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Bildungsforschung, hemdsärmelig vermittelt: Wilfried Bos zum 60.

DORTMUND. Noch vor 30 Jahren, so wusste der Jubilar zu berichten, fristete die empirische Bildungsforschung ein Schattendasein an den deutschen Hochschulen. Heute, gut zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie, boomt die Disziplin, die sich mit der datengestützten Analyse des Lehrens und Lernens beschäftigt. Und der, dessen 60. Geburtstag nun in der Technischen Universität Dortmund mit einem Kolloquium zur Zukunft der Zunft gewürdigt wurde, hat maßgeblichen Anteil an diesem Aufschwung. Die Rede ist von Prof. Wilfried Bos, Direktor des in Dortmund angesiedelten Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS), Leiter von so renommierten Studien wie TIMS und IGLU.

Einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland: Wilfried Bos feierte jetzt seinen 60. Geburtstag. Foto: IFS

Einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland: Wilfried Bos feierte jetzt seinen 60. Geburtstag. Foto: IFS

Bos – der in seiner bisherigen Forscherlaufbahn mehr als 300 Publikationen herausbrachte – gilt als eine von vielleicht einem halben Dutzend Koryphäen des Fachgebietes in Deutschland. Entsprechend prominent war das Podium besetzt. Kolleginnen und Kollegen des Bildungsforschers gaben ihre Einschätzungen zur Lage ihrer Profession – und zeigten sich dabei bemerkenswert selbstkritisch.

„Wir haben viele Erkenntnisse darüber, was eine gute Schule ausmacht“, sagte etwa Prof. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Es klaffe aber eine große Lücke beim Wissen darüber, wie eine Schule gut werden könne, wie also die Kompetenz von Lehrern nachhaltig zu verbessern und der Unterricht zu entwickeln sei. Eine Vielzahl von Studien in den vergangenen Jahren habe einen „Flickenteppich“ von Daten ergeben, die nun niemand zusammenführe.

„Wir haben mehr Daten als Theorien generiert“, befand auch Prof. Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel. Dies liege sicher auch in der üppigen Finanzierung von Studien in den vergangenen Jahren begründet. Tatsächlich schüttete allein das Bundesbildungsministerium 120 Millionen Euro in den vergangenen fünf Jahren für die Bildungsforschung aus. Eine gut gedüngte Forschungslandschaft also.

Auswirkungen hat die so erzeugte Datenflut auch auf die bildungspolitische Debatte, in der sich jede Seite mittlerweile auf vermeintliche oder tatsächliche Befunde der Bildungsforschung beruft. Oft zu Unrecht. „Wir generieren kein Steuerungswissen“, betonte etwa Prof. Katharina Maag Merki von der Universität Zürich, „die Ergebnisse werden aber als Steuerungswissen interpretiert“. Eine fehlende Klarheit in den Aussagen von Forschern führe dazu, dass beobachtete Effekte „maßlos überhöht“ und so zu „absoluten Wahrheiten“ gemacht würden. Hier bedürfe es einer schärferen Trennung von Forschung, Politik und Praxis, forderte sie.

Köller betonte hingegen vor allem die Chancen der Profession – etwa mit dem größten und ehrgeizigsten Bildungsforschungsprojekt in Deutschland: dem Aufbau eines Nationalen Bildungspanels. Gesammelt werden dabei die Daten von 100.000 Bürgern, von der Geburt an über Kindergarten, Schule, Lehre, Studium und Beruf bis hin zur Weiterbildung. „Damit haben wir die Chance, langfristige Lernprozesse multidimensional zu erfassen“, erklärte der Wissenschaftler. Und er betonte: Auch wenn sich aus Studien wie PISA nicht eindeutig politisches Handeln ableiten lasse, so  sei der Wert der damit gewonnenen Erkenntnisse doch unbestritten. Den Sinn etwa von Sprachförderprogrammen, die mittlerweile von den Ländern aufgelegt worden seien, ziehe niemand ernsthaft in Zweifel.

Bos, der den Diskurs aufmerksam verfolgte, dürfte die Aussage gefreut haben – betont er doch stets die Praxisnähe seiner Forschungsarbeit. Grundlagenforschung im Elfenbeinturm sei nicht so sein Ding, sagt der Wissenschaftler, der gerne hemdsärmelig auftritt und mit seinem Selbstbewusstsein insbesondere bei Politikern schon mal aneckt. „Wir sind das Institut, das für die Schulen da ist“, so sagt Bos mit Blick auf das von ihm geleitete IFS. Dies belegt der praxisnahe Zuschnitt der meisten der aktuell insgesamt mehr als 30 dort angesiedelten Projekte – von StEG, der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“, bis hin zu „Schulen im Team“, bei dem der Fokus auf die Zusammenarbeit von Lehrerkollegien gerichtet ist.

Zum 60. Geburtstag von Wilfried Bos ist eine Festschrift erschienen, die einen guten Überblick gibt: „Empirische Bildungsforschung – Theorien, Methoden, Befunde und Perspektiven“, herausgegeben von Nele McElvany und Heinz Günter Holtappels (Waxmann-Verlag, 39,90 Euro).  

 

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