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BLLV-Chef Wenzel: Viele Lehrer wollen eine andere Schule

MÜNCHEN. „Die Arbeitsbedingungen für die rund 100.000 Lehrkräfte in Bayern haben sich nicht wesentlich verbessert“, erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich des Weltlehrertages am 5. Oktober. „An vielen Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien sind die Klassen zu groß, ist das Personal zu wenig, obwohl die Bedürfnisse der Schüler komplexer geworden sind.“ Das führe dazu, dass der Lehrerberuf physisch und psychisch belastend sei.

Hinzu komme, dass das Image der Lehrkräfte in Deutschland unverändert schlecht sei, wie aktuelle Studien immer wieder zeigen „Dennoch sind Lehrkräfte hohen Erwartungen und Anforderungen ausgesetzt. Das gilt insbesondere für die Grundschullehrerinnen. Sie berichten von einer steigenden Zahl Schulanfänger mit deutlichen Defiziten in sozialen und kognitiven Bereichen, unterstützendes Personal jedoch erhalten sie nicht.“ Mittel- und Hauptschullehrern gehe es an die Substanz, wenn Jahr für Jahr tausende Schüler die Schule ohne Abschluss und somit ohne Perspektive verlassen. Hinzu komme eine vielfach unerträgliche Lärmbelastung, bauliche Mängel und Platzprobleme – viele Klassen müssten in Ausweichquartiere wechseln, weil die Schulen aus allen Nähten platzten. „Schulleitungen an Haupt,- Grund- und Förderschulen sehen sich kaum noch in der Lage, den Schulbetrieb zu managen. Sie sind überlastet, weil sie immer noch wenig pädagogische Leitungszeit haben.“

„Zum Weltlehrertag wünsche ich deshalb allen Lehrerinnen und Lehrern Kraft, Ausdauer und ein gutes Nervenkostüm“, erklärte Wenzel. Vor allem aber wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen eine robuste Gesundheit, denn die steht auf dem Spiel. Nicht umsonst nehmen viele deutliche finanzielle Einbußen in Kauf und gehen in Teilzeitarbeit, weil sie den Stress nicht mehr aushalten.“

Gleichzeitig sei das Image deutscher Lehrkräfte gleichbleibend schlecht. Wissenschaftliche Untersuchungen belegten immer wieder, dass vor allem Grundschullehrerinnen besonders wenig wertgeschätzt würden. „Ich appelliere an die Staatsregierung, diese diskriminierende Tatsache als Handlungsauftrag zu verstehen.“ Schule müsse so gestalten werden, dass sie den Bedürfnissen von Schülern und Lehrern gerecht werde, aber auch das Image der Lehrerinnen und Lehrer verbessern helfe.

„Der Beruf – so wunderschön er seinem Wesen nach ist – wird mehr und mehr als ausbeuterisch empfunden, er geht an die Substanz“, sagte Wenzel. „Je glücklicher die Lehrkräfte aber sind, umso glücklicher die Schüler.“ Damit sei über den Zustand der Schulen in Bayern alles gesagt, denn: zu viele Schüler seien nicht glücklich, im Gegenteil. Die Schule mache viele von ihnen krank. Unzählige Studien verwiesen auf Medikamente, die schon Grundschulkinder bräuchten, um den Prüfungsstress zu bewältigen. Kinder klagten über Kopf- und Bauchweh oder fänden keinen Schlaf, hätten Angst zu versagen und machten sich als Zehnjährige schon Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Der Druck begleitet laut Wenzel die Heranwachsenden die ganze Schulzeit. „Viele Lehrerinnen und Lehrer beobachten dies und leiden mit. Sie sind gefangen in einem System, das sie als Pädagogen nicht wollen. Sie müssen ständig bewerten und benoten, wobei jeder Schritt justiziabel sein muss“, beklagte Wenzel. Das gehe den Lehrerinnen und Lehrern an die Substanz.

Hinzu komme, dass Kollegien wegen andauernder Reformen und der nicht seltenen Modifizierung der Reformen nicht mehr zum Reflektieren kommen würden. „Sie erleben den schulischen Alltag als extrem unruhig.“ Was fehlten, seien Raum, Zeit und Planungssicherheit. Der BLLV -Präsident wünscht allen Kolleginnen und Kollegen an allen Schulen:

• „eine Schule, in die alle gerne gehen, die erfüllt und glücklich macht. Die Lebens- und Lernraum für alle ist,

• eine professionelle Auseinandersetzung mit dem Problem des Lehrermangels und des bevorstehenden Generationenwechsels,

• ein massives Einstellen von unterstützendem Personal wie z.B. Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder Logopäden,

• eine Lehrerbildung, die angehenden Pädagogen auf den Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft vorbereitet und den Schwerpunkt auf die Erziehungswissenschaft legt. Integration und Inklusion muss das Ziel wirklich reformierter Schulen sein. Die Weichen hierfür werden in der Lehrerbildung gestellt,

• eine schüler- und lehrergerechte Architektur, die anregt, den Lärm eindämmt und gesund ist,

• eine neue Definition von Schulleitung – sie sind Manager, die ihre verantwortungsvollen Aufgaben nicht nebenbei erledigen können und deshalb mehr pädagogische Leitungszeit und eine solide Ausbildung brauchen,

• eine wirkliche Eigenverantwortung für alle Schulen: es muss möglich werden, für alle Schüler individuelle Lehr-, Lern- und Förderpläne zu erstellen. Wir brauchen auch Konzepte für Lehrkräfte, die ausgebrannt und überfordert sind,

• eine Evaluation, die pädagogische Konsequenzen nach sich zieht und zu Verbesserungen führt.“

Wenzel versicherte zum Weltlehrertag, „sich für diese Ziele weiterhin mit aller Kraft einsetzen zu wollen.“

 

3 Kommentare

  1. Da kann man Vielem zustimmen!
    Nur die Evaluation ist so ne Sache. Wie will ich etwas Komplexes wie Unterricht in Zahlen fassen (denn darauf läuft es bei jeder Evaluation hinaus). Und dann wird die Qualität von Schule an Testergebnissen (unabhängig von der sozialen Struktur des Einzugsbereiches), Toiletten-Schülerrelation oder sonstigen “meßbaren” “Fakten” beurteilt und auch die Vorschläge/Konsequenzen sind dann entsprechend.
    Außerdem: Wo bleibt der Hinweis auf längere gemeinsame Schulzeit, Herr Wenzel, die doch angeblich so viel besser ist. Der wäre doch hier auch am Platz.
    Ich freue mich, dass der BLLV anscheinend doch wieder zu einer realistischen Einschätzung von Begabungsunterschieden zurückgekommen ist.
    rfalio

  2. Zitat: ” es muss möglich werden, für alle Schüler individuelle Lehr-, Lern- und Förderpläne zu erstellen.”
    Dies ist fast schon unmöglich. Noch hirnverbrannter ist allerdings, so zu tun, als seien die Pläne realistisch und durchführbar”
    “Es muss möglich sein,…” läuft in der Regel auf eine Überforderung und ein Scheitern der Lehrer hinaus. Umso ärgerlicher dann das frömmelnde Gequatsche von glücklichen Lehrern und glücklichen Schülern. Wie schaffen es Leute wie Herr Wenzel immer wieder an die Spitze von Gewerkschaften und Lehrerverbänden?
    Mitfühlend reden, beschreiben und fordern und sich damit sympathisch machen kann jeder, sich aber für weniger großartige, dafür aber realistischere Dinge stark machen, können anscheinend nur wenige. Vor allem dann nicht, wenn die eigene Karriere mitspielt.

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