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Sie leben auf der Straße und fallen durchs Raster

BERLIN. Rund 9000 Jugendliche und junge Erwachsene leben nach Schätzungen in Deutschland auf der Straße. Die meisten sind traumatisiert. Die Politik reagiert hilflos auf das Problem.

Alwin ist einer der ersten, die an diesem neblig dunklen Winternachmittag an den Berliner Alexanderplatz kommen. Der Punk kennt das Angebot vom Verein «Straßenkinder», der hier regelmäßig kostenlos Essen verteilt, schon seit Jahren. Ein Kind ist Alwin mit seinen 28 Jahren zwar schon lange nicht mehr, aber die Straße kennt er dafür ziemlich gut.

junger Obdachloser (in Kopenhagen)

Offizielle Statistiken zum Thema Wohnungslosigkeit bei Kindern und Jugendlichen gibt es kaum. Foto: widmatt / flickr (CC BY 2.0)

«Bis vor zwei Jahren habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt, dann bin ich nach Berlin-Mitte. Ich hatte einen Job, aber den musste ich aus gesundheitlichen Gründen aufgeben», erzählt Alwin. Ein Jahr habe er danach Tag und Nacht auf dem Alex verbracht, nur zum Schlafen sei er in seine Wohnung gegangen, erzählt der junge Mann mit dem Irokesenschnitt und der abgewetzten Lederjacke.

Heute arbeitet er als Hausmeistergehilfe an einer Grundschule. Doch die vom Jobcenter vermittelte Stelle bringe ihm gerade mal 180 Euro im Monat. Also hat er Hartz IV beantragt, doch davon gehen jeden Monat wieder 140 Euro für Schulden ab, die er sich mit Handyverträgen eingehandelt hat. Da ist er dankbar für eine warme Mahlzeit, die sein knappes Budget nicht weiter belastet.

Regelmäßig organisiert der im Jahr 2000 gegründete Verein kostenlose Essensausgaben. Auch wenn die Zahl der «Klienten» – wie es im Sozialarbeiter-Jargon heißt – wechselt, das Beispiel am Alexanderplatz zeigt, dass Bedarf besteht. Schätzungsweise 9000 Jugendliche und junge Erwachsene leben deutschlandweit in «tatsächlicher oder latenter Obdachlosigkeit», schreibt der Verein auf seiner Homepage. Andere Organisationen gehen von deutlich mehr Betroffenen aus.

Genauere Zahlen sind kaum zu ermitteln, weil niemand offizielle Statistiken führt. Wer etwa im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Kapitel «Wohnungslosigkeit» nachschaut, wird feststellen, dass der Begriff Kinder dort überhaupt nicht vorkommt. «Vielleicht will man das nicht zum Thema machen», mutmaßt Sonja Welp, Referentin bei der Kinderhilfsorganisation Terre des hommes. Beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales räumt ein Sprecher auf Nachfrage ein: «Wir wissen extrem wenig über das Phänomen.»

Tatsächlich dürfte das unstete Leben mancher Jugendlicher ihre Erfassung nicht gerade einfacher machen. Wer in der vergangenen Nacht noch in einer Einrichtung Unterschlupf gefunden hat, kann sich heute schon einen ganz neuen Schlafplatz gesucht haben.

So wie Kevin und Paula etwa. Die beiden sind nur kurz an den Bus gekommen, damit Kevin sich einen Teller mit Nudeln holen kann. Essen will er den aber lieber im Warmen, weshalb sich die beiden in die naheliegende Dunkin-Donuts-Filiale verziehen. Niemand nimmt dort weiter Notiz von ihnen.

Auf einer Couch machen es sich die beiden bequem. Paula wärmt sich die Hände an einem Becher mit warmen Kakao, den sie am «Straßenkinder»-Bus bekommen hat. Irgendwann kommt ihre Ratte Wanda aus dem Kapuzenpulli geschlüpft und hält schnuppernd ihr Schnäuzchen in die Luft.

Vor fünf Monaten sei er nach Berlin gekommen, erzählt der 19-jährige Kevin. Seitdem ist er obdachlos, schläft mal in städtischen Einrichtungen, mal in Hausfluren. Sorgen um einen trockenen Schlafplatz scheint er keine zu kennen. «Bis zu meinem 18. Geburtstag war ich 40 mal in der Psychiatrie», sagt er, als würde das alles erklären. Mit zwölf sei er zum ersten Mal in eine Einrichtung gekommen, weil seine Eltern nicht mehr mit ihm klargekommen seien. Er allerdings irgendwann auch nicht mehr mit ihnen. «Wenn mein Vater auf Alkohol ist, schlägt er meine Mutter. Mittlerweile sind beide Alkoholiker», sagt Kevin. Und schiebt dann nach, dass sein Vater ihm bei einem seiner gewalttätigen Ausbrüche ein Bein gebrochen habe.

«Im Krankenhaus habe ich gesagt, dass es eine Fußballverletzung ist.» Er habe nicht gewollt, dass der Vater womöglich bestraft wird. Stattdessen habe er gehofft, dass dieser sich eines Tages vielleicht noch ändert. Anfang November ist Kevin 19 geworden. Einen Tag vorher hat er seine Eltern angerufen. Was er zu hören bekommen habe? «Nur Vorwürfe.»

Ratte Wanda ist, nachdem ihr die beiden eine Nudel gegeben haben, ganz schläfrig geworden. Die Augen halb geöffnet, döst sie in Paulas Schoß, die ihr sanft über den Kopf streichelt. Paula und Kevin sind so etwas wie Gefährten. «Sie ist wie eine Schwester», sagt Kevin. Kennengelernt haben sie sich in einer Notunterkunft, wo Paula noch immer ab und zu übernachtet. Doch seit sie 18 ist, gehe das nur noch sechs Nächte im Monat. Kevin habe dort mittlerweile Hausverbot, «weil er sich mit einem Mitarbeiter gestritten hat», sagt sie. Ungerecht behandelt worden sei er, schildert Kevin seine Sicht der Dinge.

An seine Zukunft scheint der blonde junge Mann mit dem zarten Flaum im Gesicht nicht allzu viele Gedanken zu verschwenden. Die Förderschule habe er in der siebten Klasse ohne Abschluss verlassen, «sieht sehr schlecht aus», resümiert er knapp. Er wirkt dabei nicht wirklich resigniert, viel mehr schimmert eine kindliche Unbedarftheit durch.

Paula hat immerhin die Hauptschule abgeschlossen, doch auch ihre Vorstellungen von der Zukunft bleiben mehr als vage: «Irgendwas mit Kindern oder Tieren.» Vor zwei Jahren ist sie von zu Hause weg, hat das Elternhaus in Kassel mit den beiden Geschwistern fürs Erste hinter sich gelassen. Warum, mag sie nicht sagen. «Viele Probleme gehabt», sagt die junge Frau, die sich zwei Ringe durch die Unterlippe hat stechen lassen. Ihre eigentlich strahlend blauen Augen sind nur aus der Nähe wirklich zu erkennen. Das großzügig aufgetragene Kajal lässt sie dunkler wirken, als sie tatsächlich sind. «Huskyaugen» nennt Kevin sie und trifft es damit ziemlich genau.

Im September war sie für eine Woche in Kassel, vor allem wegen der Geschwister. Zurückzukehren könne sie sich schon vorstellen, sagt Paula. «Aber nicht in die Wohnung.»

Mehr als 60 Prozent der Jugendlichen ohne festen Wohnsitz seien traumatisiert, sagt Jörg Richert, Vorsitzender des im Frühjahr 2008 gegründeten «Bündnisses für Straßenkinder» – eine Allianz aus 25 Einrichtungen, die sich in dem Bereich engagieren. Ein Dach über dem Kopf zu haben, stellt in Deutschland kein Problem dar. «Wir können sofort mit Wohnraum versorgen», sagt Richert.

Wenn er mit einem Jugendlichen zum Jugendamt gehe, sei dieses verpflichtet, noch für die anstehende Nacht Hilfe zu organisieren. Was ihn viel mehr umtreibe, sei die Art der Hilfe. «Die Qualität der Versorgung ist relativ miserabel. Es ist eher ein Bestrafungs- als ein Beziehungssystem», sagt der Bündnis-Vorsitzende, der in Berlin als Geschäftsführer für den Verein «Karuna – Zukunft für Kinder und Jugendliche» arbeitet.

Kevin würde dem vermutlich zustimmen. Das legen zumindest seine Schilderungen nahe. Aus einer Wohngemeinschaft einer kirchlichen Einrichtung sei er rausgeflogen, «weil ich angeblich Drogen genommen habe, was ich aber nicht gemacht habe», sagt der Jugendliche. Er sei mehr oder weniger zu einem Test genötigt worden, der kein verwertbares Ergebnis lieferte. Am Ende hätten seine erweiterten Pupillen den Ausschlag zugunsten seines Rauswurfs gegeben.

«Die meisten Jungen und Mädchen sind traumatisiert und brauchen unbedingt psychologische Hilfe», weiß Richert. Doch genau daran herrsche Mangel hierzulande. Kevin und Paula geben sich vielleicht Halt. Wirklich helfen können sie einander vermutlich kaum.

Nach einer guten Stunde im Warmen drängt es die beiden zum Aufbruch. Sie wollen noch auf den Weihnachtsmarkt – zum Schnorren, wie sie sagen. Die Nacht werden sie voraussichtlich diesmal nicht in irgendeinem Treppenhaus verbringen. Bei einem Bekannten könnten sie die Nacht über bleiben. Doch weil sie nicht mit leeren Händen dort aufkreuzen können oder dürfen, wollen sie noch etwas besorgen und dafür brauchen sie Geld. Kevin will allerdings nicht, dass aufgeschrieben wird, um welche Art von Besorgung es sich dabei handelt. Zum typischen Weihnachtsmarktsortiment gehört es jedenfalls nicht.

Massiver Drogenkonsum, Ritzen und Selbstmordversuche sind nicht selten bei jungen Menschen, die auf der Straße landen, sagt Richert. «Sie greifen zu allen Lösungsmitteln – im wahrsten Sinne des Wortes.» Tatsächlich wünschten sich die meisten nichts sehnlicher als Geborgenheit, Nestwärme, Schutz und Struktur. «Was sie vermissen, können sie teilweise gar nicht benennen, weil sie es nicht kennen», sagt der Experte.

Auf dem Weihnachtsmarkt nahe dem Alexanderplatz bahnen sich Kevin und Paula ihren Weg durch die Besucher, vorbei an Glühweinständen und blinkenden Glücksspielautomaten. Es wird keine halbe Stunde dauern, da haben sie schon mehr als zehn Euro erbettelt. Dabei ist Paula eigentlich gar nicht in der richtigen Stimmung, wie sie selbst erklärt. «Wenn man nüchtern ist, kriegt man nichts. Wenn man nicht nüchtern ist, kann man besser auf die Leute zugehen und kriegt mehr Geld.» Ob sie gerade nüchtern ist? «Leider ja.» (Ben Reichardt, dpa)

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