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Bildungssoziologin Allmendinger: „Kürzere Ausbildungszeiten sind ein Irrweg“

TONBACH/BAIERSBRONN. Lebenserfahrung, Persönlichkeitsbildung, ein weiter Horizont: Eine der profiliertesten Bildungsforscherinnen der Republik sieht diese Tugenden durch das Turbo-Abi und die Eile an der Uni bedroht.

Die inzwischen oft kürzeren Ausbildungszeiten in Schule und Hochschule sind nach Überzeugung der Bildungssoziologin Jutta Allmendinger ein Irrweg. «Das ist die absolut falscheste Entwicklung, die ich mir vorstellen kann», sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) bei den 14. Tonbacher Gesprächen am Sonntagabend in Baiersbronn.

Allmendinger ist die Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin. (Foto: INSM/Flickr CC BY-ND 2.0)

Allmendinger ist die Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin. (Foto: INSM/Flickr CC BY-ND 2.0)

Erst ein in Zeit und Güte breites Ausbildungsfundament schaffe die Voraussetzung für ein Berufsleben, das vom nötigen Willen zum lebenslangen Lernen geprägt sei. Die Wissenschaftlerin sprach sich vehement für einen deutlicheren Praxisbezug der Hochschulen aus. Vorbild seien hier duale Hochschulen zum Beispiel in Baden-Württemberg.

Allmendinger hat nach eigenen Worten jüngst das Angebot abgelehnt, im Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mitzumachen. «Ich stehe nicht als Wahlkämpferin zur Verfügung», sagte die Bildungsexpertin. Eine solche Rolle sei mit ihren Aufgaben bei der Leitung eines Instituts mit 160 Mitarbeitern nicht vereinbar.

Die für ihren Kampf gegen Bildungsarmut bekannte Forscherin sprach sich für einen Neuzuschnitt diverser Ministerien aus. Im Grunde sei das Geld da, auch bildungsschwache Schichten erfolgreich an den Arbeitsmarkt heranzuführen, sagte die frühere Chefin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dazu müssten aber das Arbeits-, Familien- und Bildungsministerium in ganz anderer Weise zusammenarbeiten und keinesfalls Geld nach dem Gießkannenprinzip ausgeben. Völlig unverständlich sei, dass die zentrale Aufgabe der Integration im aktuellen Kabinett nicht mit einem Ministerrang ausgestattet sei.

Allmendinger warnte davor, die Zuwanderung für eine einfache Lösung der demografischen Probleme Deutschlands zu halten. Zu einer wirklichen Willkommenskultur gehöre sehr viel mehr als die Türen nach Deutschland aufzumachen. Dazu gehöre auch ein Umfeld, in dem interkulturelle Bildung in der Schule viel selbstverständlicher sei als heute. Aufgrund ihrer Altersstruktur seien Deutschland und Japan die beiden Staaten in der Welt, die als erste alle Folgen einer alternden Gesellschaft erfahren und bewältigen müssten. Die beiden Staaten beträten weltweit Neuland. «Es gibt dafür keine Blaupause.» dpa

(10.6.2013)

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