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In Oberbayern belegen Schüler Nachhilfe als Unterrichtsfach

MÜNCHEN. In der kleinen oberbayerischen Gemeinde Markt Schwaben können Gymnasiasten das Wahlfach „offenes Haus“ belegen und Migrantenkindern Nachhilfe geben.

Es gongt zum Unterrichtsbeginn. In einem Klassenzimmer der Mittelschule im oberbayerischen Markt Schwaben haben sich rund zehn Kinder über Hefte und Blätter gebeugt. Sie schreiben und rechnen. Mit dabei: Jugendliche vom benachbarten Franz-Marc-Gymnasium. Sie geben den jüngeren Schülern Nachhilfe. Die 17-jährige Gymnasiastin Jenny und die 11 Jahre alte Gözde aus einer türkischen Familie sind ein solches Gespann. Gemeinsam pauken sie Englisch. Die Mittelschülerin soll passende Wörter in einen Lückentext einfügen. «Kommt da jetzt do oder don’t rein?», will sie von Jenny wissen, die sich über sie beugt.

Rund 40 Schüler der 11. und 12. Klasse des Markt Schwabener Gymnasiums treffen sich dreimal in der Woche mit Migrantenkindern der Real- und Mittelschule. Sie üben mit ihnen Lesen und helfen ihnen bei den Hausaufgaben. Und sie organisieren eigene Projekte, bei denen sie den Kindern beispielsweise spielerisch Regeln für gesundes Essen vermitteln. Das am Gymnasium angebotene Wahlfach «Offenes Haus» ist Teil einer gleichnamigen Elterninitiative der Marktgemeinde.

"Auch begabte und leistungsstarke Schüler brauchen eine ihnen angemessene Unterstützung." Foto: Abdullah Al-Naser / Flickr (CC BY 2.0)

Nachhilfe für andere Kinder stärkt auch die eigenen Kompetenzen. Foto: Abdullah Al-Naser / Flickr (CC BY 2.0)

«Wir öffnen für jeden unsere Türen und haben ein offenes Herz», erklärt Bettina Ismair den Namen der Initiative, die sie vor 13 Jahren gegründet hat. Damals sei ihr Sohn eingeschult worden. Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler seiner Klassen seien Kinder aus Migrantenfamilien gewesen. «Da gab es drei afghanische Flüchtlingskinder. Die hatten nichts – kein Schulzeug, kaum was zum Anziehen», erinnert sich Ismair. Deshalb verabredete sie sich mit anderen Eltern, einmal in der Woche ein Migrantenkind aufzunehmen, um gemeinsam mit ihm und den eigenen Kindern Hausaufgaben zu machen. Anfangs beschränkte sich diese Arbeit auf die Grundschule. Doch dann hörten andere Markt Schwabener Schulen von diesem Engagement und wollten auch mitmachen. Und so wurde die Initiative ausgeweitet.

Seit 2007 sind auch die Schüler des Franz-Marc-Gymnasiums dabei – mit Erfolg. Die Kinder, denen sie Nachhilfe geben, machen Lernfortschritte, manche schaffen sogar den Sprung aufs Gymnasium. Das Schulprojekt wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. So erhielt es etwa im vergangenen Jahr den Preis «Ideen für die Bildungsrepublik», der unter der Schirmherrschaft des Bundesbildungsministeriums an Projekte vergeben wird, die «zu mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder und Jugendliche beitragen».

Leonie Herwartz-Emden, Professorin für Pädagogik an der Universität Augsburg, findet es «hervorragend, wenn sich Schüler als Nachhilfelehrer engagieren». Sie stärkten durch den direkten Austausch mit Kindern aus Migrantenfamilien deren und ihre eigene interkulturelle Kompetenz.

Die Gymnasiasten selbst empfinden die Arbeit mit den Kindern als willkommene Abwechslung vom Schulalltag. Man könne praktische Erfahrungen sammeln und seine soziale Perspektive weiterentwickeln, findet der 17-jährige Raschid, der selbst aus einer afghanischen Familie stammt. Aufgrund seiner Herkunft sei Raschid für Kinder aus Migrantenfamilien Ansporn und Vorbild zugleich, meint die Gymnasiallehrerin Ruth Goldberg-Hübschmann. Sie betreut zusammen mit einer Kollegin das Schulprojekt pädagogisch.

Bei den Kindern sind die Nachhilfelehrer vom Gymnasium sehr beliebt. «Früher war ich schlecht in Deutsch. Jetzt läuft das schon viel besser», sagt etwa der 11-jährige Elton. Dann konzentriert er sich auf seine Mathehausaufgabe, kritzelt Zahlen auf ein kariertes Papier. Und es wird nicht nur gelernt. Aus einem Holzschrank im Klassenzimmer holen die Gymnasiasten Gesellschaftsspiele – Halli Galli, Activity oder UNO. Bald tönt fröhliches Lachen durch den Raum – die Belohnung, wenn alle ihre Hausaufgaben erledigt haben. Joseph Röhmel, dpa

(03.06.2013)

Ein Kommentar

  1. Gute Sache, die Schule machen sollte. Sie kommt sowohl den Migrantenkindern zugute als auch den Gymnasiasten. Hut ab vor Bettina Ismair, der Gründerin der Initiative!

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