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Aufbäumen in Seifhennersdorf – Protest der Schulrebellen geht weiter

SEIFHENNERSDORF. Kinder und Eltern in Ostsachsen zeigen Kampfgeist. Sie trotzen behördlichen Vorschriften und wehren sich gegen eine Schulschließung. Diese erscheint allerdings unvermeidbar.

Die Eltern in Seifhennersdorf wollen sich mit der Schulschließung nicht abfinden - und haben in Eigenregie einen Schulbetrieb organisiert. Foto: privat

Die Eltern in Seifhennersdorf wollen sich mit der Schulschließung nicht abfinden – und haben in Eigenregie einen Schulbetrieb organisiert. Foto: privat

Vor der Mittelschule in Seifhennersdorf (Landkreis Görlitz) hängen drei Zuckertüten am Baum. Annett, Celina und Marie, für die am Montag das fünfte Schuljahr beginnt, greifen zaghaft danach. «Ganz viel Spaß beim Lernen», wünscht ihnen Bürgermeisterin Karin Berndt (parteilos) mit einem optimistischen Lächeln. Doch die Stimmung scheint eher gedrückt. Die drei Mädchen verschwinden später im Altbau der Schule, den sie zusammen mit zwölf Schülern der sechsten Klasse ganz für sich allein haben.

Die «Großen» sind kampferprobt und haben sich als Schulrebellen längst bundesweit einen Namen gemacht. Gegen den Willen des sächsischen Kultusministeriums lernen sie schon ein Jahr lang in dem Haus. Zu Beginn des vergangenen Schuljahres hatte sich der Widerstand in Seifhennersdorf formiert. Eltern organisierten einen Protestunterricht mit pensionierten und freiberuflichen Lehrern – für anfangs 23 Schüler in der fünften Klasse.

Doch die Front bröckelte allmählich. Vor den Sommerferien war die Klasse bis auf 13 geschrumpft. Nun sprang eine weitere Familie ab. Ein Junge gehe seit Montag in Großschönau zur Schule, hieß es aus dem sächsischen Kultusministerium. Auch eine Mutter der drei Fünftklässlerinnen ist skeptisch. Ihr wäre es schon am liebsten, wenn ihre Tochter im Wohnort lernen könnte. Allerdings fürchtet die Frau Nachteile für ihre Tochter.

Wie der Sprecher des Kultusministeriums, Dirk Reelfs, sagte, seien neun der elf ursprünglich für Seifhennersdorf angemeldeten Schüler an den regulären Schulen in Oderwitz, Großschönau und Ebersbach-Neugersdorf erschienen.

«Wir hoffen, dass die Schule bestehen bleibt», sagt eine andere Mutter. Ihre Tochter Annett müsste bis ins zehn Kilometer entfernte Oderwitz fahren. «Der Schulweg ist uns zu weit.» Dem Kind bliebe keine Zeit mehr für Hobbys. «Der Druck ist groß», gesteht Elternsprecher Andreas Herbig, der zusammen mit seiner Tochter in Seifhennersdorf weiter ausharren will. Tatsächlich gleicht die Schule einem Auslaufmodell. Ihre Schließung ist längst beschlossen. Offiziell gibt es nur noch eine neunte und eine zehnte Klasse. Die insgesamt 45 Schüler werden im für sie ebenfalls viel zu großen Neubau unterrichtet.

Ein lebendiger Bildungsstandort sieht anders aus. Von Vereinsamung ist die Rede. Die Schule hätte Platz für 340 Kinder und Jugendliche, sagt Bürgermeisterin Berndt. «Viele gingen schweren Herzens weg.» Etwa 120 Familien in Seifhennersdorf seien betroffen, nachdem das Ministerium in Dresden bereits das vierte Jahr keine fünfte Klasse mehr genehmigt habe.

Auf Eva Domaschke können die Schulrebellen bei ihrem Protest unterdessen weiter zählen. Die Religionslehrerin hat sich für ein zweites Jahr bereiterklärt, Mathematik, Deutsch, Geografie und Ethik zu unterrichten. «Ich freu mich aufs Weitermachen», sagt sie und geht mit ihren Schützlingen ins Schulhaus. ANETT BÖTTGER, dpa

Zum Bericht: „Nach Protestjahr: Seifhennersdorfer Schüler bekommen kein Zeugnis“

 

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