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Marburger Student forscht in Ägypten – ein Interview zur aktuellen Lage

MARBURG. Für seine Masterarbeit hat sich ein Marburger Student ein schwieriges Thema ausgesucht. Und einen schwierigen Arbeitsort: das aufgewühlte Ägypten.

Krisenherd statt Hörsaal: Der Marburger Student Johann Esau reiste nach Ägypten, um für seine Masterarbeit Interviews mit Atheisten zu führen. Trotz Massenprotesten und Ausschreitungen will der 26-Jährige, der am «Centrum für Nah- und Mitteloststudien» der Uni Marburg arabische Literatur und Kultur studiert, herausfinden, wie diese in dem islamischen Land leben. Im Interview spricht er über seinen Alltag in der Krise und einen Muezzin, der vom Glauben abfällt.

News4teachers: Das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Ägypten ab. Sie aber sind weiterhin dort unterwegs. Warum?

Antwort: In den Nachrichten sieht man ja nur die Schreckensbilder, die einem wirklich Angst machen können. Vor Ort merkt man aber, dass man relativ normal weiterleben kann. Ich plane, noch bis Mitte September hierzubleiben und die Interviews für meine Arbeit zu führen.

News4teachers: Wie sieht ihr Alltag gerade aus?

Antwort: Ich wohne in Mounira, das sind etwa 15 Minuten Fußmarsch zum Tahrir-Platz. Für meine Interviews und um Freunde zu treffen, fahre ich zwar auch in andere Stadtteile, bin aber abends vor 19 Uhr wieder zurück, da wegen der Ausgangssperre die Metro nicht mehr fährt und wichtige Straßen gesperrt sind. Es ist für mich schon erschreckend, dass ich morgens ganz normal frühstücke, auf die Straße gehe, um im Supermarkt einzukaufen und ganz ruhig auf dem Balkon sitze und lese, während ein paar Kilometer weiter Hunderte Menschen sterben. Das ist hier zwar nicht Alltag, aber mir scheint, dass ein Leben von manchen nicht so wertvoll geachtet wird, wie man es sich wünscht.

News4teachers: Wie groß ist die Angst der Menschen?

Antwort: Die Menschen in meiner Umgebung haben keine Angst um ihr Leben, eher um die ungewisse Zukunft ihres Landes. Die große Mehrheit begrüßt das harte Vorgehen des Militärs gegenüber den Muslimbrüdern und hofft, dass sich das Leben so schnell wie möglich normalisiert.

News4teachers: Sie interviewen während ihrer Reise Atheisten. Deren Stellung ist, wie Sie sagen, nicht unproblematisch. Reden die Menschen in dieser aufgeheizten Lage überhaupt mit Ihnen?

Demonstranten auf dem Tahir-Platz in Kairos Innenstadt im jahr 2011. (Foto: Ramy Raoof/Wikimedia CC BY 2.0)

Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairos Innenstadt im jahr 2011. (Foto: Ramy Raoof/Wikimedia CC BY 2.0)

Antwort: Zu meiner Überraschung bekennen sich immer mehr Menschen ganz offen zum Atheismus oder zu ihrer Nichtreligiösität. Nicht nur im Internet sind sie mit ihren echten Namen unterwegs, auch im öffentlichen Leben trauen sie sich immer mehr zu. Seit dem Beginn der arabischen Revolten im Januar 2011 ist es für viele Religionslose einfacher geworden, sich mit ihrer Meinung an Diskussionen zu beteiligen. Große Teile der Bevölkerung akzeptieren Atheismus natürlich immer noch nicht, in der Kairoer Mittelschicht kann man sich aber inzwischen als Nichtgläubiger outen, ohne schwerwiegende Konsequenzen zu fürchten. Solange sie ihren «Unglauben» nicht an die große Glocke hängen, haben sie meistens nichts zu fürchten. Wer aber aus einer streng gläubigen Familie kommt, muss natürlich aufpassen.

News4teachers: Was haben diese Menschen denn zu befürchten?

Antwort: Sozialer Ausschluss und auch körperliche Gewalt können die Folge sein. Ich habe von einem Muezzin, also einem Gebetsrufer, gehört, der nicht mehr an Gott glaubt, dies aber völlig geheim halten muss. Theoretisch ist im orthodoxen Islam immer noch die Todesstrafe für «Abgefallene» vorgesehen, auch wenn das äußerst selten vorkommt.  Die Fragen stellte Carolin Eckenfels/dpa

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