Anzeige


Startseite ::: Titelthema ::: Ärger um Anglizismen: Duden zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt

Ärger um Anglizismen: Duden zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt

DORTMUND. Ausgerechnet der renommierte Duden erhält vom Verein Deutsche Sprache (VDS) den Negativ-Titel «Sprachpanscher des Jahres 2013». Der Vorsitzende des VDS, Walter Krämer, begründete die Wahl in Dortmund mit der Aufnahme «lächerlicher Angeber-Anglizismen».

Panscht der Duden - oder bildet er nur die aktuelle Sprachentwicklung ab? Foto: Wikimedia Commons / Tornesol (CC BY-SA 3.0)

Panscht der Duden – oder bildet er nur die aktuelle Sprachentwicklung ab? Foto: Wikimedia Commons / Tornesol (CC BY-SA 3.0)

Wie kaum eine andere Organisation trage der Duden seit Jahren dazu bei, dass sich sprachliches Imponiergehabe im Glanze einer quasi amtlichen Zustimmung sonnen dürfe, so heißt es in einer Erklärung des Vereins. „Wer in einem Wörterbuch der deutschen Sprache als Ersatz für Fußball ‚Soccer’ vorschlägt, hat es nicht besser verdient“, begründete Krämer die Kür. „Wo bleiben der Nachsteller – statt ‚Stalker’, der Netzhandel – statt ‚E-Business’ – oder der Klapprechner, der immerhin über 34.000 Treffer bei Google aufweist?“ Nach seinen eigenen Grundsätzen, nämlich ohne weitere Wertung alle Wörter aufzunehmen, die hinreichend oft in der deutschen Sprache vorkommen, müssten auch diese Wörter im Duden stehen.

Etwa jedes vierte Wort unter den aktuell rund 140.000 Begriffen im Duden habe fremdsprachliche Wurzeln, stellte hingegen Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht angesichts der Kritik fest. Mit einem Anteil der sogenannten Anglizismen von etwa 3,5 Prozent sei der Prozentsatz der aus dem Englischen entlehnten Begriffe noch vergleichsweise niedrig. Eine Zunahme habe es in den vergangenen Jahren nicht gegeben.

Ebenso hoch sei im Wörterbuch der Anteil von Übernahmen aus der französischen Sprache. Fachbegriffe aus dem Finanzwesen wie etwa der «Bankrott» stammten häufig aus der italienischen Sprache, die auch für kulinarische Begriffe wie «Pizza» oft Pate stehe.

Weit häufiger seien dagegen sprachliche Wurzeln aus dem Lateinischen und Griechischen mit einem Anteil von jeweils etwa fünf bis sechs Prozent, erläuterte Scholze-Stubenrecht. Doch die Herkunft von Wörtern aus der lateinischen Sprache wie Mauer (murus) oder Fenster (fenestra) sei kaum noch jemandem bewusst. Auch seit langem eingebürgerte Anglizismen wie der Streik (strike) sorgten nicht für Aufregung, so der Experte. Aus dem Hindi stammende Begriffe wie «Pyjama» oder «Bungalow» seien über den Umweg der englischen Sprache ins Deutsche eingewandert.

Eine reine deutsche Sprache habe es ohnehin nie gegeben, sagte der Duden-Chef. «Wir machen die Sprache nicht, wir bilden sie objektiv ab», sagte Duden-Verlagssprecherin Nicole Weiffen. Eine Bewertung werde nicht vorgenommen.

Doch der Dortmunder Verein sieht Begriffs-Importe aus der englischen Sprache weiterhin kritisch. Bereits seit 1998 küren die Mitglieder per Abstimmung «Sprachpanscher», die in ihren Augen für das «unnötige Verdrängen» deutscher Begriffe durch Importe aus dem angelsächsischen Ausland stehen. Es gebe eine «Demontage des Deutschen als Sprache von Kultur und Wissenschaft ganz allgemein», bedauert der gemeinnützige Verein.

Alle rund 36.000 Mitglieder waren zur Abstimmung aufgerufen, 2000 von ihnen beteiligten sich. Auf den Duden entfielen knapp 820 Stimmen. Die jeweiligen Kandidaten für die Abstimmung werden von Arbeitsgruppen nominiert.

Erst im vergangenen Jahr hatte Karstadt-Chef Andrew Jennings die Sprachschützer auf die Barrikaden getrieben. Mit Sprachschöpfungen wie «Full of Life» oder «Midseason-Sale» hatte der Brite für Unmut gesorgt. Auf der Panscher-Liste früherer Jahre standen etwa René Obermann (Telekom, 2011) oder Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn (2007).

Zweiter bei der diesjährigen Abstimmung sei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) geworden, berichtete der Verein. Der Vorwurf an den Politiker: Mit seinem Insistieren auf Englisch selbst in Anwesenheit von Dolmetschern falle er allen Versuchen in den Rücken, Deutsch als echte Arbeitssprache in der EU glaubhaft zu verankern. dpa

 

 

5 Kommentare

  1. „«Wir machen die Sprache nicht, wir bilden sie objektiv ab», sagte Duden-Verlagssprecherin Nicole Weiffen. Eine Bewertung werde nicht vorgenommen.“
    Genau das ist ja das Elend; Duden weigert sich, eine Verantwortung zu übernehmen, die der Verlag angesichts seiner Geschichte eigentlich hätte.

  2. Dr. Volkmar Pleßer

    Braucht man für eine derart mechanische Auswertung eine Redaktion? Das könnte dann doch auch eine Maschine erledigen!

  3. Der Duden ist dazu da, den Leuten zu zeigen, wie man ein Wort schreibt, das im Deutschen gebräuchlich ist. Wenn gewisse Wörter englischer Herkunft gebräuchlich sind, sollte der Duden sie auch aufnehmen. Die Frage ist natürlich, ob manches nicht erst mal in den Fremdwörterduden gehört? Ansonsten finde ich auch viele Anglizismen lächerlich. Warum um alles in der Welt muss man jetzt die Kätzchen „kitten“ nennen? In entsprechenden Foren und Medien überwiegt „kitten“ bereits. Das finde ich so affig. Und letztens nannte eine Frau auf der Straße meinen Welpen (ein Hundewelpe, kaum jemand weiß, dass Katzenjunge auch Welpen heißen) mit „süße Puppy“ an – ich hatte erst kurz zuvor irgendwo gelesen, dass Welpen im Englischen Puppy heißen. Ich meine, es sind viel, viel mehr unnötige Anglizismen im Umlauf, als der Duden aufgenommen hat, was keine Entschuldigung oder Verteidigung sein soll.

    • Wer will dieser Frau verbieten, einen Hundewelpen ‚Puppy‘ zu nennen? Das zeugt doch eher von Fremdsprachenkenntnissen. Wollen wir hier Verhältnisse wie in Frankreich, wo Anglizismen offiziell verboten sind und die Académie Française ein gestrenges Auge drauf hat? Fast überall auf der Welt sprechen wir inzwischen von einem Computer, in Frankreich heißt das Ding ordinateur, selbst der Walkman, ein eingetragenes Warenzeichen von Sony in den 80er Jahren, musste in Frankreich als baladeur verkauft werden (balader = schlendern, spazieren gehen). Wollen wir hier strikte Regelungen, wie groß der Anteil von deutschen Schlagern in unseren Radiosendern sein muss, wie das in anderen Ländern geregelt ist?
      Sprache entwickelt sich, sie hat sich seit Jahrhunderten entwickelt. Unsere heutige Sprache ist weit von dem entfernt, was Goethe oder Mozart gesprochen haben. Die Einflüsse anderer Sprachen waren immer vorhanden, nur kamen sie aus wechselnden Richtungen. Anstatt sich über ein paar kleine Anglizismen aufzuregen, sollten wir uns viel mehr Sorgen machen um die Sprachlosigkeit unserer Schüler, die oft kaum mehr als Drei-Wort-Sätze zustande bekommen, von Satzgefügen ganz zu schweigen. Warum sich über Anglizismen aufregen, nicht aber über Einflüsse von Latein und Griechisch, Französisch, Italienisch?

  4. Ich weiß, ich bin spät dran, aber der Link hierher wurde heute morgen „getwitter“. Oh… Ein Anglizismus…!

    Ein solcher Artikel in einem Magazin, das sich news4teachers nennt.

    Mal nachdenken – ja, sehr überzeugend. 😉

    Klapprechner und Nachsteller sind auf jeden Fall so ziemlich an der Realität vorbei.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*