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Der Anfang vom Ende für G8 in Hessen?

WIESBADEN. Knapp die Hälfte der hessischen Gymnasien bietet im kommenden Schuljahr wieder das Abitur nach 13 Jahren an. Sie folgen damit vielfach dem Druck der Eltern. Kultusministerin Nicola Beer indes erwartet nun ein Abflauen des Streits um die verkürzte Abiturzeit.

Eigentlich wollte Hessens Regierung bei der umstrittenen verkürzten Gymnasialzeit G8 nur Druck aus dem Kessel nehmen, doch über kurz oder lang droht dieser Schulform das Aus. Mit Beginn des neuen Schuljahres im August werden von 107 hessischen Gymnasien 39 zum Abitur nach 13 Jahren (G9) zurückkehren. Elf wollen in einem Schulversuch beide Bildungsgänge anbieten.

Gymnasiumsfassade

Hessens Gymnasien drängen zurück zum Abitur nach 13 Jahren. Foto: kadluba/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Nach dieser ersten Welle erwartet Kultusministerin Nicola Beer (FDP) ein Abflauen des Streits. «Die Diskussion kann jetzt in einem ruhigeren Rahmen geführt werden», sagte sie.

Jahrelang hatten Eltern die Überlastung der Schüler in der verkürzten Mittelstufe kritisiert, deshalb gab Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) den Schulen ein Wahlrecht. Sie konnten sich wieder für G9 entscheiden. Faktisch ist daraus vor allem ein Wahlrecht der Eltern geworden, von denen viele weiter Druck machen.

Zwar halten Ministerin Beer und die CDU/FDP-Koalition am Vorrang für G8 fest. Doch Ruhe herrscht in der Frage nicht. Zum übernächsten Schuljahr 2014/15 werden weitere Schulen zur längeren Schulzeit zurückkehren. «Der Boden ist bereitet für G9», sagt Elisabeth Walldorf. Sie ist Direktorin des Oberstufengymnasiums Martin-Niemöller-Schule in Wiesbaden, zugleich Landesvorsitzende des Verbands der Oberstudiendirektoren.

Der Landeselternbeirat und einige eifrige Initiativen wollen auch die letzten G9-freien Bastionen schleifen. In der Landeshauptstadt Wiesbaden etwa, in Kassel und im Kreis Groß-Gerau gibt es bislang keine Angebote. Doch auch an den Wiesbadener Gymnasien ist in den vergangenen Monaten heiß diskutiert worden, weiß Walldorf. Ihre Kollegen seien nicht grundsätzlich gegen eine Veränderung. Sie hätten aber nicht überstürzt entscheiden wollen. Ähnliches gilt für Kassel.

Dabei schafft die erste Rückkehrerwelle schon ab diesem Sommer einige nahezu G8-freie Zonen in Hessen. In der Stadt Gießen kehren zwei von drei Gymnasien zu G9 zurück. Das dritte will künftig beides anbieten, doch auch dort überwiegen die Anmeldungen für G9. Im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis schwenken alle vier staatlichen Gymnasien auf G9 um, davon eins erst im Sommer 2014, berichtet der Vorsitzende des Kreiselternbeirates, Dieter Schorer.

Ein Kompromissweg ist, dass Gymnasien künftig beide Bildungsgänge anbieten. Bei der «Y-Variante», bislang nur als Schulversuch genehmigt, trennen sich die Wege der G8-Schüler und der G9-Schüler nach der sechsten Klasse. Elf Schulen arbeiten ab Sommer nach diesem Modell, darunter drei der vier Gymnasien in Fulda. Beer sagt, weitere Schulen könnten sich bis September für den Modellversuch bewerben.

An den Y-Schulen ließe sich eine Forderung der Eltern organisatorisch verwirklichen: Auch die jetzigen fünften und sechsten Klassen sollen noch auf G9 umschwenken können. Für die anderen Gymnasien verweigert dies die Landesregierung bislang. Für die laufenden Jahrgänge gelte ein Bestandsschutz der Schulform.

Für eine Fortsetzung der G8-Diskussion sorgt auch die nahende Landtagswahl am 22. September. Die SPD will die Schulzeitverkürzung in der Mittelstufe generell rückgängig machen, die Grünen wollen eine echte Wahlfreiheit durchsetzen.

Ob die Eltern mit dem neuen G9 glücklich werden, steht auf einem anderen Blatt. «G8 ist über die Jahre sehr verbessert worden», sagt Schulleiterin Walldorf. Die Schulen hätten Mensen und Räume für ganztägigen Unterricht bekommen.

«Es wird niemals mehr das G9 sein, das wir noch vor zehn Jahren hatten.» Die neue G9-Stundentafel weist viel weniger Stunden auf als das frühere Abitur. Eigentlich passe der Unterricht nun wieder in den Vormittag, sagt Walldorf. Das wird die Eltern freuen, die ihre Kinder bei Spiel, Sport und Musik nachmittags zu kurz kommen sahen. Andere Familien, die vor allem in den Großstädten auf eine Ganztagsbetreuung setzten, könnten ein Problem bekommen. (Friedemann Kohler, dpa)

(20.06.2013)

zum Bericht: Nur 300 Eltern und Schüler demonstrieren für Rückkehr zu G9

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