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Linke: Lernschwache Kinder werden zu wenig gefördert

SCHWERIN. Werden Kinder mit Lese-/Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie aus Kostengründen nicht genug gefördert? Das meint zumindest die Linken-Fraktion im Landtag. Bildungsminister Brodkorb (SPD) kündigt an die Zahlen prüfen zu lassen.

Die Zahl der Mädchen und Jungen mit einer Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS) ist in Mecklenburg-Vorpommern deutlich größer geworden. Im Schuljahr 2012/13 haben 7028 dieser Schüler der 5. bis 9. Klassen Förderstunden erhalten, vier Jahre zuvor (2008/09) waren es 4782, also gut 2200 weniger. Das geht aus der Antwort des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Landtagsfraktion der Linken hervor. «Die Zahl der Förderstunden pro Schüler hat dagegen abgenommen», sagte die Landtagsabgeordnete Simone Oldenburg.

Schüler bei der Hausaufgabenbetreuung

Zu wenig Förderstunden für Kinder mit Lernschwächen beklagt die Linke in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: gumtau /flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Rein rechnerisch kämen derzeit auf jeden diagnostizierten Schüler fünf Minuten Förderunterricht pro Woche – oder eine halbe Stunde in Gruppen mit sechs Schülern. Die Schulen würden viel zu wenig Förderstunden zugewiesen bekommen. Ähnlich sieht es Oldenburg zufolge bei Schülern mit einer Lernbeeinträchtigung im Rechnen, der Dyskalkulie, aus. Ihre Zahl ist nach Ministeriumsangaben im gleichen Zeitraum von 331 auf 560 gestiegen.

Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) glaubt nicht an einen solch gravierenden Anstieg der Zahl der Schüler mit zusätzlichem Förderbedarf. «Ich lasse die Zahlen prüfen», kündigte er an. Bei dem Material, das an die Linksfraktion ging, handele es sich um vorläufige Zahlen. «Da gibt es noch Korrekturbedarf.» Die von den Schulämtern gemeldeten Zahlen seien so uneinheitlich, dass sie nicht erklärbar seien.

Die von Oldenburg errechneten fünf Minuten Förderunterricht seien nicht die einzige Förderung, sondern kämen obendrauf, sagte Brodkorb. Jede Schule erhalte eine Grundausstattung an Förderstunden zugewiesen und nach Bedarf zusätzliche Stunden.

Oldenburg kritisierte, dass die Lese-/Rechtschreibschwäche und die Dyskalkulie zu spät diagnostiziert würden. Seit 2011 würden Diagnosen erst Ende der 4. Klasse gestellt. Die Schulen würden erst ab der 5. Klasse Stundenzuweisungen für die Förderung der Schüler erhalten. Dabei könne man eine Lese-/Rechtschreibschwäche schon viel früher feststellen, sagte Oldenburg. «Bei Kindern, die schon in der 2. oder 3. Klasse gefördert werden, vermutet man in der 5. Kasse oft gar nicht mehr, dass sie diese Schwäche hatten», sagte die frühere Schuldirektorin. Je früher die Defizite erkannt würden, desto besser könnten sie behoben werden. «Ich fordere die Diagnosen schon zum Ende der 2. Klasse», sagte Oldenburg. Zudem müssten die Eltern dieser Kinder umfassend beraten und nicht nur am Telefon informiert werden.

Sie warf dem Ministerium vor, zu wenig Diagnostiker einzusetzen. 45 Lehrer hätten sich in den vergangenen Jahren in einer zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildung dafür qualifiziert. Doch es würden nur sieben eingesetzt. «Wahrscheinlich, weil sie Geld kosten, ebenso wie die Förderstunden», meinte die Bildungsexpertin. Doch Schüler mit einer anerkannten Lese-/Rechtschreibschwäche oder Lernproblemen im Rechnen hätten einen Anspruch auf Förderung.

Auch hier widersprach der Minister. Die Kinder würden früher diagnostiziert, nur die förmliche Anerkennung einer Teilleistungsstörung erfolge erst in der 4. Klasse. Anspruch auf Förderung hätten die Betroffenen schon vorher. Mit der Anerkennung entstehe auch der Anspruch auf den «Nachteilsausgleich», etwa auf mehr Zeit für bestimmte Arbeiten.

Eine Handreichung des Ministeriums sollte Oldenburg zufolge Lehrern auch anderer Fächer Anregungen geben, wie sie mit den Schwächen der Schüler umgehen können. Das sieht eine Verwaltungsvorschrift von 2011 vor. «Bis heute gibt es die Handreichung nicht», sagte Oldenburg, die den Entwurf des Landes im Januar selbst überarbeitet hatte. Darin wird etwa vorgeschlagen, dass Schüler mit Lese-/Rechtschreibschwäche Arbeiten auf dem Laptop schreiben oder Aufsätze vorlesen können. (Birgit Sander, dpa)

Zum Bericht: Linken-Schulexpertin: Keiner weiß, ob Förderkinder von Inklusion profitieren

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