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Ärzte warnen vor „Kinderdoping“ – Alternativen vorhanden

HANNOVER/BREMEN. Leistungsdruck macht auch vor Kinderzimmern nicht mehr halt. Deshalb greifen inzwischen auch Minderjährige zu Mitteln des Gehirndopings. Mit Folgen, die langfristig nicht abzusehen sind, warnen Forscher.

Höher, schneller, weiter: Was Sportler seit Jahrhunderten antreibt, gilt inzwischen auch für die Arbeitswelt. Und selbst vor Kinderzimmern macht das Streben nach maximalem Erfolg nicht mehr halt. Saskia Nagel, Kognitions-Wissenschaftlerin der Universität Osnabrück, mahnt grundsätzlich zur Vorsicht im Umgang mit diesen Mitteln – vor allem bei Minderjährigen. «Das Gehirn und der gesamte Organismus entwickeln sich noch. Wir wissen nicht, wie diese Medikamente dort auf die Dauer wirken», sagt sie. Denn Langzeitstudien zu den sogenannten Neuroenhancement-Mitteln gibt es nicht.

Zu diesen gehört Ritalin mit dem Wirkstoff Methylphenidat, das Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen (wie ADHS und ADS) verschrieben wird. «Wenn kranke Kinder Medikamente erhalten, die helfen, ist das sicher gut», sagt Nagel. Ihr gehe es um gesunde Minderjährige, die die Medikamente zur Leistungssteigerung nehmen.

Auch amerikanische Forscher der American Academy of Neurology (AAN) warnen in der Fachzeitschrift «Neurology» die Ärzte vor dem Verschreiben von aufmerksamkeitsverbessernden Medikamenten bei gesunden Minderjährigen in den USA. Dort sei die Einnahme weiter verbreitet als in Deutschland. Doch auch in Deutschland sieht die Wissenschaftlerin eine Zunahme. Die Barmer Krankenkasse weist im Ärztereport 2013 auf einen sprunghaften Anstieg bei der ADHS-Diagnose hin, andere Studien belegen die Zunahme der Verschreibung von Mitteln mit Methylphenidat.

Hunderttausende Kinder in Deutschland bekommen Medikamente gegen ADHS. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Immer öfter werden Medikamente für eigentlich gesunde Kinder verschrieben. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Mindestens fünf Prozent der Schüler und Studenten in Deutschland haben bereits wenigstens ein Mal zu Neuroenhancement-Mitteln gegriffen, sagt Prof. Klaus Lieb. Er ist Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. Dort hat Lieb Studien zu Neuroenhancement-Mitteln gemacht. «Wir haben alles untersucht, was frei erhältlich ist: Coffeintabletten, Amphetamine, Ritalin und weitere.»

Untersucht hat Klaus Lieb auch die Wirkung: «Der Placebo-Anteil ist hoch», sagt er und meint damit: Der Glaube an die Wirkung hilft oft mehr, als die Einnahme. Saskia Nagel weist auf Alternativen für diese Medikamente hin: ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, andere Lernmethoden in Schule und Studium, und, ganz trivial, Pausen, um zu entspannen. Marie-Luise Braun/dpa

5 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    „Saskia Nagel weist auf Alternativen für diese Medikamente hin: ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, andere Lernmethoden in Schule und Studium, und, ganz trivial, Pausen, um zu entspannen.“

    Vor allen Dingen sollten die Kinder auf Schulen gehen, wo ihnen das Lernen keine Probleme bereitet.
    Wer allerdings bereits in jungen Jahren über die Maßen von sehr ehrgeizigen Eltern mit Förder- und Nachhilfeunterricht „vollgepumpt“ wird, kann leicht ein „Suchtopfer“ werden.

  2. Leistungsdruck bei Kindern entsteht auch durch Reizüberflutung und Mangel an Disziplin, besonders Selbstdisziplin. Wer nicht gelernt hat, sich an den Riemen zu reißen, ist überfordert, wenn er etwas tun soll, wozu er keine Lust hat. Auch das heutzutage gilt als „Leistungsdruck“.

    • mehrnachdenken

      @ Mutter
      Ich kann Ihnen da nur zustimmen. Verräterisch sind ja schon die Unterrichtsmaterialien wie z.B. „Kinderleicht Aufsätze schreiben“. Da wird suggeriert, dass fast alles ohne eigene Anstrengung wie von selbst geht.
      Lernen MUSS heutzutage offensichtlich IMMER Spaß machen. Welche Glücksgefühle jemand empfinden kann, wenn er/sie etwas mit großem Aufwand und immenser Anstrengung geschaffen hat, gerät dabei leider oft genug aus dem Blickfeld. Ja, ist es nicht sogar so, dass die „Spaßpädagogik“ den Kindern die Hürden aus dem Weg räumt, so dass sie diese verdammt guten Gefühle der Zufriedenheit und des Stolzes immer weniger erleben können?

  3. «Wir haben alles untersucht, was frei erhältlich ist: Coffeintabletten, Amphetamine, Ritalin und weitere.»

    Das muss ein unkorrektes Zitat sein. Professor Lieb weiß, dass Amphetamine und Methyphenidat (Ritalin) in Deutschland nur auf Betäubungsmittelrezept zu bekommen sind.

  4. @Ute Heidorn
    Es stimmt, was Sie sagen. Leider aber werden diese Rezepte mit oder ohne ausdrücklichen Wunsch vieler Eltern inflationär verschrieben. Weigert sich ein Arzt, tut es eben der nächste.
    Auch mit anderen Medikamenten ist das so. Z. B. bekommen Patienten auch bei Virusinfektionen oft Antibiotika, obwohl sie dort unangebracht sind.

    @mehrnachdenken
    Umgekehrt kann auch ich Ihnen da nur zustimmen. Hürden aus dem Weg zu räumen bedeutet tatsächlich, „diese verdammt guten Gefühle der Zufriedenheit“ mit sich selbst und des Stolzes auf sich selbst kaum mehr erleben zu können. Längerfristig sorgt das für allgemeine Ängstlichkeit verbunden mit einem geringen Selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl.
    Ist Lernen ohne Anstrengung diesen (vielleicht lebenslangen) Preis wert?

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