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Kultusministerin Beer: „Verringerung der Unterrichtsverpflichtung ist nicht realistisch“

WIESBADEN. Unter den Parteien im hessischen Landtag tobt der Streit über die besten Bildungskonzepte. Und während das Schuljahr wieder beginnt, will Kultusministerin Nicola Beer (FDP) den Zwist über die verkürzte Schulzeit G8 beenden. Viel wichtiger als die äußere Form sei, dass innerhalb der Schulen Qualität geboten werde, sagte die Ministerin im Interview.

News4teachers: Wie viele Stunden lernen kann und muss man Schülern heutzutage pro Tag zumuten?

Beer: Der Unterrichtsumfang ist festgelegt, damit anerkannte Abschlüsse herauskommen. Es ist aber sicherlich notwendig, zusätzlich zu lernen. Das selbstständig und effektiv zu organisieren, wird den Schülern beigebracht. Es ist aber auch nötig, dass Kinder Freiräume haben, über die sie selbst entscheiden können. Als Mutter muss ich sagen, da müssen auch Eltern sich zurücknehmen. Kinder wollen einfach mal mit ihren Freunden chillen, wie man heute sagt. Wir bemühen uns, sicherzustellen, dass all das, was mit Schule zu tun hat, bis 16 Uhr erledigt ist – auch da, wo es Nachmittagsunterricht gibt.

News4teachers: Zu wenig Freizeit – das war Grund der Klagen bei der Einführung von G8. Was wurde falsch gemacht?

Beer: Ich glaube, dass wir G8 heute wesentlich besser umgesetzt haben als bei seiner Einführung. Es ist damals sehr viel gleichzeitig auf Schulen zugekommen, was sie zum Teil auch überfordert hat. Deshalb waren die Anfangsjahre nicht ideal. Eine längere Vorbereitungszeit wäre besser gewesen. Man war bemüht, möglichst schnell zu handeln. Mittlerweile haben wir aber an den G8-Schulen sehr gute Ergebnisse. An einzelnen Standorten gibt es immer noch Sachen, die man verbessern kann, das wird nun gemacht.

News4teachers: Gibt es überhaupt eine Zukunft für G8? Sehr viele Schulen kehren nun zurück.

Beer: Nach den bisherigen Erfahrungen schätze ich, dass etwa die Hälfte der Gymnasien bei G8 bleiben wird. Meine Kinder sind auf einem G8-Gymnasium, das ist schon anstrengender, aber sie sagen, sie würden es wieder tun. Und auch ich hätte es mir für mich selbst gewünscht. Weil es durchaus Phasen gab, in denen ich früher fertig gewesen wäre, um dann zum Beispiel ein Auslandsjahr zu machen.

Aus ihrer Sicht ist es "nur" ein gutes Drittel der hessischen Gymnasien, das zurück zu G9 will: Nicola Beer; Foto: Frank Ossenbrink / Kultusministerium Hessen

Aus ihrer Sicht ist es „nur“ ein gutes Drittel der hessischen Gymnasien, das zurück zu G9 will: Nicola Beer; Foto: Frank Ossenbrink / Kultusministerium Hessen

News4teachers: Sie wollen den Eltern die Entscheidung überlassen, doch noch gibt es nicht überall beide Angebote.

Beer: Das muss eine Diskussion sein, die von den Schulen angestoßen wird. Es geht nicht, das aufgrund eines öffentlich suggerierten Hypes vorzuschreiben, sondern es braucht eine belastbare Nachfrage. Man darf hier auch nicht nur auf die Gymnasien blicken. Dann gibt es in den allermeisten Orten ein G9-Angebot. Die Diskussion war phasenweise sehr aufgeheizt, doch ich glaube, dass das jetzt abebbt. Nun richtet sich der Fokus darauf, was innerhalb der Schule geboten wird. Wir wollen die Qualitätsfrage stellen, das halte ich für entscheidend.

News4teachers: Sie haben für die höchste Unterrichtsversorgung in der Geschichte des Landes gesorgt, doch die Lehrer klagen über Stress. Ist hier Abhilfe in Sicht?

Beer: Wenn Sie auf eine Verringerung der Unterrichtsverpflichtung anspielen, dann absehbar nein. Man bräuchte etwa 2000 Lehrerstellen, um nur eine Stunde Unterrichtsverpflichtung weniger zu haben. Das ist nicht realistisch. Bei den Lehrerarbeitszeiten liegen wir auch im ganz normalen Korridor der Beamten im Landesdienst. Zudem haben wir viele Lehrer neu eingestellt. Auch bei den Zusatzaufgaben rund um den Unterricht wird es besser, etwa durch die neuen Sozialpädagogen an Schulen in sozialen Brennpunkten.

News4teachers: Sie sind jetzt mehr als ein Jahr im Amt. Was lässt Sie hoffen, dass sie auch nach der Landtagswahl noch Ministerin sein werden?

Beer: Ich glaube, dass man die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich sieht und dass die Eltern keine Lust mehr haben, über schulorganisatorische Fragen zu diskutieren. Wir machen ihnen ein attraktives Angebot, so dass Jeder für sein Kind die passende Schule wählen kann.

News4teachers: Dass die CDU eine Koalition mit den Grünen nicht ausschließt, macht Ihnen keine Sorgen?

Beer: Nein, weil ich glaube, dass es für die Wähler klar ist, dass es nur mit der FDP eine bürgerliche Regierung geben wird. Und dass sehr viele Bürger in Hessen es schätzen, dass wir in dieser Koalition mit so guten Ergebnissen zusammengearbeitet haben, die sie den Grünen auf jeden Fall nicht zutrauen.

News4teachers: Was halten Sie vom CDU-Vorschlag für einen Pakt zur Betreuung am Nachmittag?

Beer: Das deckt sich mit dem an dem wir schon arbeiten: der weitere Ausbau des Ganztagsprogramms in Verzahnung mit den kommunalen Angeboten. Hier kann es nur Hand in Hand gehen. Die Fragen stellte Isabell Scheuplein/dpa

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