Startseite ::: Praxis ::: „Immer neue Ansprüche an die Schule“: Lehrer wehren sich

„Immer neue Ansprüche an die Schule“: Lehrer wehren sich

STUTTGART. Der VBE hat in einem Brandbrief die Überfrachtung der Schule mit Erwartungen durch Politik und Gesellschaft und die damit einhergehende Überlastung der Lehrerschaft zum Thema gemacht. „Die Lehrer fühlen sich von ständig neu gestellten Forderungen, die von allen Seiten an die Schule herangetragen werden, immer mehr überrollt, obwohl die Pädagogen in der Regel hoch qualifiziert und entsprechend belastbar sind“, sagt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Michael Gomolzig. Jetzt müsse endlich eine Grenze gezogen werden.

Dem Lehrerverband VBE reicht's: Er fordert eine klare Grenze, wofür Schulen zuständig sind - und wofür nicht. Foto: Peter Smola / pixelio.de

Dem Lehrerverband VBE reicht’s: Er fordert eine klare Grenze, wofür Schulen zuständig sind – und wofür nicht. Foto: Peter Smola / pixelio.de

Anlass der wütenden Reaktion des Verbandes ist offenbar der Vorstoß von Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) in der vergangenen Woche, Lehrer sollten während der Ferien Praktika in der Wirtschaft absolvieren. „Sollten Lehrer in den nächsten Ferien nicht auch mal kurz als Copilot in einem Jet mitfliegen, dem Chefarzt bei einer schwierigen OP assistieren, einem Altenpfleger einen Tag lang bei seiner kräftezehrenden Arbeit über die Schulter schauen? Sollten sich Lehrer nicht auch in den harten Job eines Straßenbauers, eines Polizisten auf einer Montagsdemo, einer Verkäuferin, die den ganzen Tag stehen muss, einfühlen können?“, so fragt Gomolzig sarkastisch. Genügend Ferien hätten Lehrer ja, so sei jedenfalls immer wieder zu hören. Der VBE-Sprecher: „Und das bisschen Schule bei wohlerzogenen, lernbegierigen Schülern erledigen die Lehrer sowieso ganz nebenher am Vormittag, damit sie am Nachmittag auf dem Tennisplatz etwas für ihre Gesundheit tun können.“

Ernster geht es weiter: Der VBE appelliere an Politik und Gesellschaft, von ständig neuen Forderungen an Schule und Lehrerschaft Abstand zu nehmen und realistische Ziele zu setzen. Lehrer könnten nicht jedes Problem der Gesellschaft lösen und schon gar nicht jeden Wunsch der Wirtschaft erfüllen. Es sollte unmissverständlich definiert werden, was eine gute Schule heute zu erbringen habe und was sie keinesfalls leisten könne.

Die Aufgaben des Lehrerberufs müssten klar umrissen werden. Die Kluft zwischen den Erwartungen der Eltern, der Wirtschaft und der Politiker an die Lehrerschaft und dem, was Schule wirklich leisten könne, sei gewaltig, stellt der VBE-Sprecher fest. Bei allen auftauchenden gesellschaftlichen Problemen – ob Mobbing, Gewalt, Extremismus, Reizüberflutung, Sucht, Drogen oder allgemeiner Erziehungsnotstand – werde von der Schule stets erwartet, dass diese die Schwierigkeiten möglichst sofort und vor allem erfolgreich in Angriff nehme. Lehrer würden heute nur in zweiter Linie als Wissensvermittler und Lernbegleiter gesehen, dafür eher als Therapeuten, Seelsorger, Elternersatz, Entertainer und bisweilen sogar als „Dompteure“.

Weil Schule darüber hinaus stets “Spaß“ machen müsse, dürften Pädagogen ihre Schüler nur wenig fordern, sollten aber möglichst alle mit besten Zensuren rasch zum Abitur führen, meint der VBE-Sprecher. Sich langsam entwickelnder Unterricht und auch kooperatives Lernen in Gruppen schnitten bei den Schülern in Konkurrenz zu Youtube und Actionfilmen immer schlechter ab. So mancher Schüler halte Stille heute gar nicht mehr aus „und zeigt ohne Online-Kontakt deutliche Entzugserscheinungen“. Kinder und Jugendliche könnten sich immer weniger konzentrieren und störten stattdessen den Unterricht. Die Zahl „Verhaltenskreativer“ steige ständig. Schüler hätten gesundheitliche Beeinträchtigungen, litten an ADHS und unter LRS, seien sozial, emotional oder psychisch auffällig, hätten Entwicklungsverzögerungen oder -störungen. Gomolzig: „Immer mehr benötigen medizinisch-therapeutische Hilfe.“

Angesichts dieser Probleme müsse ein politischer Konsens darüber her, so der VBE-Sprecher, was von der Schule realistisch erwarten werden könne – und was dies der Gesellschaft wert sei. Gomolzig: „Lehrer sind weder die großen Alleskönner noch magische Wunderheiler, sondern Fachleute für Bildung und Erziehung – Schulmeister im wahrsten Sinne des Wortes.“ Es sei traurig, dass ein Politiker wie Andreas Stoch meine, auf der Klaviatur der niederen Instinkte spielen zu müssen, bedauert der VBE-Sprecher. News4teachers

 

3 Kommentare

  1. Gefällt mir, was der VBE-Sprecher da so sagt. Er hat absolut Recht.
    Mich wundert nicht, dass gerade in Baden-Württemberg die Wellen so hoch schlagen. Jetzt bekommen Eltern und Lehrer endlich mit, wie wohlfeile, hochmoralische Bildungs- und andere Pläne von Grün/Rot in der Praxis aussehen.
    In der Theorie sind sie ja fast zustimmungspflichtig für jeden, der auf sich hält und auf der gerechten bzw. richtigen Seite stehen will.

  2. Ja, mir gefällt auch, was der VBE-Sprecher da sagt. Ich unterstütze das!

  3. Vielleicht sollte mal jemand so mutig sein und die Kernaufgaben eines Lehrers definieren. Warum müssen Lehrer die Schulbücher ihrer Schüler selbst verwalten und ausgeben? Warum müssen Lehrer überhaupt selbst für ein funktionierendes Computersystem an ihrer Schule sorgen? Es gibt so viele Aufgaben, die den Lehrern in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr aufgedrückt wurden. Vielleicht sollte man diese Aufgaben einmal auf den Prüfstand stellen, bevor man platte Forderungen in den Raum stellt, wie dieser Kultusminister. Scheinbar hat er keine Ahnung, was seine „Untergebenen“ leisten:
    Eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2006 ermittelte für Gymnasiallehrer eine durchschnittliche Jahresarbeitszeit von 2092 Stunden. Auch Lehrer anderer Schulformen erreichten ungefähr diesen Wert. Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen zeigt, dass zum Beispiel Ärzte mit 2102 Arbeitsstunden pro Jahr unwesentlich mehr arbeiten als Lehrer. Architekten und Ingenieure liegen bei 2081 beziehungsweise 2037 Stunden – Journalisten und Publizisten bei 1987 Stunden.
    Quelle
    http://www.zeit.de/2009/24/C-Lehrermythen/seite-1

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*