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Rund sechs Millionen Deutsche können trotz Schulabschluss nicht lesen

SCHWERIN. Nur ein Bruchteil der insgesamt 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland nutzen Angebote um das Lesen neu zu erlernen. Eine Kampagne des Bundesbildungsministeriums, die jetzt in Neubrandenburg Station macht will das ändern.

Etwa 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland können einer Studie der Universität Hamburg zufolge weder richtig lesen noch schreiben. «In Mecklenburg-Vorpommern sind rund 150 000 Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren funktionale Analphabeten», sagte die Vorsitzende des Volkshochschulverbandes, Ines Schmidt. Die Volkshochschulen machten rund 90 Prozent der Alphabetisierungs- Angebote. Viele Träger hielten sich zurück: «Geld ist damit nicht zu verdienen», sagte Schmidt. Die Gebühren seien äußerst gering.

 

Kampagnenfoto „Lesen & Schreiben - Mein Schlüssel zur Welt“

Männer sind häufiger als Frauen von funktionalem Analphabetismus betroffen. (Kampagnenfoto „Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt“). Quelle: BMBF

Das Bundesbildungsministerium hat die Kampagne «Lesen & Schreiben – Mein Schlüssel zur Welt» gestartet, mit der es auf das Problem und auf Hilfsangebote aufmerksam macht. Am Dienstag wird in Neubrandenburg die multimediale Ausstellung der Kampagne eröffnet. Dazu ist eine Diskussionsrunde mit Bundesministerin Johanna Wanka (CDU) geplant.

Schmidt zufolge beherrschen mehr Männer (60 Prozent) als Frauen (40 Prozent) das Lesen und Schreiben nicht. Ältere zwischen 50 und 64 Jahren machten 33 Prozent der Analphabeten aus, die Jüngeren zwischen 18 und 29 Jahren 20 Prozent. «Meine Interpretation ist, dass man Lesen und Schreiben verlernen kann», sagte die Verbandschefin. Wer nach der Schule kein Buch mehr in die Hand nehme, dem gingen diese Fähigkeiten verloren. Von den funktionalen Analphabeten hätten nur 19 Prozent keinen Schulabschluss, aber ebenso viele die Mittlere Reife und 12 Prozent einen höheren Schulabschluss. Mehr als die Hälfte von ihnen (57 Prozent) sei berufstätig, 17 Prozent seien arbeitslos.

Die Menschen für Kurse wie «Besser lesen und schreiben» zu gewinnen, ist Schmidt zufolge schwierig. Arbeitsagenturen und Jobcenter, Ärzte, Sozial- und Jugendämter seien aufgefordert, Analphabeten zu erkennen und zum Lesen- und Schreibenlernen zu bewegen. Oft würden sich Betroffene schämen. Viele hätten Strategien entwickelt, mit ihrer Schwäche klarzukommen. So werde etwa die vergessene Lesebrille ins Spiel gebracht. Etwa 1000 Menschen würden pro Jahr einen Kurs beginnen, sagte Schmidt. «Das ist ein Bruchteil derer, die betroffen sind.» Ein Jahr reiche nicht, um Lesen und Schreiben zu lernen.

Den Anstoß für einen Kurs gäben oft Umbruchsituationen im Leben – etwa wenn die Kinder in der Schule Hilfe brauchen, bei einer neuen Partnerschaft oder einem Berufswechsel. Bei anderen fehle der Antrieb. «Wer den Genuss, ein Buch zu lesen, nie kennengelernt hat, vermisst ihn nicht», gab Schmidt zu bedenken. (dpa)

(07.07.2013)

zum Bericht: Sachsen-Anhalt: Jeder siebte Erwachsene liest schlecht

zum Bericht: Linke ruft zum Kampf gegen Analphabetismus auf

2 Kommentare

  1. hmmm … ich mache die erfahrung, dass viele lernen wollen (natürlich immer noch verschwindend gering zu 7,5 mil. funktionaler analphabeten!!!), aber keiner die kosten übernehmen möchte!!! das ist das eigentlich problem!!! und ich glaube, ich spreche aus erfahrung, ich bin sozialarbeiterin eines langjährigen vereins, der durch die zielgruppe und ihre unterstützer vor vielen vielen jahren gegründet wurde!!!
    außerdem reicht bei vielen alphabetisierung nicht aus – es fehlt auch an grundbildung!!!!

    ich drücke allen lernern die daumen, dass die ämter endlich begreifen, dass sie zahlen sollten, um das lernen zu ermöglichen!!!

    viele grüße aus berlin
    ~ die woelfin

  2. Muss immer die Allgemeinheit die Kosten übernehmen? Der „Staat“ ist nichts anderes als die Gemeinschaft der Steuerzahler.
    Ist von den vielen „Analphabeten“, die gerne lernen wollen, niemend in der Lage, für die Erfüllung dieses Wunsches selbst zu bezahlen oder sich zumindest an den Kosten zu beteiligen?
    Ich kann den reflexartgen Ruf nach Hilfe vom Staat allmählich nicht mehr hören.
    Auch die Volkshochschulen bieten preiswerte Kurse an. Jeder muss nur genügend wollen und da hapert es m. E. in der Regel.

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