Die Landesregierung hat Vorsorge getroffen, Personal an den Hochschulen aufgestockt, Lehrer eingestellt, Fachhochschulen ausgebaut. «Wir haben 10 Milliarden Euro investiert allein um Mehrkapazitäten für den doppelten Abiturjahrgang zu schaffen», betont sie. Doppelter Abijahrgang heiße keineswegs doppelte Anzahl von Studienanfängern. Laut Prognose des Ministeriums kommen auf NRW rund 123.000 Studienanfänger zu – 42 000 von ihnen gehen auf das Konto des doppelten Abiturjahrgangs.

Doch auch der Philologenverband schlägt seit Monaten Alarm: «Wenn tausende junge Leute in der Warteschleife hängen, fragen sie sich doch zurecht, warum haben wir mit dem verkürzten Abitur so gesputet, wenn wir jetzt ausgebremst werden?» sagt Peter Silbernagel, Vorsitzender des Verbands. Der Numerus clausus werde immer mehr zur absurden Studien-Bremse in NRW. Dies gelte sogar in Fächern, wo händeringend Nachwuchs nötig sei. Diesen Vorwurf erläuterte der Verband mit einem Vergleich in ausgewählten Lehramtsfächern. Demnach liegt etwa der NC für das Lehramt Sonderpädagogik in NRW inzwischen bei der Abiturnote 2,0 bis 2,2. Im Wintersemester 2008/09 habe der Durchschnittswert dagegen noch bei 3,2 gelegen. Sonderpädagogen würden wegen der Eingliederung behinderter Kinder in Regelschulen aber dringend gebraucht.

Schulze hält das für «Panikmache» – Numerus clausus heiße nicht, dass es weniger Plätze gebe, die Unis dicht machten. Die Kapazitäten in vielen Fächern, darunter auch Medizin seien im Gegenteil erweitert worden. Um die Qualität der Studiengänge hochzuhalten, könnten jedoch nicht unbegrenzt Bewerber aufgenommen werden, so Schulze. Die anwesenden Rektoren verteidigen die Zulassungsbeschränkung als notwendiges Verteilungsinstrument, um die Bewerbung zu organisieren. In Nachrückverfahren hätten auch Anwärter mit schlechteren Abitur-Durchschnitten eine Chance, machen sie Mut.

«NRW ist verhältnismäßig gut vorbereitet, weil schon frühzeitig und systematisch in den Bau neuer Hochschulen investiert worden ist und neue Fachhochschulen gegründet wurden», bestätigt auch Thimo von Struckrad vom Centrum für Hochschulentwicklung. In Boomfächern helfe das jedoch wenig. «Was jetzt schon überlaufen ist, bleibt es auch.»

Schlechte Chancen also für Angelina Nehring mit ihrem Psychologie-Studienwunsch: «Zur Not heißt das dann erstmal jobben gehen», sagt sie schulterzuckend. dpa

(9.5.2013)

Zum Bericht: „Philologenverband: 2013 wird zum Katastrophenjahr für Abiturienten“

 

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