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Experten: Inklusion wird torpediert – Schwarzbuch veröffentlicht

DARMSTADT. Ein gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern wird in Hessen nach Ansicht von Experten zu häufig torpediert. «Eine Inklusion wird systematisch verhindert», sagte die Professorin für Heilpädagogik Anne-Dore Stein in Darmstadt. Sie ist Vorstand des bundesweiten Vereins «Politik gegen Aussonderung – Koalition für Integration und Inklusion». Dabei sei 2009 eine UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet worden, zudem gebe es in Hessen ein entsprechendes Gesetz. Das Kultusministerium wies die Darstellung als «vollkommen absurd» zurück.

Unterstützt wird der Verein unter anderem vom Elternbund, vom Landesbehindertenrat und von der Bildungsgewerkschaft GEW Hessen. Vorgestellt wurde mit Blick auf die Landtags- und Bundestagswahl ein «Schwarzbuch Inklusion» mit rund 65 Einzelfällen. «Es ist festzustellen, dass weiterhin der Ausschluss von inklusivem Unterricht der Regelfall ist», heißt es darin. Was in Hessen festgestellt worden sei, gelte auch für andere Länder.

Der Sprecher des Ministeriums, Christian Henkes, betonte, die Vorwürfe einer systematischen Verhinderung entbehrten jeder Grundlage. Den genannten Fällen stünden rund 6400 Schüler mit Förderbedarf entgegen, die nun eine allgemeine Schule besuchten. Zudem würden landesweit 22 000 Schüler ohne Förderbedarf präventiv sonderpädagogisch gefördert. An den Förderschulen des Landes würden rund 35 000 Schüler unterrichtet. dpa

Hier geht es zum „Schwarzbuch Inklusion“

19 Kommentare

  1. Und wer sind die Schurken? Welche üblen Ziele verfolgen sie?

  2. Ist das moderne Hexenjagd? Wehe dem, der nicht an die Inklusion glaubt!

  3. Mittlerweile schrecken die fanatischen Befürworter der Inklusionsidee offensichtlich vor nichts mehr zurück.

  4. Ich habe ihn hier schon einmal geschildert – den Fall eines Berufsschülers, den ich zwei Jahre ‚begleitete‘:
    Für das Tragen seiner Tasche und seines Rollers (bei Raumwechsel) hätte nur ein Klassendienst organisiert werden müssen. Es handelt sich um einen ‚geistig normal entwickelten‘ Schüler, bei dem Sonderschule wirklich Unsinn gewesen wäre. Das bisschen Organisieren war dem Kollegium aber offenkundig zu viel. Daher sollte jemand zwei Jahre seine Zeit als Taschenträger verschwenden, vom Land bezahlt.
    ich glaube durchaus, dass Inklusion, auch wo sie sinnvoll ist, torpediert wird.
    Ich teile hier viele Positionen, z. B was Ganztagsbetreuung und das Verstaatlichen bisheriger familiärer Aufgaben betrifft. Aber bitte: Es gibt da eine Grundhaltung, die vielen Fällen nicht gerecht wird.

  5. @ Grit
    Ich erinnere mich an den Fall Ihres Berufsschülers (war es nicht ein Realschüler?), den Sie sehr anschaulich beschrieben. Beeindruckt hat mich damals schon, wie ehrlich Sie die Tatsache der Geldverschwendung im Zuge der Inklusion kritisierten und wünschten, dass sog. Lernbegleiter in Planung und Unterricht mehr eingebunden würden.
    Bezüglich der Inklusion weisen Sie heute auf eine Grundhaltung hin, „die vielen Fällen nicht gerecht wird“. Das ist richtig, wenn die Sache differenzierter betrachtet wird. Unter diesem Aspekt darf dann allerdings auch die Ganztags- oder Krippenbetreuung nicht rundweg abgelehnt werden, weil sie in vielen Fällen – z.B. Verwahrlosung im Elternhaus – durchaus gerechtfertigt ist.
    Bei Grundhaltungen geht es eher um Stellungnahme zu Ideologie und verallgemeinerndem Prinzip. Und das Prinzip einer inklusiven Einheits- bzw. Gemeinschaftsschule für alle – also auch für schwer verhaltensgestörte oder lernbehinderte Schüler – stelle auch ich in Frage.

  6. „[…] Fall Ihres Berufsschülers (war es nicht ein Realschüler?) […]“ – ja, Realschulabschluss in einer Berufsschule.
    „[…] Ganztags- oder Krippenbetreuung nicht rundweg abgelehnt werden, weil sie in vielen Fällen – z.B. Verwahrlosung im Elternhaus […]“ – ja, keine Frage. Aber es ist mal wieder eine schwierige Lage: Was soll der Staat auffangen? Wie viel Inkompetenz auf Seiten der Eltern (schon bei der Verhütung) soll er ‚ausgleichen‘? Müßig, das hier anzuschneiden.
    Was Inklusion betrifft, ist es höchste Zeit, dass von vornherein, auch bei der Unterrichtsplanung, die Förderschulkräfte in die Regelschulen eingebunden werden. Die Extraprogramme für Schüler mit Förderbedarf werden dann sicher Nischen im Klassenraum oder in Klassenraumnähe erfordern, die Raumaufteilungen im Rahmen offenen Unterrichts nahe kommen. Ich habe schöne Sachen dieser Art und entsprechend gute Atmosphären bei Praktika in Berliner Schulen gesehen.

  7. Klar ist aus meiner Sicht, dass eine grundsätzliche Aussonderung schlecht ist. Dann geht es ’nur‘ noch darum, für wen welche Schule geeignet ist. Sämtliche Kritiken, die ich kenne, scheinen allerdings von der Voraussetzung auszugehen, dass Förderschulpädagogik in Regelschulen die Ausnahme ist.

    • Worte beinhalten oft Werturteile und beeinflussen Meinungen, siehe Hund oder Köter, Polizist oder Bulle. Bei der Inklusion fällt auf, dass der Begriff „Aussonderung“ eine entscheidende Rolle spielt. In meinem Nachschlagewerk steht dazu:
      1. etw. (Überflüssiges, Unbrauchbares) aussortieren (u. wegwerfen)
      2. (aus dem Körper) ausscheiden.
      Wie steht ein Mensch dann da, der durchaus das Wohl aller Kinder im Auge hat und aus guten Gründen gegen die Einheits- bzw. Gemeinschaftsschule als Regelschule plädiert, wenn er vor dieses Wort gestellt wird durch eine scheinbar harmlose, sachliche Feststellung wie etwa diese: „Sie sind also für die Aussonderung behinderter Kinder.“ In einer Diskussion ist er moralisch erst einmal unten durch und muss zusehen, wie er überhaupt noch auf offene Ohren trifft.
      Heute ist die Welt voll von moralbesetzten Worthülsen, vor allem in der Politik. Das stimmt bedenklich, weil immer häufiger nicht mehr sachliche Überlegungen die entscheidende Rolle spielen, sondern das Durchsetzungspotential bestimmter Begriffe.

  8. OK. Es geht mir aber nicht um dieses Wort, wenn ich auf Erfahrungen hinweise, die auf ein ‚Torpedieren‘ schließen lassen. Ich habe den Taschenträgerfall geschildert, in dem das sehr deutlich war!
    Und andere Fälle, die ich kenne (z. B. mein gegenwärtiger), ließen sich gut mit Einbindung förderpädagogischer Kräfte in die Regelschule bewältigen. Ich nehme immer wieder wahr, wie sehr das Erleben z. B. von Mehr-oder-weniger-Autisten auf einem Regelschulhof ein Lernen auch für Regelschüler bedeutet. Dieses Lernen halte ich für wertvoll. Neben der Schule, an der ich tätig bin, befindet sich eine Förderschule. Die dort zusammengeballten Schüler wirken in der Schulumgebung in ihrer Häufung leider wie ‚die Bekloppten‘. Ich meine, dass es besser ginge, z. B. durch gemeinsames Planen Von Regelschullehrern mit Förderschullehrern.
    Übrigens bin ich in meiner Schulzeit !977 bis 1989 überhaupt nicht mit Sonderschülern in Kontakt gekommen – ein meines Erachtens bedenklicher Sachverhalt.

  9. Dieser Zeitartikel ist m.E. sehr informativ und beleuchtet ausführlich das Thema „Inklusion“.

    Verhaltensauffällige Kinder
    „Die Not ist riesengroß“
    von Martin Spiewak
    Psychisch auffällige Kinder stellen die schwierigste Herausforderung für ein gemeinsames Lernen mit anderen dar. Ihre Zahl wächst rapide.
    Wenn er es gar nicht mehr aushielt, verließ David einfach den Klassenraum. Nur weg von den anderen Schülern. Nur weg vom Lehrer. Ohne zu fragen, ging er ins Treppenhaus und träumte sich in seine eigene Welt. Mal stellte er sich die Sternbilder vor, die er bei klarem Nachthimmel zu Dutzenden benennen konnte. Mal versank er im Universum seiner Pokémonkarten, 493 an der Zahl, die er sämtlich mit Namen und Eigenschaft kannte.
    David* geriet oft an diesen Punkt. Etwa wenn er etwas wusste und der Lehrer ihn nicht gleich drannehmen wollte. Oder wenn es ihm in der Klasse zu laut wurde. Dann redete er erst dazwischen, dann begann er zu schreien. Am Ende flog auch mal die Federtasche durch den Raum. Fünf Füllhalter gingen in einem Jahr zu Bruch. Am Ende hieß es: David Klauber, 11 Jahre, partiell hochbegabt, bis auf Weiteres unbeschulbar.
    Nun hält Davids neuer Füller bereits seit mehr als einem Jahr. So lange besucht der Junge das Zentrum für Schulische und Psychosoziale Rehabilitation (ZSPR) im Berliner Stadtteil Westend. Gerade ist Gemeinschaftskunde, die Schüler sollen notieren, was ihnen zu dem Begriff »Familie« einfällt. »Erpressung« schreibt Sarah; das Mädchen lebt mit ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern von Hartz IV. Bei Sefket, dem Sohn serbischer Flüchtlinge, steht »Stress« auf dem Blatt. Paul hat gar nichts notiert. Sein Vater, ein Manager in einem internationalen Unternehmen, zog mit der Familie von einem Land ins nächste. Der Sohn hat das Nomadenleben seelisch nicht verkraftet und kann sich nur schwer konzentrieren.
    Die elf Jungen und Mädchen in der älteren von zwei Klassengruppen verbindet, dass sie alle in einer normalen Schule gescheitert sind. Und die Schulen an ihnen. Analphabeten oder Gymnasialbefähigte sind darunter, vernachlässigte und überbehütete Kinder. Für sie hat Michael von Aster, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am DRK-Klinikum, die Spezialschule gegründet. Er schuf das Zentrum, eine Mischung aus Tagesklinik und Förderschule, gegen jeden Trend. Denn überall in Deutschland sollen Sonderschulen in ihrer jetzigen Form aufgelöst werden. Von Aster dagegen eröffnete im Februar 2009 eine neue Schule für stark verhaltensauffällige und psychisch kranke Jugendliche, ein in Deutschland einzigartiges Modell. Über 23 Plätze verfügt das Zentrum derzeit, bald sollen es mehr werden. Er könnte die Zahl der Schüler binnen Kurzem verdoppeln, sagt der Psychiater: »Die Not ist riesengroß.«
    Streitfall Inklusion
    Eines steht fest: Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Behinderten wird die Förderschulen in Deutschland nachhaltig verändern. Lange Zeit waren die Sondereinrichtungen für Blinde und Taube, für lernschwache und sozialauffällige Schüler für die Politik kein Thema. Seitdem die UN-Konvention auch hierzulande gilt, hat sich das radikal gewandelt. Nun stehen alle Bundesländer unter großem Druck, die Integration behinderter Schüler voranzutreiben.
    Im Bildungssystem laufen derzeit zwei Entwicklungen gegeneinander, die so gar nicht zueinander passen wollen. Da ist zum einen die Idee, alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, gesunde wie kranke, behinderte wie nicht behinderte. So lauten die politischen Vorgaben.
    Zum anderen wächst die Zahl jener Schüler, deren Verhalten einen gemeinsamen Unterricht extrem erschwert. »Wenn es nicht gelingt, die Schulen im Umgang mit diesen Schülern besser zu unterstützen, fahren wir die Idee der Inklusion an die Wand«, warnt Angela Ehlers, die in der Hamburger Schulbehörde zuständig ist für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.
    Seit Frühjahr vergangenen Jahres hat in Deutschland jedes Kind einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen. Inklusion heißt das pädagogische Zauberwort. Noch werden in Deutschland mehr als 80 Prozent der Kinder mit einem Handicap in Sonder- oder Förderschulen unterrichtet. Der europäische Durchschnitt liegt bei 15 Prozent. Kein anderes Land verfügt über ein so ausgefeiltes System der isolierten Beschulung
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    wie die Bundesrepublik. Doch eine »Abschiebepädagogik« soll es zukünftig nicht mehr geben.
    Dabei wird das Großprojekt Inklusion nicht an jenen Schülern scheitern, die einem beim Stichwort Behinderung zuerst einfallen. Blinde und Schwerhörige, Stumme oder Rollstuhlfahrer lassen sich – technische Hilfen vorausgesetzt – noch relativ einfach mit anderen Schülern unterrichten. Selbst geistig Behinderte, wie etwa junge Menschen mit Downsyndrom, fügen sich oftmals einfacher als bislang gedacht in einen normalen Klassenverband ein (ZEIT Nr. 12/09).
    Ungleich größere Schwierigkeiten bereiten den Regelschulen dagegen jene Schüler, die schon heute der Albtraum vieler Lehrer sind: die schwer Verhaltensauffälligen, die allein jede Stunde sprengen können; die Hyperaktiven, denen es nicht an Intelligenz mangelt, dafür aber an der Disziplin, zehn Minuten ruhig auf ihrem Stuhl zu sitzen; psychisch Kranke, die so sehr mit sich selbst zu kämpfen haben, dass sie einem geregelten Unterricht kaum folgen können.
    Schüler wie David eben, der – wie sich erst nach Jahren herausstellte – am Asperger-Syndrom leidet, einer leichten Form des Autismus. Zwei Schulen hatte der Junge auf Trab gehalten, mehrere Lehrer, Psychologen und Sozialarbeiter. Immer wieder saß er im Büro des Direktors. Freunde fand er keine. Wie sollten andere Kinder auch einem begegnen, der von einem Augenblick zum nächsten seine Stimmung wechselte? Am Ende bekam er ein paar Stunden pro Woche Einzelunterricht. Den Rest der Zeit blieb er zu Hause, länger als ein Dreivierteljahr lang. Das reguläre Bildungssystem hatte mit David abgeschlossen. Erst über einen Zeitungsartikel erfuhren seine Eltern von Professor von Aster und dessen neuer Schule. »Sie war für uns die Rettung«, sagt der Vater des Jungen.
    »Kleine Terroristen«, »Zeitbomben«, »Tyrannen«, so nennt man sie hinter der verschlossenen Tür des Lehrerzimmers. Pädagogen fürchten diese schwierigen Schüler mehr als große Klassen oder den Unterrichtsbesuch des Schulrats. In hohem Maß sind sie die Ursache für Burn-out und frühzeitige Pensionierung, wie eine Studie der Universität Potsdam vor ein paar Jahren herausfand. Viele Lehrer fühlen sich von den Querköpfen persönlich angegriffen und rächen sich mit schlechten Zensuren, Dauervorwürfen und Stigmatisierung. Am Ende sei sein Sohn an allem schuld gewesen, selbst wenn er nichts gemacht hatte, erinnert sich Christian Klauber.
    An Kindern wie David werde sich erweisen, wie ernst es die Politik mit der Inklusion meine, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Jutta Schöler, die sich seit Langem für den integrierten Unterricht stark macht. Ähnlich sieht es die European Agency for Development in Special Needs Education, die den Unterricht von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten (challenging behaviour) als die größte Herausforderung für die allgemeinbildenden Schulen bezeichnet.
    Während es um die körperliche Gesundheit der jungen Generationen so gut bestellt ist wie noch nie, nimmt die Zahl der Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten und Autismus, Depressionen und Angststörungen beständig zu. Laut einer Studie des Landesinstituts für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen bei den unter 15-Jährigen wegen psychischer Auffälligkeiten von 2000 bis 2008 um 43 Prozent gestiegen, verglichen mit einem Anstieg um 26 Prozent in der Gesamtbevölkerung. Dabei findet nur ein Bruchteil der Betroffenen überhaupt den Weg zum Fachmann.
    Ob in Stuttgart, Münster oder Trier, überall bauen Hospitäler ihre Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus. Um beim niedergelassenen Spezialisten einen Termin zu bekommen, müssen Eltern monatelange Wartezeiten in Kauf nehmen. Auch im Berliner DRK-Klinikum sind die Behandlungszahlen geradezu explodiert. Und in fast zwei Dritteln aller Fälle gehöre Schulversagen zum Krankheitsbild dazu, sagt Michael von Aster.
    Ein Phänomen irritiert von Aster wie andere Experten besonders: Seit einigen Jahren schlagen bereits Erzieher im Kindergarten oder Lehrer kurz nach der Einschulung Alarm. »Die verhaltensauffälligen Kinder werden immer jünger«, stellt der Psychiater fest. Das Phänomen beschränkt sich keinesfalls auf Großstädte wie Hamburg oder Berlin. Auch in Eppingen-Kleingartach kennt man es. In der dortigen Christian-Heinrich-Zeller-Schule, einer Einrichtung für Erziehungshilfe in der Nähe von Heilbronn, meldeten sich noch vor zehn Jahren nur ein oder zwei Erstklässler an. In diesem Schuljahr kam eine
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    ganze Klasse zusammen, deren Kinder sonst keine Grundschule der Region aufnehmen wollte. »Da ist etwas in der Gesellschaft krank«, sagt Rektor Friedrich Wilhelm Frey.
    Was genau da im Argen liegt, darüber gibt es viele Vermutungen und wenig gesicherte Erkenntnisse. Manche Experten verweisen darauf, dass die Klage über unbotmäßige Schüler so alt ist wie die Pädagogik. Schon vor mehr als 4000 Jahren hielt eine mesopotamische Keilschrift fest: »Mit unserer Erde geht es abwärts(…). Die Kinder folgen ihren Eltern nicht mehr.« Ebenfalls kein sicherer Indikator sind die Diagnosen von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADS). Zwar hat sich die Zahl der Verschreibungen des ADS-Medikaments Ritalin zwischen 1993 und 2009 verfünfzigfacht; doch das bedeutet keineswegs, dass es heute fünfzigmal so viele Zappelphilippe gäbe wie damals. Der Anstieg hat damit zu tun, dass man inzwischen genauer hinschaut und manches Verhalten pathologisiert, das früher nicht als krank galt.
    Sicher ist jedoch auch: Die Zahl der in Armut aufwachsenden Kinder steigt. Schüler verbringen längere Zeit am Fernseher, Computer oder Gameboy. Es gibt mehr Alleinerziehende als früher und mehr psychisch kranke Erwachsene. Zugleich herrscht in puncto Erziehungsfragen vielfach Unsicherheit, berichten Pädagogen, oft würden sich Eltern scheuen, ihren Kindern klare Grenzen zu setzen. Zu alldem kommt die Zweischneidigkeit des medizinischen Fortschritts: Frühchen sind mittlerweile schon nach 22 Wochen im Mutterleib überlebensfähig. Doch die Folgen ihrer extremen Unreife begleiten sie bis ins Erwachsenenalter und machen sie anfällig für psychische Probleme.
    All das nennt von Aster »Risikofaktoren«. Keiner allein begründe eine psychische Krankheit oder Verhaltensauffälligkeit. »Kommen jedoch zwei oder drei dieser Faktoren zusammen«, so der Psychiater, seien die Kinder gefährdet. Und je früher die Seele verletzt werde, desto tiefgreifender sei die Schädigung.
    Den siebenjährigen Nico beispielsweise hatten die Lehrer in der Regelschule bereits nach zwei Wochen aufgegeben. Seine Mutter, selbst depressiv, fehlt oft zu Hause. Die Großmutter kommt nur schwer mit dem Jungen klar. Bis vor wenigen Wochen konnte er noch nicht einmal seinen Stuhlgang kontrollieren. Jetzt sitzt er im ZSPR vor einem Computer und sucht mühsam Buchstaben. Zehn Minuten dauert die Übung, dann kehrt der Junge in seine Klasse zurück. »Mehr schafft Nico nicht«, sagt Schulleiterin Kerstin Schicke, die dem Jungen über die Schulter blickt.
    Für jedes Kind bastelt die Schule ein individuelles Lernprogramm, Einzelbetreuung löst sich ab mit Gruppenunterricht. Um die 23 Schüler kümmern sich drei Lehrer. Am Nachmittag geht es mit vier Erziehern und einem Sozialpädagogen zum Sport. Die jungen Männer sind auch als Erste zur Stelle, wenn es mal wieder zu einem »Durchbruch« kommt – so wie letzte Woche, als Marcel ausrastete und sein Erzieher ihn eine Dreiviertelstunde festhalten musste, bis er sich beruhigte. Kinderärzte und Psychologen gehören neben von Aster zum Team, das jeden Mittwoch zur Fallbesprechung zusammenkommt.
    Dieses engmaschige Netz verschiedener Professionen, die sich untereinander austauschen, gibt den Schülern Halt. »Die Kinder benötigen den ganzen Tag lang feste Strukturen«, sagt Schulleiterin Schicke. Was das bedeutet, kann man beim Mittagessen beobachten. Mehr als 15 Minuten dauert das Auffüllen der Teller, Name um Name wird aufgerufen. Bevor nicht jeder Kartoffelbrei und Kassler auf dem Teller hat und einer den Mittagsspruch gesagt hat, darf kein Schüler Gabel oder Messer in die Hand nehmen. Jeder Regelverstoß wird sofort geahndet. Am Ende essen elf Schüler unter den Augen vier Erwachsener.
    Gerade der Erfolg des ZSPR zeigt jedoch die Defizite des normalen Schulalltags. Denn von einer solchen Personalausstattung können die Regelschulen nur träumen. Sie können sich schon glücklich schätzen, wenn allen Lehrern nur ein einziger Sozialarbeiter zur Seite steht. Dass Psychologen oder – wie in Finnland – Krankenschwestern fester Teil des Kollegiums sind, kennt man hierzulande gar nicht. Wenn man es in Deutschland ernst meint mit der Inklusion, wird sich vieles ändern müssen.
    Derzeit arbeiten in Deutschland 65.000 Sonderpädagogen, Stück für Stück sollen sie in die Regelschulen hineinwachsen und die dortigen Lehrer im Unterricht unterstützen. Wie beide jedoch gleichberechtigt im Klassenraum zusammenarbeiten sollen, ist weitgehend offen.
    Mehr als 2,6 Milliarden Euro gibt Deutschland für das gesamte Sonderschulwesen aus. Das scheint viel
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    Geld, im Schnitt stehen jedem Förderschüler jedoch nur 2,4 Extra-Lehrerstunden pro Woche zu. In den Spezialschulen geht die Rechnung auf, weil dort im Schnitt zehn Schüler in einer Klasse sitzen. In einer Regelschule ist das nicht der Fall. Der Sonderpädagoge Clemens Hillenbrand warnt deshalb: »Zum Nulltarif wird eine gelungene Inklusion nicht zu haben sein.« Ganz wird man auf besondere Einrichtungen zudem ohnehin nicht verzichten können, meint der Professor der Universität Oldenburg. »Es wird immer Schüler geben, die eine Auszeit von der normalen Schule benötigen.«
    Michael von Aster treiben noch andere Zweifel um. Für ihn verstärkt, ja produziert die heutige Schule erst die Versagenserfahrungen und Verletzungen der Schüler, die sie nun helfen soll zu heilen. Er spricht von »strukturellen Merkmalen, die Kinder schädigen«, und meint damit Noten, das frühe Verteilen auf verschiedene Schulformen, den Druck, der von Leistungsmessungen wie Pisa ausgeht: »Eine Schule, in der Konkurrenz herrscht, produziert eben Verlierer.« Wenn von Aster vor Lehrern Vorträge hält, bekommt er mit solchen Sätzen den meisten Applaus.
    Und doch müssen von Asters Schützlinge in die Regelschulen zurück. Zwei Jahre dürfen die ZSPR-Mitarbeiter ihre Schüler auf den Alltag außerhalb des Schonraumes vorbereiten, danach wird es Ernst. Ein Kind hat den Übergang bereits geschafft.
    Auch Davids Fortschritte sind »riesig«, freut sich sein Vater. Der 13-jährige Junge vermag sich heute besser zu konzentrieren. Er kann seine Gefühle in Worte fassen und verabredet sich mit Gleichaltrigen. Kürzlich hat das erste Mal ein Klassenkamerad bei ihm zu Hause übernachtet. Doch weder er selbst noch seine Eltern können sich vorstellen, wie es ist, wenn er sich in einer normalen Schule beweisen muss. »Noch«, sagt sein Vater, »gibt es für unser Kind kein Modell.«
    Quelle: Martin Spiewak, ZEIT, 4.11.2010

    • Beeindruckender Artikel, der zeigt, wie wichtig und segensreich Spezialschulen insbesondere für die rasant wachsende Anzahl psychisch kranker Kinder mit gravierenden Verhaltensproblemen sind.
      Einheit und Gemeinschaft hören sich gut an, doch wenn sie Qual bedeuten gerade für jene Kinder, die nicht mehr „ausgeschlossen“ oder „ausgesondert“ werden dürfen bzw. sollen, dann wird die Inklusion zum Gegenteil dessen, was ihre gutmenschlich so reine Lehre verspricht.

  10. „Blinde und Schwerhörige, Stumme oder Rollstuhlfahrer lassen sich – technische Hilfen vorausgesetzt – noch relativ einfach mit anderen Schülern unterrichten.“ Unter einer generell ablehnenden Haltung gegenüber gemeinsamem Unterricht haben allerdings auch diese „relativ einfach mit anderen“ zu Unterrichtenden zu leiden, wenn selbst die Organisation eines Klassendienstes z. B. zum Taschetragen bei Raumwechsel verweigert wird mit dem Hinweis: „Das sollen wir jetzt auch noch machen.“ U. a. dafür werden dann ‚Inklusionsbegleiter‘ eingestellt. Hier fallen Schüler einer ideologischen Haltung zum Opfer.

  11. Ich glaube nicht, dass die Kinder einer ideologischen Haltung zum Opfer fallen, sondern einem allgemeinen Werteverfall in unserer Gesellschaft. Es wird zu viel belehrt und geschwafelt über Rücksichtnahme, Toleranz oder Hilfsbereitschaft und zu wenig gelebt und vorgelebt. Worte und Appelle gehen zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Sie schmücken zwar den, der sie äußert, bewirken aber wenig.
    Auch in anderen Dingen, die nichts mit Integration von Behinderten zu tun haben, sind schwindende Empathie und steigende eigene Erwartungshaltung zu beobachten trotz immer mehr gutmenschlicher Töne.

  12. „Werteverfall in unserer Gesellschaft“ – ist trivial. Es beantwortet allerdings z. B. nicht die Frage, wie am einfachsten und günstigsten jemandem, der zwei stark verkürzte Beine hat und seine Taschen nicht allzu lange allein tragen sollte, ein Schulabschluss ermöglicht wird. Das bisschen nötige Hilfsbereitschaft muss leider oft organisiert werden, um garantiert zu sein.

    • Ihren Worten stimme ich ohne Wenn und Aber zu. Sie bedeuten für mich das, was ich „Werteverfall“ nenne, nämlich selbstverständliche Hilfe untereinander, wo diese gebraucht wird und mit ein bisschen gutem Willen geleistet werden kann, statt staatlicher Hilfe.

  13. Ich will es vorab sagen: Ich bin für Inklusion. Doch hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Es geht nicht um Inklusion, sondern um die einsparung von Geldern. Richtige Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben. Wir brauchn an den Schulen gut ausgebildete Spezialisten, Psychologen, Sönderpädagogen… Ich bin „nur“ ein normal ausgebildeter Lehrer, habe aber viele Jahre lang Schüler mit geistigen Behinderungen in der Berufsausbildung begleitet. Nun arbeite ich an einer Grundschule. Ich kann mir nicht vorstellen, auf alle Fälle von Benachteiligungen (Down-Syndrom, Autismus, soziale Auffälligkeiten etc.) entsprechend zu reagieren. Hier benötige ich die Hilfe von Spezialisten! Und die haben wir einfach nicht. Selbst wenn das „System Inklusion“ an den Schulen mit politischem Willen durchgesetzt wir, was kommt danach? Inklusion auch in der Berufsausbildung? Inklusion auch bei der Berufswahl? Fehlanzeige! Für die meisten Förderschüler endet ihre Benachteiligung mit dem Absolvieren er Schulzeit. Danach sind sie „geheilt“. Die Förderung benachtreiligter Schüler wurde in den letzten Jahren dramatisch gekürzt. Ob jemand benachteiligt ist, entscheidet das Budget des Arbeitsamtes, oh Verzeihung, der Agentur für Arbeit.
    Das perverse an der Inklusion nach deutschem Vorbild ist, dass wir bei medizinischen Problemen zu einem Facharzt gehen. Keiner käme auf den Gedanken, bei Augenproblemen zum Allgemeinarzt zu gehen….. Aber der Lehrer ist die eierlegende Wollmilchsau! Geld genug ist in diesem Land da – also lasst es uns für unsere Kinder einfordern! Nehmen wir auch die Eltern mit ins Boot, die der hochbegabten (die sich in der Schule oft langweilen), die der „normalen“Kinder (die einfach nur einen guten Schulabschluss haben wollen) und die der Kinder mit Förderbedarf (ein schönes Wort – welches Kind hat keinen Förderbedarf?).
    Lasst uns endlich zu einem einheitlichen Schulsystem kommen, zu einheitlichen Lehrplänen, einheitlichen und vergleichbaren Bedingungen für alle Kinder bundesweit! Hier beginnt doch schon die große Lüge der Inkussion. Wir sprechen über Europa, über Globalisierung – aber in Deutschland herrscht bildungspolitisch Kleinstaaterei wie im Mittelalter. Jeder Landesfürst und seine Bildungsminister legen fest, was ein Kind lernen soll und was nicht. Dabei soll doch die Mobilität der Eltern eine der neuen Tugenden sein. Fehlanzeige! Ziehen Sie mit Ihrem Kind einmal von Brandenburg nach Hessen, dann nach Bayern und dann nach… (Musste ein Freund von mir machen, Bundeswehr). Schon ist Ihr Kind reif für die Inklusion. So schnell kann es gehen. Also, Inklusion ist kein Weg um Geld zu sparen, sondern genau das Gegenteil. Übrigens, ein kluger Kopf hat mal gesagt: Die Weret einer Gesellschaft zeigen sich darin, wie sie mit benachteiligten Menschen umgeht. Nun zum Schluss noch Heine: Denk ich an Deutschland in der Nacht….

    Viele Grüße
    Dostatek

  14. „selbstverständliche Hilfe untereinander, wo diese gebraucht wird und mit ein bisschen gutem Willen geleistet werden kann, statt staatlicher Hilfe“ – klar, das wünscht man sich. In dem von mir geschilderten Fall, in dem es i. d. R. nur ums Taschetragen ging, wäre es sehr einfach gewesen. Und weil schon das verweigert wurde, möchte ich durchaus auch eine Lehrerschelte betreiben. Denn ein Stück weit wurde einfachste Hilfe (ich denke z. B.: Klassendienst) wirklich unterlassen. In diesem Fall waren keine zusätzlichen Kosten nötig. Darauf, dass man mehr Geld für Förderpädagogik ausgeben müsse, wird ja sehr herumgeritten. Fälle, in denen das nicht nötig wäre und außerdem bloßes Taschetragen-Organisieren unterlassen wird, legen für mich den Verdacht nahe, dass man Hilfeorganisation unterlässt,
    – weil man nicht weiterem Förderbedarf Vorschub leisten will
    oder
    – weil man sich um nicht mehr kümmern will als das, was an Unterrichtsergebnissen kontrolliert wird
    oder
    – weil einem der nächste Indienurlaub einfach wichtiger ist
    oder

    Inklusionsbegleiter sind gegenwärtig manchen Lehrkräften ein geringeres Übel als mehr Förderpädagogen einzubinden. Denn:
    Förderpädagogen einzubinden hieße vielleicht auch, dass nicht jeder, der das will, weiterhin einzeln zu Hause seinen Unterricht planen kann, ohne die Planung mit anderen abzusprechen.
    Inklusionsbegleiter o. dgl. sind mehr oder weniger pädagogisch überhaupt nicht zu berücksichtigen. Da sollen sie sich ja gerade heraushalten.
    Ein Lehrer sagte einmal zu einer ‚Integrationsassistentin‘, es sei ihm lieber, wenn sie nicht mit im Raum sitzt, da er sich sonst so beobachtet fühle.

  15. was anders : in NRW (nordrhreinwestfalen) soll bildung schule besonders kostenträchtig sein , und trotzdem menge erwerbstätige, welche analphabeten, bezweckend wissensstand eines drittklässlers haben, sowie menge schüler ohne abschluß ??!!

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