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SPD will Fortbildung für Lehrer zum Thema Antisemitismus – verpflichtend

BERLIN. Sind Lehrer mit dem an Schulen offenbar zunehmenden Antisemitismus überfordert? Die Berliner SPD meint: ja. Sie hat laut „Berliner Morgenpost“ einen Beschluss gefasst, nachdem Pädagogen zum Thema fortgebildet werden, auch unter Einbeziehung des Nahostkonfliktes – und zwar verpflichtend. Nun sei es am Senat, den Antrag umzusetzen, so berichtet die „Berliner Morgenpost“.

„Wir müssen den Schülern zeigen, dass das jüdische Leben in Deutschland auch vor 1933 und nach 1945 stattgefunden hat": Die "Neue Synagoge" in Berlin. Foto: Daniel Ad/Flickr (CC BY-SA 2.0)

„Wir müssen den Schülern zeigen, dass das jüdische Leben in Deutschland auch vor 1933 und nach 1945 stattgefunden hat“: Die „Neue Synagoge“ in Berlin. Foto: Daniel Ad/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Tatsächlich hatte im vergangenen Jahr ein vom Bundestag eingesetzter Expertenkreis festgestellt, dass etwa 20 Prozent der Bürger in Deutschland einem „latentem Antisemitismus“ anhingen. Sie glaubten einerseits den „klassischen“ antisemitischen Bezichtigungen – Juden besäßen zu viel Einfluss oder seien wegen ihres eigenen Verhaltens selbst „schuld“ an ihrer Verfolgung –, und pflegten darüber hinaus Ressentiments gegen Juden, die sich erst als Reaktion auf den Holocaust und die Existenz des Staates Israel herausgebildet haben. Die Wissenschaftler machten dafür auch die Schulen verantwortlich: Die Behandlung des Themas im Unterricht sei mitunter kontraproduktiv. Kritisiert wurde insbesondere, dass …

•… „antisemitische Stereotype durch die einseitige Hervorhebung von Juden als Opfer über Rahmenpläne und Schulbücher tradiert werden. Solche Stereotype können auch über Kinder- und Jugendliteratur transportiert werden, die im Unterricht in verschiedenen Fächern Verwendung finden.“

•… „im Zuge der Behandlung des Holocaust im Schulunterricht häufig überzogene moralische Erwartungen an die Schüler gestellt werden, die bei den Betroffenen Frustration zurücklassen und in einem typischen ‚Schuldabwehr‘-Antisemitismus münden können.“

•… „die unreflektierte Nutzung von NS-Propagandamitteln im Unterricht dazu führen kann, dass sich bestimmte rassistisch-antisemitische Bilder in den Köpfen der Schüler festsetzen.“

•… „die Tatsache, dass der Nahostkonflikt im Allgemeinen im Schulunterrichtwenig thematisiert wird, ein Informationsdefizit bei Schülern zur Folge hat, das sie besonders anfällig für eine einseitig negative und überzogene Darstellung der Rolle Israels in diesem Konflikt macht.“

„Wenn man Juden nur als Opfer darstellt, ist das historisch erstens falsch. Und außerdem: Niemand liebt die ewigen Opfer. Das erzeugt eher Abwehr“, meint auch Isabel Enzenbach vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin gegenüber der „Morgenpost“. Dazu komme das Problem, das niemand offen benennen wolle, das aber sehr wohl existiere: nämlich Antisemitismus unter Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund. Hinsichtlich des Konfliktes im Nahen Osten „fehlt es den Lehrern häufig an Fachinformationen“. Oft seien die Schüler besser informiert als ihre Lehrer, weil sie sich in einem entsprechenden familiären Umfeld befänden – aber eben einseitig.

Dem soll sich – dem Willen der SPD zufolge – das Land Berlin nun entgegenstellen. Der Antrag beinhalte verpflichtende Fortbildungen – und mehr: Die Partei will dem Bericht zufolge erreichen, dass bereits Lehramtsstudenten lernen, angemessen mit antisemitischen Äußerungen umzugehen. Der Beschluss der SPD zielt auch auf eine Vermittlung des modernen Judentums ab. „Wir müssen den Schülern zeigen, dass das jüdische Leben in Deutschland auch vor 1933 und nach 1945 stattgefunden hat, und dass das jüdische Leben in Berlin, in Deutschland, sehr stark verwurzelt ist“, so wird einer der Initiatoren, der Sozialdemokrat Michael Groys, wiedergegeben.

Auch das Jüdische Museum Berlin wisse um das Problem, so das Blatt. Nur der geringste Anteil der Besucher machten Schüler aus Sekundarschulen aus. Die Museumspädagogen führten dies auch auf einen mitunter hohen Anteil von Schülern mit türkischem und arabischen Hintergrund zurück. „Es gibt Lehrer, die Angst haben, dass sich ihre Schüler antisemitisch äußern könnten. Und das passiert auch. Nicht häufig, aber es passiert“, so wird eine Museumspädagogin zitiert. Viele Schulen kämen auch deshalb nicht in das Museum an der Kreuzberger Lindenstraße, weil sie befürchteten, dass die meisten Schüler sowieso nicht erscheinen. „Und tatsächlich hatten wir immer wieder Klassen, in denen die Hälfte der Schüler Entschuldigungen der Eltern mitbringt, um nicht mit ins Museum zu müssen“, so berichtet sie.

In der vergangenen Woche unterzeichneten der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh, und Avner Shalev, Vorsitzender des Direktoriums der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in Jerusalem eine Absichtserklärung, nach der die Aufklärung an Schulen und Universitäten in Deutschland über den Holocaust intensiver und einheitlicher werden soll. News4teachers

 

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