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Schulentwicklung im Südwesten – Bürgermeister müssen «Illusionen begraben»

NÜRTINGEN. Von 862 Werkreal- und Hauptschulenschulen sind 350 in ihrer Existenz bedroht. Doch man kann sie nach Ansicht von Grün-Rot nicht einfach sterben lassen. Eine Herkulesaufgabe für Minister Stoch.

Rötliche, zum Teil überlappende Kreise und Ellipsen unterschiedlicher Größe zieren die Landkarte des Kreises Esslingen im Nürtinger Schulamt. Damit hat Behördenleiter Günter Klein orientiert an Schülerströmen die zwölf «Bildungsräume» in seinem Verantwortungsbereich festgelegt. Die regionale Schulentwicklungsplanung ist noch gar nicht gesetzlich verankert, da machen sich die Betroffenen vor Ort – so wie in Nürtingen – schon auf den Weg, die Bildungslandschaft neu zu ordnen.

Der Grund: Im Land werden bis 2020 rund 150 000 Schüler weniger als heute die Schulbank drücken. Dem Landkreis Esslingen mit seinen 44 Gemeinden gehen nach der Prognose 5600 Schüler verloren. Im Landkreis Esslingen gibt es derzeit 17 Gymnasien und noch 30 Werkrealschulen, davon jede vierte mit weniger als der Mindestzahl von 16 Kindern in der fünften Klasse. Von den 22 Realschulen streben fünf an, sich in eine Gemeinschaftsschule umzuwandeln. Drei Gemeinschaftsschulen gibt es bereits.

«Wir warten nicht, das etwas passiert, sondern wollen gemeinsam mit den Schulträgern aktiv gestalten», betont Schulamtschef Günter Klein. Auf Basis von Geburtenraten, Übergangsquoten auf die weiterführenden Schulen, Nahverkehrsanbindungen sowie Nachfrage und Angebot an Ganztagsschulen wird geplant. Auch der Bedarf an Teilhabe behinderter Schüler in den Regelschulen wird berücksichtigt. Ziel ist eine Schulstruktur, die den Schülern in zumutbarer Entfernung einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Abschluss ermöglicht.

einklassenschule

Die Einklassenschule, wie hier in den USA, wird es im Südwesten nicht geben. (Foto:MarketingMan12/Wikimedia public domain)

Dabei berät das Schulamt die Schulträger und dient als Moderator im Wettstreit; denn die Bürgermeister wollen ihre weiterführenden Schulen nur ungern zugunsten der Nachbargemeinde aufgeben. Doch nach Ansicht von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) müssen Bürgermeister zuweilen Illusionen über die Zukunft ihrer Schulstandorte begraben. «Manche reden sich die Realität schön», sagt er.

Das Verwaltungsgericht Stuttgart hat ihm vor kurzem in diesem Punkt recht gegeben. Denn es wies die Klagen von vier kleinen Gemeinden ab, die sich auf Basis ihrer Geburtenvorhersagen gegen die Ablehnung ihrer Anträge auf Gemeinschaftsschulen wehrten. Tenor des Urteils: Die Einrichtung neuer Schulen müsse auch Effizienzkriterien wie die vom Ministerium vorgegeben stabilen Zweizügigkeit erfüllen.

Klein pflichtet bei: «Es geht hier um den Einsatz öffentlicher Mittel.» Zu kleine Einheiten seien pädagogisch nicht sinnvoll und stellten Vielfalt, Stabilität und verantwortungsvollen Mitteleinsatz infrage. Das Wort «Schließungsprogramm» passe allerdings gar nicht zur regionalen Schulenentwicklungsplanung. Sein Ziel sei eine «interkommunale Verantwortungsgemeinschaft.» Auf dem Weg dahin haben er und sein Mitarbeiter kein leichtes Geschäft. Die Beamten leiten zehn Beratungskreise mit Bürgermeistern, Eltern- und Lehrer-Vertretern. Auch Wirtschaft und Hochschulen werden einbezogen.

Minister Stoch hat die Eckpunkte für die regionale Schulentwicklung noch vor der Sommerpause vorgestellt – ein Schritt hin zur Schulgesetzänderung, die 2014 in Kraft treten soll. Genauso wenig wie erst mit der Novelle die Steuerung beginnt, genauso wenig wird sie in einigen Jahren ganz abgeschlossen sein. Klein betont, regionale Schulentwicklung habe keinen festen Endpunkt: «In Stein gemeißelt ist in der Schullandschaft nie etwas.» Julia Giertz/dpa

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