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Hessische Lehrerverbände gegen Schulinspektion: „Erschreckend oberflächlich“

WIESBADEN. Die im dbb Hessen organisierten Lehrerverbände, also die Landesverbände des Philologenverbands sowie des VBE, der Verband der Lehrer Hessens und der Gesamtverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Hessen, stellen in einem gemeinsamen Papier fest, dass die hessische Schulinspektion mit zahlreichen und gravierenden Schwächen und Defiziten behaftet sei.

In der nun veröffentlichten Erklärung heißt es:

„Aufgabe der Lehrkräfte ist es, zu unterrichten und zu erziehen. Dies vollzieht sich in unmittelbarer Auseinandersetzung mit den Kindern und Jugendlichen; es vollzieht sich nicht im Beschriften von Papier und Anlegen von Aktenordnern. Die Erwartung der Schulinspektion und des zugrunde liegenden ‚Hessischen Referenzrahmens zur Qualitätsentwicklung’, dass die Lehrkräfte Ihr Tun begleitend verschriftlichen und für die Schulinspektion nachvollziehbar machen, führt in die Irre. Sie stiehlt den Lehrkräften die Zeit, die sie für guten Unterricht und dessen Vorbereitung, ihre Korrekturen sowie ihre Erziehungsarbeit dringend benötigen. Sie macht darüber hinaus gewissenhafte und pflichtbewusste Lehrkräfte geradezu krank, weil sie ihnen insinuiert, defizitär zu sein und ihre Arbeit nicht ordentlich zu erledigen.

Auch die Schulleitungen werden durch die Bürokratisierung und den Verschriftlichungswahn, wie sie von der Schulinspektion eingefordert werden, in erheblicher Weise belastet, ohne dass irgendwelche positiven Effekte er­kennbar werden. Dies gilt für die Dokumentenflut im Vorfeld der Schulinspek­tion; es gilt aber auch für die Vorstellung, dass alles, was eine Schulleitung denkt, sagt und tut, sich in Gestalt von Plänen zwischen Aktendeckeln wieder­finden müsste. Dass in einer Schule zwischen Schulleitung, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern die mündliche Kommunikation überwiegt, ist aus Sicht der Schulinspektion offenbar unbefriedigend; stattdessen erwartet diese in den Akten Pläne aller Art – Fortbildungsplan, Personalentwicklungsplan etc. –, so dass geradezu von einem planwirtschaftlichen und deshalb fragwürdigen Denken seitens der Schulinspektion gesprochen werden muss.

Wenn an den Online-Befragungen von Eltern, Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften jeweils nur eine kleine Minderheit, nicht selten 10 Prozent oder 20 Prozent der Gruppen teilnehmen, kann von repräsentativen Aussagen nicht gesprochen werden.

Ebenso zeichnet sich die Wiedergabe von Einzelmeinungen, die in Gruppeninterviews geäußert werden, durch Zufälligkeit und Beliebigkeit aus.

Der Unterrichtsbeobachtungsbogen der Schulinspektion ist auf die Ebene der Methoden und Sozialformen reduziert; damit ist er von erschütternder Oberflächlichkeit. Keine Unterrichtsmethode hat für sich genommen einen Wert oder Unwert; Wert oder Unwert bestimmt sich aus ihrer Funktion für die Vermittlung des Unterrichtsinhaltes und das Erreichen des Unterrichtsziels. Letzteres jedoch interessiert die Schulinspektion überhaupt nicht und kann in 20-minütigen Unterrichtsbesuchen auch nicht beurteilt werden.

Wie die einzelnen Schulinspektionsberichte zeigen, werden bestimmte Unterrichtsmethoden und Sozialformen mehr und andere weniger geschätzt, allerdings ohne differenzierende Betrachtung hinsichtlich der Schulformen und -stufen. Besonders geschätzt werden ‚offene Lernformen’ sowie ‚selbständiges’ und ‚eigenverantwortliches’ Lernen; nicht gern gesehen sind hingegen ‚lehrerzentrierte’ Lernformen. Diese Wertungen der Schulinspektionsberichte stehen in Widerspruch zu wissenschaftlichen Befunden, die zumindest im Bereich der Gymnasien offenen Lernformen nur geringe Effekte, einem fachlich orientierten, kognitiv anregenden und von der Lehrkraft gelenkten Unterricht hingegen stark förderliche Effekte zuerkennen.

Dass der Unterricht von Schulinspektoren bewertet wird, die in Einzelfällen überhaupt keine Unterrichtserfahrung haben, in etlichen Fällen nicht über das jeweilige Lehramt verfügen und in den meisten Fällen weder mit der jeweiligen Fachwissenschaft noch mit der Didaktik des Faches vertraut sind, wird von den Lehrkräften, welche zu Recht für sich Professionalität beanspruchen, nicht akzeptiert.

Entscheidendes Kriterium für die Beurteilung von Unterricht ist der Lernerfolg, sind die Lernergebnisse, ist die Nachhaltigkeit des Lernens, ist all das, was die Schülerinnen und Schüler am Ende wissen und können. Genau dies misst die Schulinspektion überhaupt nicht. Die Schulinspektion ist somit ausschließlich prozessorientiert und nicht ergebnisorientiert; dies kann nur als abwegig bezeichnet werden.

Die Schulinspektion in der vorliegenden Form lässt die Schule nach dem Bericht allein; für das Aufzeigen von Lösungen der aufgezeigten tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme fühlt sie sich erklärtermaßen nicht zuständig. Offenbar huldigt die Schulinspektion dem „Münchhausensyndrom“: Wie der Baron sollen sich die Schulen am eigenen Schopf aus dem –vermeintlichen! – Sumpf ziehen.

Sofern der Schulinspektionsbericht Defizite im Bereich der materiellen Rahmenbedingungen aufzeigt, bleibt er folgenlos, da die hierfür zuständigen Schulträger in finanziell bedrängter Lage sind; sie nehmen die Schulinspektion als eine weitere Einrichtung des Landes wahr, die geeignet ist, ihnen weitere Kosten zu verursachen, die sie nicht stemmen können.

Aus all diesen Gründen lehnen die im dbb Hessen organisierten Lehrerverbände die Schulinspektion in der vorliegenden Form ab.“

 

2 Kommentare

  1. Wow, da ziehe ich aber mal meinen Hut vor den im dbb organisierten Lehrerverbänden in Hessen. Endlich äußern sich Lehrerverbände sehr kritisch zu dieser Art der Schulüberprüfung, die auch meiner Meinung nach mit vielen Defiziten behaftet ist und deshalb von mir auch niemals ernst genommen worden ist.

    “Wie die einzelnen Schulinspektionsberichte zeigen, werden bestimmte Unterrichtsmethoden und Sozialformen mehr und andere weniger geschätzt, allerdings ohne differenzierende Betrachtung hinsichtlich der Schulformen und -stufen. Besonders geschätzt werden ‚offene Lernformen’ sowie ‚selbständiges’ und ‚eigenverantwortliches’ Lernen; nicht gern gesehen sind hingegen ‚lehrerzentrierte’ Lernformen. Diese Wertungen der Schulinspektionsberichte stehen in Widerspruch zu wissenschaftlichen Befunden, die zumindest im Bereich der Gymnasien offenen Lernformen nur geringe Effekte, einem fachlich orientierten, kognitiv anregenden und von der Lehrkraft gelenkten Unterricht hingegen stark förderliche Effekte zuerkennen.”

    Besonders freut mich, dass betont wird, die einseitige Ausrichtung des Unterrichtes zu ‘offenen Lernformen’ stehe im Widerspruch zu wissenschaftlichen Befunden, wonach der eher lehrerorientierte Unterricht erfolgreicher sei.
    Ich frage mich aber: “Fließt diese ‘Erkenntnis’ nun auch in praktisches Gewerkschaftshandeln ein oder dürfen die Schulen auch zukünftig ihren Unterricht einseitig offen gestalten?”
    Was sagt eigentlich die GEW dazu?

    • Können Sie sich nicht denken, was die Vertreter der GEW dazu sagen? Bestenfalls hüllen sie sich in zähneknischendes Schweigen.
      Bin übrigens absolut Ihrer Meinung, mehrnachdenken, und danke der Redaktion für den ausgewogenen Artikel.

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