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Letzte Chance für Problem-Kids? Jugendheime in Verruf

NEUENDORF. Schwer erziehbare Jugendliche aus ganz Deutschland werden in geschlossenen Heimen in Brandenburg aufgenommen. Dort sollen es Pädagogen aber mit drakonischen Erziehungsmethoden arg übertrieben haben – die Justiz schreitet ein.

Wurden Kinder und Jugendliche in brandenburgischen Heimen misshandelt? (Szene gestellt). Foto: Luis Priboschek

Wurden Kinder und Jugendliche in brandenburgischen Heimen misshandelt? (Szene gestellt). Foto: Luis Priboschek

Das Jugendheim im brandenburgischen Neuendorf liegt in herrlicher Umgebung. Grüne Wiesen, Wald und der Neuendorfer See, in dem Angler große Fische fangen. Am Donnerstag wird die Idylle im Spreewald gestört: Polizeiwagen fahren vor, die Staatsanwaltschaft durchsucht das Heim. Die Vorwürfe wiegen schwer. In den Häusern der Haasenburg GmbH sollen Kinder und Jugendliche misshandelt worden sein. Manche erlitten angeblich Knochenbrüche oder wurden tagelang auf Liegen fixiert.

Arne Seidenstücker sieht nicht so aus, als wolle er einem die Knochen brechen. Kräftig ist der Erzieher schon, aber er macht einen besonnenen Eindruck. Ja, die Staatsanwaltschaft sei ins Haus gekommen, sagt der 33-Jährige. Die Behörde, die am Donnerstag angerückt ist, wolle Akten einsehen. «Wir begrüßen das, damit Klarheit geschaffen werden kann», betont Seidenstücker, der bei der Haasenburg GmbH den Bereich «Qualitätsmanagement» verantwortet. Draußen kicken ein paar Heimkinder mit einem Fußball. Ansprechen darf man sie als Journalist nicht.

Das Jugendzentrum Haasenburg, das schwer erziehbare Jugendliche aus ganz Deutschland aufnimmt, hat drei Häuser: Eines in Jessern (Dahme-Spreewald), eines in Müncheberg (Kreis Märkisch-Oderland) und das in Neuendorf. Die Bewohner sind Teenager mit psychischen Störungen, aber auch erziehungsresistente Störenfriede und Gewalttäter, die reihenweise Delikte auf dem Kerbholz haben. Alle hätten sie 15, 20 verschiedene Heime und diverse Psychiatriestationen durchlaufen, sagt Seidenstücker.

Die Heime der Haasenburg GmbH sind eine Art letzte Chance für die Problem-Kids. Werden sie dort nicht zu einigermaßen gesellschaftsfähigen Menschen, ist die letzte Station oft der Jugendknast. Was aber macht man mit einem unkontrollierbaren, potenziell gewalttätigen Teenager? Man unterzieht ihn «intensiv-pädagogischen Maßnahmen», wie es beim Betreiber heißt. Die Kids werden wochen- oder monatelang rund um die Uhr sozialpädagogisch betreut. Schulunterricht, Psychotherapie, Bastelarbeit, Sport, Freizeit – das gehört alles zum Programm.

Und Hausarrest? Auf Liegen fixieren? Nein, diese Praxis gebe es definitiv nicht, versichert Seidenstücker. Zwar dürfe im Notfall mit «Freiheitsentzug» reagiert werden, wenn ein Jugendlicher die Kontrolle verliere und sich und andere gefährde. Aber mehr als Festhalten und Beruhigen passiere da nicht. Auch ein Sprecher des Unternehmens weist die Misshandlungsvorwürfe vehement zurück. In den Heimen gebe es keinen «rechtsfreien Raum». Die Einrichtungen würden seit vielen Jahren regelmäßig durch staatliche Stellen überprüft. Offenbar nicht ohne Grund: In der Vergangenheit fielen die Heime negativ auf, laut Bildungsministerium gab es danach zahlreiche Auflagen vom Landesjugendamt.

Jetzt erwägt das Land Brandenburg die Abschaffung geschlossener Heime. «Wir sollten prüfen, ob solche Heime im äußersten Fall notwendig sind», erklärt Bildungsministerin Martina Münch (SPD) bei einer Anhörung im Potsdamer Landtag. Für die Mitarbeiter der Haasenburg GmbH wäre eine Schließung unvorstellbar.

Sie würden von den Jugendlichen beleidigt, manchmal auch bedroht oder angegriffen, berichtet Erzieher Seidenstücker. «Aber wird das überhaupt wertgeschätzt, was wir hier machen?» – solche Fragen höre er derzeit oft von den Kollegen. Vielleicht sei die aktuelle Aufregung aber auch gut, um eine grundsätzliche Debatte anzuregen, ergänzt der Erzieher – nämlich wie man künftig in Deutschland mit Jugendlichen an der Grenze zwischen Psychiatrie und Jugendheim umgeht.  HAIKO PRENGEL, dpa

Zum Bericht: Mögliche Misshandlungen in Jugendheimen: Kommission untersucht auch zwei Todesfälle

 

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