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Inklusion: Ahnen plant freie Schulwahl für Eltern behinderter Kinder – Lehrerverband ist skeptisch

MAINZ. Endlich sollen Eltern frei entscheiden können, ob ihre behinderten Kinder den Regel- oder Förderunterricht besuchen. Doch gibt es dafür genug Fachlehrer und Räume? Nicht nur der Verband Deutscher Realschullehrer zeigt sich skeptisch.

Für sie ist die Inklusion "die größte bildungspolitische Herausforderung": Doris Ahnen (SPD), Kultusministerin von Rheinland-Pfalz. Foto: Mathias Schindler / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Für sie ist die Inklusion „die größte bildungspolitische Herausforderung“: Doris Ahnen (SPD), Kultusministerin von Rheinland-Pfalz. Foto: Mathias Schindler / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Eltern behinderter Kinder sollen in Rheinland-Pfalz künftig zwischen besonderen Förderschulen und dem gemeinsamen Lernen mit nicht gehandicapten Schülern wählen können. Das sieht ein Gesetzentwurf vor, den Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) in Mainz präsentierte. Die schrittweise Schaffung eines inklusiven Schulangebots mit gemeinsamem Lernen bezeichnete sie als «die aktuell größte bildungspolitische Herausforderung».

Die Bundesrepublik hatte 2009 die UN-Konvention über die Rechte von Behinderten ratifiziert. Darin verpflichtet sich auch Deutschland, ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten. Behindertenverbände beklagen allerdings seit Jahren die schleppende Umsetzung der Konvention, vor allem in den Schulen.

Ahnen sagte, die weitere Entwicklung von Schwerpunktschulen mit gemeinsamem Lernen und Beratungszentren müsse vorangetrieben werden. Geplant sei auch ein Gesetz unter anderem zur Lehrerfortbildung für inklusiven Unterricht.

Nach dem vor gut zehn Jahren gestarteten Ausbau des Netzes von Schwerpunktschulen werde dieses gemeinsame Lernen inzwischen in allen Regionen des Landes von der ersten bis zur zehnten Klasse angeboten. Derzeit gibt es laut der Ministerin 150 Schwerpunktschulen für Grundschüler sowie 112 weiterführende Schulen mit inklusiven Angeboten. Hinzu kommen 138 Förderschulen.

Mit dem vom Kabinett verabschiedeten Gesetzentwurf befasst sich nun der Landtag. Nach Angaben der SPD-Fraktion soll das vorbehaltlose Wahlrecht für Eltern vom Schuljahr 2014/15 an gelten.

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsopposition, Bettina Dickes, kritisierte, Ahnen sorge bei der Inklusion nicht für genügend qualifizierte Lehrer, geeignete Räume und durchgängige Barrierefreiheit. «Die Durchsetzung von Quoten ist der Landesregierung wohl wichtiger als die Qualität der Bildung.» Die 200 zusätzlich vorgesehenen Förderlehrer reichten bei weitem nicht aus. Auch der Verband Deutscher Realschullehrer (VDR) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) forderten mehr Pädagogen.

Laut FDP-Landeschef Volker Wissing darf für Eltern auch kein Druck entstehen, ihr Kind nicht mehr in eine Förderschule zu schicken. «Inklusion enthebt den Staat nicht von der Verpflichtung, behindertengerechte Bildungsstätten für diejenigen bereitzustellen, die diese wünschen.» Es wäre falsch, behinderte Kinder in allgemeine Schulen zu drängen, um Fördereinrichtungen schließen zu können.

Eine echte Wahlmöglichkeit, so meint der Landesverband Deutscher Realschullehrer (VDR), bestehe nur dann, wenn die Intensität der Förderung bei beiden Alternativen gleich sei. Aus dem schulischen Inklusionsalltag der schon bestehenden Schwerpunktschulen werde jedoch immer wieder berichtet, dass die Rahmenbedingungen nicht annähernd stimmten: So gebe es zu wenig Förderschullehrkräfte an zu wenigen Tagen, es mangele an der Ausbildung der Regelschullehrkräfte, Integrationshelfer fehlten und die Ausstattung der Schulen sei mangelhaft.

„Die Inklusion einfach zur ‚allgemeinpädagogischen Aufgabe‘ zu erklären, dient weder den behinderten noch den nichtbehinderten Schülerinnen und Schülern“, kritisiert der VDR-Landesvorsitzende Bernd Karst. „Über die Schieflage von Anspruch und Wirklichkeit darf nicht einfach hinweggesehen werden. Maßstab muss das Wohl unserer Kinder sein, und deshalb sollte das derzeit Machbare im Blick behalten werden – auch um Erwartungen zu vermeiden, die nicht erfüllbar sind. Es ist eine Illusion zu glauben, erfolgreiche Inklusion hänge allein vom guten Willen der aufnehmenden Schule bzw. deren Lehrerschaft ab.“ Inklusion vertrage sich nicht mit der in Rheinland-Pfalz geplanten Streichung von Lehrerstellen und massiven Kürzungen im Fortbildungsetat. dpa

 

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