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Vom Rapper zum Dozenten: Samy Deluxe vor Germanisten an der Uni Hamburg

HAMBURG. Der Rapper spricht, der Hörsaal hört zu: Samy Deluxe diskutiert mit Studenten in Hamburg über die literarische Qualität seiner Texte. Theorie und Praxis kommen zusammen – eine Lehrform, die hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt.

Der Rapper Samy Deluxe dozierte vor Germanistik-Studenten in Hamburg. Foto: filedump / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Rapper Samy Deluxe dozierte vor Germanistik-Studenten in Hamburg. Foto: filedump / flickr (CC BY-SA 2.0)

Eine giftgrüne Mütze sitzt auf dem Kopf des Dozenten. Seine Germanistik-Studenten fixiert er durch eine markante rote Brille. Lässig lässt sich der Seminarleiter auf seinen Stuhl fallen, die Hände stecken in einer breiten, verwaschenen Jeans. «Der Professor zu sein, das ist der Shit», sagt Samy Deluxe. Einer der bekanntesten Rapper Deutschlands ist für einen Gastauftritt an die Uni Hamburg gekommen. Dort, wo sonst Goethes Gedichte seziert und Hegel zitiert werden, spricht er zwei Stunden lang mit etwa 30 Literaturwissenschaftlern über seine Texte. Hiphop als hohe Kunstform? Ja – darüber herrscht an diesem Ort Einigkeit.

Der Besuch: Eine Rap-Lehrstunde in Reinform. «Popmusik ist reduziert auf 30 Grundbegriffe. Love you, miss you, need you», sagt der Hamburger. «Die Grundaufgabe eines Rappers ist aber nicht, mit schönen Serenaden die Leute zum Schunkeln zu bringen. Rapper schaffen es, ihre Aussagen in poetische Form zu bringen, manchmal in sechs- und siebensilbigen Reimen.» Einzelne nicken ihrem Idol aus der Ecke zu, andere Studenten knabbern nachdenklich an ihren Kulis.

Als Gast-Dozent habe er hier einen Auftrag: Hiphop aus seiner vermeintlichen Oberflächlichkeit zu heben. «Ich sehe mich zwischen einem Philosophen und einem Stand-Up-Comedian. Meine Texte haben viel Humor», sagt Samy Deluxe. Mit dem sozialkritischen Song «Weck mich auf» hatte er vor mehr als zehn Jahren seinen Durchbruch, das Album «SchwarzWeiss» kletterte auf Platz 1 der deutschen Charts.

Vom Rapper zum Gastdozenten – mit dieser Wandlung gehört Samy Deluxe in Deutschland zu den Pionieren. Dass Hiphop-Größen an Universitäten unterrichten, ist hingegen an der Ostküste der USA schon länger Praxis. Erst kürzlich hielt Kanye West an der Harvard-Universität einen gefeierten Vortrag vor Design-Studenten. Dieselbe Uni hat auch ein Stipendium für Hiphop-begeisterte Studenten zu Ehren des US-Rappers Nas geschaffen. Und die Georgetown-University in Washington hievte das Seminar «Soziologie des Hiphop: Jay-Z» auf ihren Stundenplan.

«Über die junge Generation hat sich die Auseinandersetzung mit Hiphop auch bei uns etabliert. Studenten schreiben ihre Master- oder Doktorarbeiten darüber», sagt Gabriele Klein, Soziologie-Professorin an der Universität Hamburg. Auch in anderen Bereichen hätten sich die Grenzen zwischen Subkultur und Mainstream verflüssigt. «Hiphop-Tänzer machen städtische geförderte Kulturprojekte, Hiphop ist auch Street Art. Angela Merkel schaut bei der Hamburger „HipHop Academy“ vorbei. Politik knüpft an Hiphop auch die Hoffnung, besser mit Jugendlichen zusammenarbeiten zu können», sagt die Autorin des Buches «Is this real? Die Kultur des HipHop». Hiphop als Literatur der Hochkultur anzuerkennen, davon sei Deutschland aber sicherlich noch weiter weg als die USA.

Nach Ansicht von Professor Jan Christoph Meister, dem Germanistik-Kursleiter, steht das US-amerikanische Bildungssystem viel stärker unter wirtschaftlichem Druck als das deutsche – die Dozenten müssten ihre Seminare voll kriegen, um weiterbeschäftigt zu werden. Das sei der Grund, weshalb beliebte und hochgehandelte gesellschaftspolitische Themen gelehrt würden. DAVID FISCHER, dpa

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