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Wenn Eltern überfürsorglich sind

FRANKFURT. Die Anforderungen der Schule an die Eltern sind gestiegen. Aber auch Einmischung, Umklammerung und Überbehütung von sogenannten „Helikoptereltern“ greifen immer mehr um sich – mit fatalen Folgen für Kinder und Lehrer. Experten warnen.

Die Mutter besucht an der Volkshochschule einen Lateinkurs, um ihrem Sohn bei den Hausaufgaben helfen zu können. Der Vater schreibt seiner Tochter den Schulaufsatz. Das ist aus Expertensicht in vielen Familien bereits Normalität – mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Immer häufiger ist von Eltern die Rede, die ihre Sprösslinge umkreisen wie Hubschrauber und alles für sie regeln wollen. Eine bedenkliche Entwicklung, finden einige.

Kleinfamilie

Die Zahl überfürsorglicher Eltern nimmt besonders in der Mittelschicht zu. Foto: Matthaeuswien / Wikimedia Commons (CC-BY-3.0)

Ilka Hoffmann, bei der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für den Bereich Schule zuständig, kennt das Phänomen der «Helikoptereltern». Sie beobachte etwa, dass viele Mütter und Väter von Schülern immer seltener direkt mit dem Lehrer sprechen, wenn sie mit dem Unterricht oder mit einer Note unzufrieden sind.

«Manche schreiben gleich ans Ministerium, auch wegen einer Drei im Diktat», sagt Hoffmann. Einige Eltern gingen davon aus, sie wüssten, wie alles laufen muss – weil sie selbst einmal eine Schule besucht hätten. Das selbstbewusste und fordernde Auftreten mancher Mütter und Väter verunsichere vor allem junge Lehrer.

In seinem Buch «Helikopter-Eltern» schreibt Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist: «Besonders machtvoll werden Helikopter-Eltern, wenn sie sich zusammentun. Dann werden Elternabende zu Lobbyistenabenden, zu parlamentarischen Unterausschüssen, ja zu Inquisitionsveranstaltungen.» Kraus spricht wohl aus Erfahrung: Er leitet ein bayerisches Gymnasium.

Der Bundeselternrat hält dagegen: Vielen Eltern bleibe gar nichts anderes übrig, als sich um Schulthemen stark zu kümmern. Zum einen, weil die Schulen es erwarteten, zum anderen, weil die Kinder die Hilfe dringend bräuchten, sagt die Vize-Vorsitzende, Ursula Walther. Mit Blick auf Bundesländer wie Bayern, die im deutschlandweiten Schulvergleich gut dastehen, betont sie: «Wenn sie da ihrem Kind nicht helfen, dann hat es keine Chance, außer es ist der absolute Überflieger». Sie erzählt von Müttern, die ihren Halbtagsjob aufgaben, als ihr Kind aufs Gymnasium wechselte – um es unterstützen zu können.

Die Erwartungen der Schulen an die Eltern seien gestiegen. «Wir beobachten, dass der Druck zugenommen hat, dass die Schule immer mehr auf das Familienleben übergreift», kritisiert Walther. «Es gibt natürlich die Eltern, die es übertreiben.» Ihr Anteil wächst, wie Kraus in seinem Buch schreibt: «Heute ist ein pädagogischer Totalitarismus angesagt.» Die «Helikoptereltern» meinten es zwar besonders gut. «Aber das besonders Gute ist oft der Feind des Guten.» Kraus ruft zu mehr Bodenständigkeit, Spontaneität und Intuition in der Erziehung auf.

Einmischung, Umklammerung, Überbehütung: All dies kann aus Kraus‘ Sicht fatale Folgen haben, nicht nur für die «gepamperten» Kinder, sondern für die gesamte Gesellschaft. Er geht sogar so weit, dass er den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat gefährdet sieht: «Lebten in ihm eines Tages nur noch gedrillte, verwöhnte, verschonte und überbehütete Menschen, würde dieses demokratische Gemeinwesen nicht mehr funktionieren, weil dann die tragfähige Basis fehlte.»

Auch Jugendpsychiater Michael Winterhoff spricht von einer veränderten Elternschaft. In einem Interview des «Spiegels» zu seinem aktuellen Buch «SOS Kinderseele» sagte er kürzlich: «Früher war das Thema Burnout einigen wenigen Topmanagern überlassen. Heute sind viele Menschen davon betroffen.» Eine wichtige Bedingung für eine gute Entwicklung der kindlichen Psyche sei es aber, dass die Bezugsperson in sich ruhe. «Diese Ruhe überträgt sich auf das Kind. Der Dauerzustand der meisten Erwachsenen aber ist heute der Katastrophenmodus.» (Von Christine Cornelius, dpa)

• Josef Kraus: «Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung», Rowohlt, 221 Seiten, ISBN: 9783498034092, 18,95 Euro.

• Michael Winterhoff: «SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können», C. Bertelsmann Verlag, 224 Seiten, ISBN: 9783570101728, 17,99 Euro.

Zum Bericht: DL-Präsident Josef Kraus: “Jugendliche haben ein Luxusproblem”

Zum Bericht: Expertin: Keine Panik bei schlechten Noten

4 Kommentare

  1. «Manche schreiben gleich ans Ministerium, auch wegen einer Drei im Diktat», sagt Hoffmann.

    Worüber wundern wir uns? Eltern werden immer mehr Rechte im schulischen Raum eingeräumt. Während sich die Lehrerschaft an Erlasse, Richtlinien oder Gesetze halten muss, können sich Eltern heutzutage konsequenzlos sehr viel erlauben. Sie können quasi sanktionsfrei agieren.
    Ich möchte nicht falsch verstanden werden. In vielen Schulen wird das Engagement der Eltern sehr geschätzt. Ja, wie würde das Schulleben denn ohne die elterlichen Aktivitäten aussehen?
    Die meisten Eltern arbeiten auch heutzutage gut und konstruktiv mit der Lehrerschaft zusammen. Es gibt leider aber auch die andere Seite, die sich bei jeder vermeintlichen Ungerechtigkeit sofort ans Ministerium wendet oder ihren juristischen Beistand losschickt.
    Besonders unangenehem kann es für die einzelne Lehrkraft dann werden, wenn sich führungsschwache Schulleitungen im Konfliktfall nicht ihrer Fürsorgepflicht für die Kollegin/den Kollegen verpflichtet fühlen,
    sondern sich im schlimmsten Fall sogar mit der Elternseite gegen die Lehrkraft verbünden.
    Grundsätzlich sollte es in jeder Schule ein Beschwerdekonzept geben, in dem die Wege klar geregelt sind. Danach dürften sich Eltern oder SchülerInnen gar nicht an die Schulleitung wenden, ohne vorher mit der Lehrkraft gesprochen zu haben.

  2. Dietrich Schwanitz schrieb schon vor über 10 Jahren im Vorwort seines Bestsellers „Bildung. Alles, was man wissen muß“, dass die ständig erweiterten Elternrechte zu einer „Waffenungleichheit“ zwischen Lehrern und Eltern geführt haben, so dass Lehrer häufig lieber über so manches hinwegsehen als sich auf Auseinandersetzungen einzulassen. Sanktionen gegen Schüler seien von so vielen Erschwernissen und Vorschriften umstellt, dass sich Lehrer mit dem Aufwand, den sie im drohenden Streit mit den Eltern treiben müssen, nur selbst bestrafen.

  3. Manchmal bleibt einem aber gar nichts anderes übrig, als sich an die höchste Instanz zu wenden, bspw. wenn die Schulleitung, aus welchem Grund auch immer, eindeutig rechtswidrige Handlungen vornimmt, aktives Mobbing betreibt und jeglichen Einspruch brüsk zurückweist. Bspw. wird einem Schüler das Handy weggenommen und ohne -begründeten Verdacht- an die Polizei ausgefolgt, um die Daten rechtswidrig, also ohne richterliche Anordnung, auszulesen. Die Polizei ist dabei nicht nur hilfsbereit, sondern geradezu willig. Nur eine sofortige Intervention bei der zuständigen Staatsanwaltschaft, die anfänglich aus bekannten Gründen, ebenfalls gewillt ist, die rechtswidrige Handlung zu unterstützen und den Beschwerdeführer unter Druck zu setzen versucht- Androhung von Strafanzeige wegen falscher Anschuldigung etc.- verhindert letztlich, dass das Handy rechtswidrig durchsucht wird und es wird erreicht, dass das Handy nach 3 Tagen zurückgegeben wird, wobei es bei der Polizei auf eigene Kosten abgeholt werden muss.
    Das zuständige Ministerium erklärt zwar, dass „grundsätzlich ein Einzug nur bis maximal zum Unterrichtsende“ erfolgen darf, Sanktionen gegen die betreffende Schulleitung werden jedoch maximal torpediert.
    Weitere Vorkommnisse an dieser Schule: falsche Anschuldigung bzgl. angeblicher Straftaten, unbegründete Geldforderungen bzgl. angeblich zerstörten Schuleigentums in Höhe von 400.-€, polizeiliche Vernehmungen von Schülern an der Schule ohne Beiziehung der Eltern, Vernehmungsdruck durch falsche Angaben und Aussagen von angeblichen Zeugen, Mit“tätern“ etc. Falsche Angaben zur Aussageverpflichtung, im Klartext ist hier von Nötigung zu sprechen. Dass Lehrer heutzutage nicht mehr „das gelbe vom Ei“ sind, muss auch mal deutlich gesagt werden, didaktisch herrscht in weiten Teilen erschreckende Niveaulosigkeit, weil die Ausbildung an den Universitäten ebenfalls mangelhaft ist. Rechtschreibung ist nicht nur bei der jungen Generation mangelhaft, auch Lehrkräfte haben hier Defizite.

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