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Vom Berufsschullehrer zum möglichen Vizekanzler: Sigmar Gabriel

BERLIN. Sigmar Gabriel ist in einer ungewohnten Rolle: Plötzlich bekommt der SPD-Vorsitzende Lob von vielen Seiten – auch wenn viele an der Basis nicht eben begeistert sind von der Aussicht auf eine große Koalition. Doch mit Geschick meistert er bisher den schwierigen Prozess, an dessen Ende seine SPD möglicherweise Juniorpartner in einer schwarz-roten Regierung ist. Der 54-Jährige kennt das Auf und Ab in der Politik – auch selbst neigt er zur Launenhaftigkeit, starken Phasen folgen mitunter schwache.

War mal Berufsschullehrer - länger her: SPD-Chef Sigmar Gabriel. Foto: SPD Niedersachsen, flickr (CC BY 2.0)

War mal Berufsschullehrer – länger her: SPD-Chef Sigmar Gabriel. Foto: SPD Niedersachsen, flickr (CC BY 2.0)

Noch vor Wochen machten Gerüchte über einen möglichen «Putsch» in der SPD die Runde, nun ist Gabriel plötzlich ein Anwärter auf den Posten des Vizekanzlers. Dabei hatte er zu seinem 50. Geburtstag noch als Lebenstraum ausgegeben, mal Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Goslar zu werden. Gabriel gilt als politisches Naturtalent, das unter Druck besonders stark ist. Er versucht gerade, das ihm lange Zeit anhaftende Stigma des unsicheren Kantonisten loszuwerden.

Noch im Wahlkampf sorgte er mit eigenmächtigen Vorstößen etwa zum Tempolimit auf Autobahnen für Unmut. Und dabei war der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück seine Erfindung.

In seiner Kindheit lebte Gabriel getrennt von seiner Mutter, beim herrischen Vater, einem überzeugten Nazi. Als er einmal mit einer schlechten Note nach Hause kam, sammelte der Vater das Spielzeug ein und gab es einem Kindergarten. Erst nach langem Tauziehen durfte er bei seiner Mutter leben. 1977 trat er in die SPD ein. «Wir sahen damals die SPD durchaus kritisch, aber es war die einzige Partei, die sich überhaupt mit uns auseinandersetzte», sagt er rückblickend. Gabriel wurde Berufsschullehrer, bevor er in die Politik ging.

Mit 40 Jahren wurde der Niedersachse zwar Ende 1999 Deutschlands jüngster Ministerpräsident, Anfang 2003 jagten ihn die Wähler aber schon wieder aus dem Amt. Sein Wahlkampf gegen die Bundespolitik von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) scheiterte grandios. In Berlin brachte es der gewichtige Sozi zunächst nur zum bespöttelten Pop-Beauftragten («Siggi Pop») seiner Partei.

2005 feierte er als Bundesumweltminister ein überraschendes Comeback – bis heute gehört er auf diesem Feld zu den profiliertesten Politikern. Er wirkte eng an den Verhandlungen über eine neue Suche nach einem Atommüllendlager mit. In der Ministerzeit lernte er auch seine heutige Frau Anke kennen, mit der er eine kleine Tochter hat: Die Zahnärztin aus Magdeburg half Gabriel bei akuten Zahnschmerzen.

Sein Einsatz gegen die von Union und FDP angekündigte Atom-Laufzeitverlängerung machte ihn zum einzigen Gewinner des SPD-Wahlkampfes 2009 – die Partei stürzte auf 23 Prozent ab. Gabriel wurde Nachfolger von Franz Müntefering. Er einte die Partei nach dem Wahldebakel, stärkte die innerparteiliche Mitbestimmung, erstmals konnten sich die Bürger am SPD-Wahlprogramm 2013 beteiligen.

Das Vertrauensverhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU) trübte sich zu Oppositionszeiten 2010 ein, als ein vertraulicher SMS-Wechsel publik wurde. Doch das ist heute vergessen, derzeit scheint die Chemie zu stimmen. Wegen seiner Expertise im Energiebereich gilt er im Falle einer große Koalition als Kandidat für ein Wirtschafts- und Energieministerium. Das wäre dann Gabriels wahre Bewährungsprobe: Denn die hohen Strompreise sind kein Gewinnerthema. GEORG ISMAR, dpa

Zum Bericht: Koalitionsverhandlungen: Bildungspolitik bleibt Zankapfel von Union und SPD

 

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