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Ausstellung im Naturkundemuseum Münster: Sex ist der Antrieb der Evolution

MÜNSTER. Sex soll locken, auch in eine Ausstellung. In Münster bereitet das Museum für Naturkunde das Thema ab dem 11. Oktober sensibel auf: Sex als lustvoller Antreiber der Evolution.

  Was soll das eigentlich mit dem Sex? Warum der ganze Aufwand, diese enorme Energieverschwendung? Warum dieses ganze schamvolle Rumgeeiere um Geschlechtsteile und Schönheitsideale bei Frau und Mann? Antworten versucht das Naturkundemuseum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Münster in einer Ausstellung zu geben. Ab dem 11. Oktober zeigt das Haus ein Jahr lang «Sex und Evolution». Konzipiert ist die Schau für alle Altersklassen, das museumspädagogische Angebot für Schulklassen startet ab dem 1. Schuljahr. Und auch die Jüngsten bekommen viel zu sehen. Denn die Tierwelt ist nicht zimperlich. Da wird beim Sex gemordet, gefressen und mit Sperma gehandelt. Possierliche Igel dürfen auch zeigen, wie sie es so tun. Der Kicherfaktor ist groß.

Die stacheligen Tiere machen es vorsichtig, das ist bekannt. Weniger bekannt ist, wie groß der Anteil von Homosexualität bei Tieren ist oder dass Delfine geradezu wild auf Sex sind. Unverblümt zeigt das Naturkundemuseum Flipper und Co. beim Liebesspiel. Aber wer hätte gedacht, dass die freundlichen Tiere so kreativ sind? Sind die Männchen unter sich, wird auch schon mal das Atemloch auf dem Rücken beim Liebesspiel penetriert.

Sex bringt die größte genetische Vielfalt hervor - auch beim Elefanten. Hier zwei Exemplare im Berliner Zoo in flagranti. (Foto: UrLinkwill/Wikimedia CC BY-SA 3.0 DE)

Sex bringt die größte genetische Vielfalt hervor – auch beim Elefanten. Hier zwei Exemplare im Berliner Zoo in flagranti. (Foto: UrLinkwill/Wikimedia CC BY-SA 3.0 DE)

Auf über 500 Quadratmetern zeigen die Ausstellungsmacher und Biologen Lisa Klepfer und Jan Ole Kriegs sensibel, aber trotzdem sehr direkt, welche Bedeutung der Sex in der Evolution spielt und gespielt hat: die Hauptrolle. Ohne Sex keine so große Artenvielfalt, ohne Sex keine Entwicklung des Gehirns beim Menschen. Die Ausstellung erklärt, warum vor allem der Austausch von weiblichen und männlichen Chromosomen – und damit der Gene – der Natur bei der Entwicklung immer neuer Arten auf die Sprünge geholfen hat.

«Sex ist ein teurer Luxus für die Natur, wirklich Energieverschwendung, aber er bringt einfach die größte genetische Vielfalt», erklärt Jan Ole Kriegs. Bakterien vermehren sich asexuell, also nur durch Zellteilung, und sind dadurch sehr konstant in ihrem Dasein. «Sie gibt es seit Milliarden von Jahren», sagt er.

Aber auch Tiere legen manchmal ihre Sexualität ab. Das Truthuhn, die Frau vom Truthahn, kann Eier legen, aus denen nur Männchen schlüpfen, ohne dass es zu einer Befruchtung kam. «Warum das passiert, wissen wir allerdings nicht», wundert sich auch Kriegs. Und immer wieder läuft auch gehörig etwas schief in der Natur. Klappt es nach der Befruchtung mit der Zellteilung nicht so wie gewünscht, bringt die Natur am Ende zum Beispiel einen Halbseitenzwitter hervor. Da ist dann der Schmetterling auf der linken Seite ein Weibchen und rechts ein Männchen – oder umgekehrt.

Zusammen mit Design-Studenten der Fachhochschule Münster hat das Naturkundemuseum die Ausstellung umgesetzt. Ein grauer Farbstreifen an den Wänden verbindet die 450 Objekte der Schau. Er bildet den Hintergrund für Zitate zum Thema Mensch und Sexualität, die die Distanz zur Natur abbauen sollen. Die Ausstellungsmacher erklären, wo Parallelen und Unterschiede sind zwischen Mensch, Tier und Pflanzen.

Wie am Beispiel der Äußerlichkeiten. «Bei nackten Menschen erkennt jeder sofort, wer Frau und wer Mann ist. Mit Kleidung aber können wir viel vertuschen», sagt Lisa Klepfer. Auf körpergroßen Fotos hat ein Model die Kleidung mehrfach gewechselt. Es könnte ein Mann sein, aber auch eine Frau.

Der graue Streifen mündet am Ende der Ausstellung in einen Raum, der ausschließlich dem Menschen gewidmet ist. Hier geht es um Prüderie, Erotik in der Kunst, Sex im Alter oder Teenager und Internet-Pornografie. Oder um den Spaß an der Lust. Sex ist eben nicht nur Mittel zur Fortpflanzung, wie die Ausstellung zeigt.

«Wenn wir in der Tierwelt Hybriden sehen wie das Maultier, also einer Kreuzung aus Esel und Pferd, dann ist das für uns ja verwunderlich. Aber auch unsere Vorfahren haben sich irgendwann mit anderen Arten gekreuzt», sagt Kriegs. «Vier Prozent unseres Erbgutes stammen vom Neandertaler, einer anderen Menschenart. Das bedeutet, dass moderne Menschen und Neandertaler sich früher mal gepaart haben müssen.» Diese Information macht die Darstellung der Tier-Hybriden so interessant und zeigt: Wir Menschen sind auch nur Tiere. Allerdings mit Gehirn und Verstand – dank Sex und Evolution. Carsten Linnhoff/dpa

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