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In Ruhe lernen – Anne-Frank-Schule in Bargteheide gewinnt Deutschen Schulpreis

BARGTEHEIDE. Vernetztes Lernen statt Schubladendenken, Teamarbeit statt Ellenbogenmentalität: Die Anne-Frank-Schule in Bargteheide bei Hamburg setzt das besonders konsequent um. Dafür hat sie jetzt den Deutschen Schulpreis 2013 der Robert-Bosch-Stiftung erhalten.

 «Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.» Diese dem römischen Philosophen Seneca zugeschriebene Weisheit wird kaum irgendwo so deutlich wie in der Anne-Frank-Schule in Bargteheide (Schleswig-Holstein). Statt in Chemie und Physik Formeln und Gleichungen zu pauken und sich dabei zu fragen, ob man das jemals brauchen wird, rühren die Schüler Zement und Mörtel an – und lernen so die Grundzüge der Bauphysik. Dieses praxisnahe Lernen ist an dieser Gesamtschule besonders stark ausgeprägt und einer der Gründe, warum sie nun mit dem Deutschen Schulpreis 2013 ausgezeichnet wurde.

Naturwissenschaften werden an der Schule ganz praktisch gelehrt. (Foto: Theodor Barth/PR)

Naturwissenschaften werden an der Schule ganz praktisch gelehrt. (Foto: Theodor Barth/PR)

«Nawi» heißt dieser integrierte naturwissenschaftliche Unterricht, den es bis Jahrgang elf gibt. «Wir haben gerade eine Baustelle besucht. Danach haben wir Streichholzschachteln mit Beton gefüllt und so kleine Mauersteine gebastelt. In der nächsten Stunde wollen wir Mörtel anrühren», berichtet Deborah Seick voller Begeisterung. Die 13-Jährige ist Schülerin des siebten Jahrgangs – und vom Lernklima an der Anne-Frank-Schule begeistert. «Natürlich gibt es auch hier Konflikte mit Mitschülern oder den Lehrern, aber die lösen wir immer im Team», sagt Deborah. Von Freundinnen habe sie gehört, dass das an anderen Schulen oft nicht so sei.

An der Ganztagsschule mit Unterricht von 8.00 bis 16.00 Uhr unterrichten 70 Lehrer 860 Schüler. Die Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, die inzwischen auch als Gemeinschaftsschule bezeichnet wird, wurde 1990 von einer Elterninitiative gegründet. Nach einer schwierigen Startphase hat sie sich in der 15 000-Einwohner-Gemeinde nördlich von Hamburg etabliert. «Heute müssen wir viele Interessenten abweisen, weil wir nur 104 Kinder pro Jahr aufnehmen können», sagt Schulleiterin Angelika Knies.

«Wir verstehen uns als eine Schule für alle Kinder, vom Förderkind mit Lernbehinderung bis zum Hochbegabten, vom Kind aus schwierigen sozialen Verhältnissen bis zum Akademikerkind», sagt Knies. «Jedes Kind soll sein individuelles Lernziel erreichen. Dabei helfen wir ihm, indem wir zum Beispiel sein Selbstvertrauen mit Seminaren, Theaterspielen und anderen kreativen Fächern aufbauen», sagt die Schulleiterin. So gehört das jährliche Theaterprojekt, an dem sich der gesamte neunte Jahrgang auf der Bühne, hinter den Kulissen oder bei der Organisation beteiligt, fest zum Unterrichtsprogramm. Auslandsaufenthalte an Partnerschulen in Polen und der Türkei gehören ebenso zum Angebot wie eine eigene Jobmesse und Firmenpraktika.

«Seit neun Jahren hat keiner mehr unsere Schule ohne Abschluss verlassen, durchschnittlich zehn Prozent unserer Abiturienten eines Jahrgangs hatten eine Hauptschulempfehlung», sagt Knies. Für sie ist das ein Beweis, dass das Abschlussniveau steigt, wenn man den Kindern Zeit gibt, sich zu entwickeln. Dieser Freiraum ist auch für Björn Leuendorf ein wesentlicher Faktor, der die Anne-Frank-Schule von anderen Schulen unterscheidet. «Wenn wir eine Englisch-Arbeit schreiben, sehen wir anschließend einen Film. Meine Freunde an anderen Schulen sind schon froh, wenn sie am gleichen Tag nicht noch eine weitere Arbeit schreiben müssen. Die haben viel mehr Lernstress», sagt der 13-Jährige. Eva-Maria Mester und Angelika Warmuth, dpa

(3.6.2013)

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