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Plagiatsvorwürfe: Immer wieder trifft es Politiker

BERLIN. Politiker im Fadenkreuz von Plagiatsjägern: Mit einer in der Szene umstrittenen Software hat sich ein Dortmunder Wirtschaftsprofessor die Arbeit von SPD-Fraktionschef Steinmeier vorgeknöpft. Andere Plagiatsjäger bezweifeln die Schwere der Vorwürfe.

Ihm hätten nach der neuen Promotionsordnung strafrechtliche Konsequenzen gedroht: Kart-Theodor zu Guttenberg. Foto: Bundeswehr-Fotos / Flickr (CC BY 2.0)

Er war der erste Prominente Politiker, den es traf: Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: Bundeswehr-Fotos / Flickr (CC BY 2.0)

Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die FDP-Nachwuchspolitiker Jorgo Chatzimarkakis und Silvana Koch-Mehrin und Ex-Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) verloren wegen Plagiatsvorwürfen ihren Doktortitel. Die CDU-Politiker Bernd Althusmann (Niedersachsen) und Roland Wöller (Sachsen) kamen nach Überprüfung ihrer Arbeiten trotz einiger festgestellter Mängel mit einem blauen Auge davon. Jetzt steht neben Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) auch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier am Pranger von Plagiatsjägern.

Wer erhebt die Vorwürfe gegen Steinmeier?

Der Jurist Steinmeier hat 1991 an der Universität Gießen den Doktortitel mit einer Arbeit zum Thema Obdachlosigkeit erworben. Das Magazin «Focus» berichtete unter Berufung auf den Wirtschaftsprofessor Uwe Kamenz (Fachhochschule Dortmund), Steinmeiers Promotion weise «umfangreiche Plagiatsindizien» auf. Kamenz betreibt von Münster aus das private Netzwerk «ProfNet – Institut für Internet-Marketing». Ziele dieses Netzwerkes sind laut Selbstdarstellung im Internet eine «Plagiatsanalyse der Dissertationen aller Politiker», wissenschaftliche Aufarbeitung der Fälle und «Amnestie für alle Plagiatoren der Vergangenheit».

Was wird Steinmeier vorgeworfen?

Kamenz setzt bei der Überprüfung von Dissertationen eine eigene Computersoftware ein, deren Genauigkeit allerdings auch laut «Focus» von anderen Plagiatsjägern in Frage gestellt wird. Bei den Vorwürfen gegen Steinmeier geht es vor allem um angeblich fehlende Anführungszeichen bei Zitaten. Laut «Focus» wertet Kamenz 60 Passagen in Steinmeiers Arbeit als «Verschleierung» tatsächlicher Quellen. Die Berliner Plagiatsexpertin Debora Weber-Wulf sagte der «Süddeutschen Zeitung», es sei schleierhaft, wie Kamenz zu seinen Bewertungen komme. Die Analyse sei von einer Software erstellt worden, doch «entscheiden kann nur ein Mensch». Der Jurist Gerhard Dannemann sagte dem «Focus», viele der angeblichen Plagiatsindizien bei Steinmeier seien als «lässliche Sünden» oder sogar als unproblematisch zu werten. Drei Passagen hält er dagegen für sehr kritisch.

Wer unterstützt die Arbeit von Kamenz?

Das Netzwerk «ProfNet» verweist auf seinen Internetseiten mehrfach darauf, vom Magazin «Focus» finanzielle Unterstützung zu erhalten – so «für die Beschaffung von Vergleichsdokumenten zur Analyse ausgewählter Politiker-Dissertationen». Das Magazin hat zwei Zahlungen eines dreistelligen Euro-Betrages bestätigt, legt aber Wert darauf, dass die Beträge nicht für die Steinmeier-Untersuchung gezahlt worden seien. «Dies geschah losgelöst von der Untersuchung bestimmter Dissertationen», sagte ein «Focus»-Sprecher. Es sei um Aufwandsentschädigungen für das Digitalisieren von Büchern gegangen. Steinmeier hat die Fachhochschule Dortmund um Aufklärung über die Geldzuwendungen gebeten.

Warum trifft es immer wieder Politiker?

Weil sie stärker als andere Inhaber von Doktortiteln im öffentlichen Interesse stehen. Anonyme wie offen bekennende Plagiatsjäger haben es auf Politiker besonders abgesehen. Für Plagiatsfälle und Fälschungsvorwürfe unter Hochschullehrern und Forschern gibt es den «Ombudsmann für die Wissenschaft» in Bonn. Er ist seit 1999 rund 500 Anschuldigungen und tatsächlichen Fällen nachgegangen. Daneben sind weniger spektakuläre Fälle aus der Privatwirtschaft bekannt, etwa wenn bei Beförderungen übergangene Mitarbeiter promovierte Vorgesetzte anschwärzen und der Promotionsausschuss der Universität sich dann mit den Vorwürfen auseinandersetzen muss.

Wie geht es jetzt weiter?

Der Promotionsausschuss der Universität Gießen will die Vorwürfe zügig überprüfen und einen Bericht vorlegen. Nach der Prüfung kann der Ausschuss die Vorwürfe als unbegründet zurückweisen, eine Rüge aussprechen oder gar den Doktortitel gänzlich aberkennen. dpa

Zum Bericht: Uni prüft Steinmeiers Doktorarbeit – Steinmeier prüft Zahlungen an Professor

 

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