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Sprachexperte: Wir müssen bei Wahlprogrammen oft schmunzeln

STUTTGART.  «Heteronormativität» und «Konnexität», «Implementierung» und «Priorisierung». Na, noch dabei? Dann geht es Ihnen anders als den Lesern vieler hessischer Wahlprogramme. Das Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim hat die Sprache der Programme untersucht. Ihr Fazit ist deutlich: «Im Durchschnitt aller Programme sind die Wahlprogramme zur Landtagswahl in Hessen die unverständlichsten, seitdem wir Wahlprogramme untersuchen.» Im Interview erklärt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider, wie es soweit kommen kann – und welche Folgen diese Sprache haben kann.

News4teachers: Muss ich Sie eigentlich bemitleiden, dass Sie sich durch die Wahlprogramme lesen, oder macht Ihnen das Spaß?

Antwort: Ach, wir kommen hin und wieder schon ins Schmunzeln, so ist das nicht. Bei einem Wortungetüm wie Zweckentfremdungsverbot ist das auch kein Wunder. Aber die eigentliche Arbeit macht ein schmerzfreier Computer, der mit seinem Programm über 60 einzelne Merkmale von Texten überprüft. Er untersucht zum Beispiel, wie lang die Sätze im Schnitt sind, ob es Passivsätze sind und ob es viele Schachtelsätze gibt, die das Verständnis für einen Text schwerer machen. Die Summe des Ganzen wird verarbeitet zum «Hohenheimer Verständlichkeitsindex».

News4teachers: Mein Lieblingswort ist das Landeskrankenhausfinanzierungszuschusssystem, zu finden im Programm der SPD. Wer kommt denn auf solche Formulierungen?

Antwort: Das sind auf Landesebene meistens natürlich die Fachleute, denen die Begriffe leicht über die Lippen gehen und die sich bei Sachthemen untereinander mit diesen Wörtern gut verständlich machen können. Sie vergessen aber in der Fachwelt, in der sie gefangen sind, dass da draußen Menschen, also Leser, sind, die mit den Begriffen weit weniger anzufangen wissen. Wir nennen das den Fluch des Wissens.

Ein nationaler Bildungsrat soll eine Grundstruktur des Schulsystems in Deutschland definieren. Foto: Will Palmer / Flickr (CC BY 2.0)

Parteien haben es offenbar mit der deutschen Sprache schwer, sich verständlich auszudrücken. Foto: Will Palmer / Flickr (CC BY 2.0)

News4teachers: Eine Fachsprache benutzt aber auch oft der, der sich nicht allzu genau ausdrücken will, oder?

Antwort: Ja, und das ist in der Politik auch der Fall. Man will ja hin und wieder auch mit seiner eigentlichen Absicht nicht verstanden werden. Dann zum Beispiel, wenn es um unpopuläre Themen oder Entscheidungen geht. Außerdem nutzt man Schachtelsätze und Relativierungen, wenn man sich nicht einig ist. Klare Sätze finden wir vor allem, wenn eine Position parteiintern unumstritten ist.

News4teachers: Ein Wahlprogramm ist also bei weitem nicht immer ein klarer Konsens?

Antwort: Nein, es ist oft auch ein schwierig erreichter Kompromiss.

News4teachers: Was können die Parteien besser machen?

Antwort: Die meisten machen es ja bereits besser und greifen deutlich seltener auf die typische Bürokraten- und Politikersprache zurück. Auffällig ist das in den hessischen Kurzprogrammen, auf Bundesebene auch in den Einleitungen und Schlussteilen der längeren Programme und wenn es darum geht, eine andere Partei zu kritisieren. Da funktioniert es dann. In Bayern hat es die CSU nun vorgemacht, wie man es machen kann: Statt einer in Hessen üblichen Kurz- und einer Langfassung hat die CSU nur eine kürzere Langfassung erstellt und diese dann von Kommunikationsexperten prüfen lassen. Auf Bundesebene ist das auch schon oft der Fall.

News4teachers: Sie testen nicht nur, wie Programme geschrieben sind, sondern auch, wie man sie versteht. Wie sieht es da aus?

Antwort: Das eine ist eine Folge des anderen. Haben Sie Sätze mit mehr als 20 Wörtern oder ein Wort mit deutlich mehr als 6 Buchstaben, wird ein Verständnis schwierig – in den Programmen gibt es teils Sätze mit mehr als 50 Wörtern. Uns fällt bei den Lesetests auf, dass Leser sehr oft sehr früh aussteigen aus einem Thema. Das gilt für alle Alters- und Bildungsgruppen.

News4teachers: Der Wähler wird also nicht erreicht über die Programme?

Antwort: Zumindest eine große Zahl von möglichen Wählern wird nicht erreicht. Die Parteien nehmen unserer Ansicht nach die Programme nicht so ernst, wie man sie nehmen könnte. Viele setzen vielleicht auch auf ihr deutlich besser zu verstehendes Kurzprogramm. Aber alle Parteien vergeben eine Chance, die Wählerinnen und Wählern zu erreichen. Martin Oversohl/dpa

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