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Kultusminister Stoch ermahnt Lehrer – 2000 demonstrieren

STUTTGART. Baden-Württembergs Kultusminister Stoch (SPD) hat ein heißes Eisen angefasst. Er stellt im Landtag die Frage, was eigentlich zu den originären Aufgaben eines Lehrers gehört. Selbstverständlichkeiten müssten nicht gesondert honoriert werden, meint er – während draußen rund 2000 Lehrer gegen die grün-rote Sparpolitik und die verschobene Besoldungserhöhung protestieren.

Unter Druck: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Unter Druck: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Lehrer sollten sich außerunterrichtliche Aufgaben aus Sicht von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) nicht unnötig anrechnen lassen. So müsse etwa die Ausgabe von Taschenrechnern nicht extra berücksichtigt werden, mahnte er im Landtag. «Es gibt bestimmte Dinge, die sollte man als Teil seiner Kernbeschäftigung haben.» Das Ministerium will zum kommenden Schuljahr 14 Prozent der Anrechnungsstunden streichen, die Schulen etwa für Computer-Pflege, Verwaltung der Chemikalien oder Bücherei-Arbeiten erhalten. Dies entspricht 236 Lehrerstellen.

Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen, aber sie sei nötig, um 1.000 Stellen im kommenden Schuljahr einsparen zu können, sagte Stoch. Außerdem habe die Sicherung des Pflichtunterrichts Vorrang; dazu würden im kommenden Schuljahr 200 zusätzliche Krankheitsvertreter-Stellen eingerichtet. Der Philologenverband hatte bereits davor prophezeit, dass wichtige außerunterrichtliche Arbeiten künftig nicht mehr erledigt würden, wenn die Pädagogen dafür nicht mehr bezahlt würden. Verbandschef Bernd Saur hatte vor den Folgen gewarnt: «Wenn die Computer in einer Schule nicht mehr gewartet werden, ist das eine Katastrophe».

Zugleich kündigte Stoch an, langfristig die Förderung von Schülern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Rechenschwäche vom Ergänzungsbereich in den Pflichtunterricht zu verlagern. «Das sollte originärer Bestandteil der Förderung an den Grundschulen sein.» Dafür würden «in den nächsten Jahren» Mittel bereitgestellt. Zuvor hatten Redner von CDU und FDP kritisiert, der Ergänzungsbereich werde zusammengestrichen. Volker Schebesta (CDU) berichtete, viele Schulen rechneten damit, 2013/14 gänzlich ohne Ergänzungsbereich auskommen zu müssen. Dabei seien das wichtige Angebote wie Chor, Theater sowie LRS-Kurse. Durch Abstriche in diesem Bereich werde der von Grün-Rot angestrebte soziale Aufstieg in Baden-Württemberg gefährdet.

Stoch warb angesichts großer Herausforderungen in der Bildungspolitik für einen gemeinsamen Kurs von Koalition und Opposition. Mit Blick auf rückläufige Schülerzahlen appellierte er an die Adresse von CDU und FDP: «Ich lade Sie nochmals dazu ein, dass wir diese Strukturveränderung im Bildungssystem im Sinne dessen gemeinsam gestalten, dass wir für alle Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg in erreichbarer Nähe ein möglichst vielfältiges Bildungsangebot gestalten müssen.» Diese riesengroße Aufgabe müsse gemeinsam angegangen werden. Er verlangte zugleich vom Bund mehr Mittel, etwa für die Inklusion und den Ausbau der Ganztagsschulen. Alle Fraktionen könnten an einem Strang ziehen, um den Bund an seine Verantwortung zu erinnern.

Die Chefin der Gewerkschaft GEW, Doro Moritz, sprach vor rund 2000 demonstrierenden Lehrern in Stuttgart derweil von «konzeptlosen Kürzungen auf dem Rücken der Kinder, Jugendlichen und ihrer Lehrkräfte». Stellenstreichungen vernichteten Bildungschancen und verschlechterten Arbeitsbedingungen. Grün-Rot will bis 2020 insgesamt 11.600 Stellen im Bildungsbereich streichen.

«Die Bildungspolitik der Landesregierung trägt weiter die Überschrift ‘Schafft die Schule ab, sie kostet nur Geld’, erklärte die Gewerkschaftschefin. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass von 8.800 Arbeitsuchenden Lehrern für allgemeinbildende Schulen nur 3.100 ein Einstellungsangebot erhielten. Ein Teil davon gehe an berufliche Schulen.

Der DGB unterstützte die GEW-Proteste. Landeschef Nikolaus Landgraf sagte: «Bildungsreformen macht man nicht mit dem Rotstift» Am heutigen Mittwoch sind gleichfalls rund 5000 Unterrichtsstunden an Südwest-Schulen ausgefallen, weil etwa 1000 angestellte Lehrer in den Warnstreik getreten waren. Die Pädagogen forderten einen eigenen Tarifvertrag und damit eine bessere Bezahlung. Die Eingruppierung der rund 10.000 angestellten Lehrkräfte im Land richte sich nicht nach einem Tarifvertrag wie bei anderen Angestellten der Länder, sondern werde «einseitig per Richtlinien von den Finanzministern bestimmt», erklärte Moritz.

Sie kritisierte Finanzminister Nils Schmid (SPD). Er habe mehrfach versprochen, sich für den Tarifvertrag einzusetzen und tue nichts. «Bis zu 800 Euro weniger bekommen angestellte Lehrkräfte bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation als ihre verbeamteten Kollegen.» Schmid wies die Kritik zurück. Die GEW sei bei den Gesprächen mit der zuständigen Tarifgemeinschaft der Länder nicht zu einem Kompromiss bereit gewesen.

 

7 Kommentare

  1. Dann muss man dafür halt Verwaltungsangestellte einstellen. Ich wette, im Landtag wartet jeder Politiker seinen Computer selbst.

  2. Warum bekommen Politiker eigentlich eine steuerfreie Kostenpauschale für Sachen, die zu den originären Tätigkeiten eines Politikers gehören?

  3. Stellen Sie sich vor ein Unternehmen würde auf die Bezahlung von Netzwerkadministratoren, Sicherheitsbeauftragte, Materialverwalter und anderer Aufgabe verzichten. Oder zwei Tage keine Ansprechpartner für Computerprobleme an unserer Schule undenkbar. Stoppt diesen Sparwahnsinn!

  4. Stoppt das Sparen an falscher Stelle durch Stop der Ganztagsschulen und der irrsinnigen Inklusion!

  5. Hat jemand Kontakt zum Ministerium und kann dafür sorgen, dass mal 4 Tage lang deren Computer nicht gewartet werden und die Post nicht ausgetragen wird?

  6. Eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2006 ermittelte für Gymnasiallehrer eine durchschnittliche Jahresarbeitszeit von 2092 Stunden. Auch Lehrer anderer Schulformen erreichten ungefähr diesen Wert. Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen zeigt, dass zum Beispiel Ärzte mit 2102 Arbeitsstunden pro Jahr unwesentlich mehr arbeiten als Lehrer. Architekten und Ingenieure liegen bei 2081 beziehungsweise 2037 Stunden – Journalisten und Publizisten bei 1987 Stunden.

    Quelle
    http://www.zeit.de/2009/24/C-Lehrermythen/seite-1

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