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Immer mehr Schulschwänzer – Schulbehörden alarmiert

KARLSRUHE. Auf bis zu 400.000 Jugendliche schätzen Experten die Zahl der Schulverweigerer in Deutschland – und das Problem verschärfe sich. Vor allem Kinder mit psychischen und familiären Problemen schwänzen regelmäßig.

Unerlaubtes Fehlen der Schüler wird an den Schulen Baden-Württembergs mehr und mehr zum Problem. «Die Zahl der sogenannten Schulvermeider ist in unserem Beritt in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen», sagte Udo Ebert, am Regierungspräsidium Karlsruhe zuständig für die Schulpsychologen. Im Schuljahr 20011/12 seien Schulpsychologen in rund 230 Fällen um Hilfe gebeten worden. Zwei Jahre vorher seien es nur 170 Fälle gewesen.

leerer Klassenraum

Die Zahl der Schulverweigerer steigt. Die Gründe für das Schulschwänzen sind vielfältig. Foto: Silvmedia/Flickr (CC BY 2.0)

Auch die Schulämter an den Regierungspräsidien Freiburg und Stuttgart berichten von zunehmenden Problemen mit «Schulphobie, Schulangst und Absentismus», sagte eine Sprecherin. Genaue Statistiken oder absolute Zahlen dazu gibt es nach Angaben des Kultusministeriums in Stuttgart aber nicht. Dem Schulamt Pforzheim zu Folge schätzen Experten die Zahl der Schüler dem Unterricht regelmäßig fernbleiben deutschlandweit auf 300.000 bis 400.000.

«Wenn wir unsere Fälle auswerten sehen wir, dass vor allem die Schüler mit psychischen Problemen mehr werden und deswegen nicht zur Schule gehen», sagte Ebert. Die Karlsruher Behörde mit ihren Schulämtern in Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg, Mosbach, Pforzheim und Rastatt ist für rund 1000 Schulen zuständig. Insgesamt kümmern sich an den Schulämtern im Südwesten rund 180 Schulpsychologen um 1,4 Millionen Schüler an rund 4000 öffentlichen Schulen.

Nach Angaben des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) spielt auch die Einstellung der Eltern etwa bei Krankheiten ihrer Kinder eine wesentliche Rolle. «Viele Eltern gehen sehr empfindlich mit dem Wohlbefinden ihrer Kinder um», sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand. «Vor zehn bis 15 Jahren war Schuleschwänzen so gut wie kein Thema, heute gehört es fast schon zum guten Ton.» Etwa zehn Prozent der Schüler hätten laut VBE schon mal die Schule geschwänzt.

Vor allem Kinder mit psychischen und familiären Problemen schwänzten, sagte Ebert. «Sie haben beispielsweise das Gefühl, dass sie zu Hause bleiben müssen und Vater, Mutter oder die Geschwister nicht alleine lassen können.» Weitere Hauptgründe, der Schule unerlaubt fernzubleiben, seien die Angst vor Mobbing oder körperlicher Bedrohung. «Und dann gibt es natürlich noch die klassischen Schulschwänzer, die „Besseres“ zu tun haben – etwa Stunden vor dem PC sitzen und spielen», sagte Ebert.

Betroffen seien alle Schulformen. «Lediglich an den beruflichen Schulen finden wir weniger Schulvermeider», sagte Ebert. «Da ruft dann der Meister in der Berufsschule an und fragt, wo der Lehrling bleibt.» An den allgemeinbildenden Schulen hingegen falle es oft gar nicht auf, wenn ein Kind zum «Schulvermeider» werde. «Der Schüler wird beispielsweise wieder und wieder krankgemeldet – bis die Lehrer merken, dass da was nicht stimmt.» Je länger ein Schüler nicht in die Schule komme, «desto schwerer ist der Weg zurück», warnte Ebert.

Der beste Weg, die Kinder an die Schule zu binden, sind laut VBE kleinere Klassen: «Das ist unser Appell an die Politik», sagte der Landesvorsitzende Brand. «Wenn der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern eng ist, fehlen die Kinder nicht so häufig.»

Um Kinder wieder zurück in die Schulen zu bringen müssen Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Lehrer, Jugendämter und Eltern zusammenarbeiten. «Klassenkameraden können das Kind beispielsweise jeden Morgen abholen», sagt Udo Ebert. Manchmal ist auch sinnvoll, dass das Kind zunächst täglich nur eine Stunde zurück in die Klasse kommt und die Dauer des Schulbesuchs dann sukzessive gesteigert wird.

Für Kinder, die chronisch die Schule schwänzen oder wegen einer schweren Krankheit nicht zur Schule können, gibt es etwa die Möglichkeit, in einer Klinik in eine sogenannte Klinikschule zu gehen. Therapien können zudem helfen, Schulphobien zu erkennen. Hinter ihnen kann sich gerade an Grundschulen oftmals auch schlicht Angst vor der Trennung von Mama oder Papa verbergen: «Etwa wenn ein Elternteil lange krank war», erklärt Günter Weng vom Regierungspräsidium Freiburg. (news4teachers mit Material der dpa)

(16.06.2013)

Handreichung „Schulvermeidung begegnen“ (Schulamt Pforzheim)

„Zu cool für die Schule“ Studie der Universität Freiburg i.Üe. zum Schulabsentismus

zum Bericht: Berlin geht gegen Schulschwänzer in die Offensive

Ein Kommentar

  1. Der Gesetzgeber zwingt in Deutschland Kinder in die SCHULE. Als Ich-kann-Schule-Lehrer frage ich mich folglich:
    1. Warum stellt der Gesetzgeber dann keine SCHULEN zur Verfügung?
    2. Warum zwingt er Kinder in Lehrplanvollzugsanstalten, die de facto das gerade Gegenteil von SCHULE sind?
    3. Warum machen alle wie Untertanen diesen Unfug täglich mit?
    4. Warum weiß kaum noch jemand, was Worte wie Schule, Lehren, Lernen u.ä. bedeuten und warum ist keiner mehr interessiert, dazu etwas zu lernen?

    Vor bald 40 Jahren entdeckte ich die neue Ich-kann-Schule, weiol mir auffiel, dass man in unsere Unterrichtsvollzugsanstalten gehen MUSS und sie schwänzen kann.
    Karl Heinz Böhm baut in Äthiopien z.B. wirkliche SCHULEN, die keiner schwänzen will und die SOG-Wirkung haben und in die man Kinder nicht mit Polizeigewalt bringen muss.
    Warum lernen die, die es ganz offensichtlich nicht können, nicht endlich von denen, die es können?

    Ich grüße freundlich.

    Franz Josef Neffe

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