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Schulsozialarbeit – mit Ehrlichkeit Schülernöte ans Tageslicht bringen

STUTTGART. Das Auslaufen der Finanzierung aus dem Bildungs- und Teilhabepaket Ende 2013 hat für einige Unsicherheit gesorgt. Landauf landab müssen Schulsozialarbeiter nach wie vor um ihre Stellen bangen. Und das obwohl am Sinn ihrer Arbeit kaum Zweifel bestehen.

Gleich an seinem ersten Tag hatte er gewaltig Stress an der neuen Schule: «Ich war gereizt und bin einem Mitschüler an die Gurgel gegangen», erzählt der 17-jährige Alboss (Name geändert). Sein Lebenslauf gleicht einer Polizeiakte: «Früher habe ich viel Scheiße gebaut. Nachts waren wir unterwegs, haben Leute geklatscht und Automaten abgezogen. Ich war krank im Kopf.» Dass Alboss nicht nur mobben, sondern auch Mathe kann, daran haben wenige geglaubt.

Gewalt auf dem Schulhof liegen oft tiefere Probleme zugrunde. Foto: danxoneil (CC BY 2.0)

Gewalt auf dem Schulhof liegen oft tiefere Probleme zugrunde. Foto: danxoneil (CC BY 2.0)

Elena Pucci-Esposito tat es. Seit zwanzig Jahren ist die 44-jährige Italienierin Schulsozialarbeiterin an der Heusteigschule im Stuttgarter Süden. «Alboss hat früher einen auf dicke Hose gemacht, ist ziemlich schnell hochgegangen wie eine Rakete.» Heute will er reinhauen – um seinen Schulabschluss zu machen. Dafür seien viele Gespräche nötig gewesen, erinnert sich Pucci-Esposito. Um an die verborgenen Probleme der Schüler, «ans Eingemachte zu kommen, muss man erst Vertrauen aufbauen». Schließlich zahle sich die Geduld aus: «Einige Schulschwänzer von damals studieren heute BWL.» Das Thema beschäftigte am Mittwoch auch den Landtag.

An der Heusteigschule betreibt die Schulsozialarbeit des Caritasverbandes ein Schülercafé: Ein paar Jungen spielen Kicker, ein Schüler brütet über seinen Hausaufgaben, Mädchen tuscheln auf einem alten Sofa. Als die 44-Jährige zur Tür reinkommt, stürmt eine Schülerschar auf sie zu. Im Schülercafé ist Pucci-Esposito, die ihr blond gefärbtes Haar zum Pferdeschwanz gebunden, grell-pinke Turnschuhe und ein Piercing in der Nase trägt, für alle nur «Elena». Hier ist sie nah dran an den Schülern. Einige reichen ihr die Hand, andere klatschen ab.

Die Schulsozialarbeiterin vermittelt zwischen zerstrittenen Klassenkameraden, versucht schwierigen Schülern den richtigen Weg zu zeigen und kümmert sich um Kinder, die Ärger mit ihren Eltern haben. «Ich kann zuhause nicht mehr leben, habe Probleme im Unterricht, Angst vor Schlägen, Übergewicht oder Liebeskummer» – die Liste der Probleme, denen Pucci-Esposito täglich auf dem Pausenhof begegnet, passt in kein Schulheft.

Das Schülercafé bietet den Haupt- und Realschülern Spiel, Spaß und soziale Kontakte. «Es ist eine Brücke, um an die Schüler ranzukommen», sagt Pucci-Esposito. Wichtig im Umgang mit den Schülern sei vor allem eines, Ehrlichkeit: «Junge Menschen merken sofort, ob jemand authentisch oder falsch ist.» Aufzwingen will sie sich den Schülern aber nicht. «Es ist ein Angebot, das sie annehmen können oder nicht.» Nur bei Gefahr im Vollzug müsse sie handeln.

Pucci-Espositos Hilfe gilt nicht nur Schülern, sondern auch Eltern und Lehrern. «Schulsozialarbeit ist wichtig, denn manchmal brauchen auch Lehrer mal einen Rat. Wir bekommen von den Problemen der Schüler häufig gar nichts mit», sagt die 30 Jahre alte Klassenlehrerin Jasmina Jung. Sozialarbeiter seien näher dran an den Problemen der Schüler. Die Erfolge spüre sie im Unterricht: «Das Klima in der Klasse ist einfach besser, die Schüler machen sich weniger fertig und sind mehr bereit, voneinander zu lernen.»

Die grün-rote Landesregierung hat in diesem Jahr die Mittel für die Hilfe um 10 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro aufgestockt. Laut Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) wird damit die Zahl der Schulsozialarbeiter im Land von 1040 auf 1500 ansteigen. Nach Altpeters Schätzung bietet jede zweite Schule im Land Schulsozialarbeit an. Die Stellen werden seit 2012 zu je einem Drittel vom Land, von den Jugendhilfe- und den Schulträgern finanziert.

Im Landtag stimmten zwar alle Fraktionen über die Notwendigkeit der Schulsozialarbeit überein und lobten deren Verdienste. Allerdings scheiden sich die Geister an der Finanzierung: Die CDU und die FDP sehen dabei allein die Kommunen in der Verantwortung, während Grün-Rot in der Unterstützung der Schüler auch eine Landesaufgabe sieht. Der sozialpolitische Sprecher der FDP, Jochen Haußmann, sieht im Ausbau der Schulsozialarbeit zudem eine eklatante Ungerechtigkeit. So erhielten Schulen freier Träger keine finanzielle Unterstützung, obwohl diese ausdrücklich Teil des öffentlichen Schulwesens seien.

Ginge es nach Pucci-Esposito sollte es künftig an viel mehr Schulen im Südwesten Schulsozialarbeit geben. Und das nicht nur an Brennpunktschulen, sondern auch an Gymnasien. «Es ist komisch, wenn einige Schulen sagen, sie hätten keine Schwierigkeiten.» Häufig brächten Schulsozialarbeiter die Nöte erst ans Tageslicht, findet Pucci. «Es muss nicht erst brennen, bevor Hilfe kommt.» (Jonas Schöll, dpa / News4teachers)

zum Bericht: Schulsozialarbeit: Städte fordern vom Bund Finanzierung über 2013 hinaus

zum Bericht: Baden-Württemberg finanziert wieder Schulsozialarbeiter

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