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VBE: Gymnasium entwickelt sich zur «Haupt»-Schule

STUTTGART. Das Gymnasium ist für viele Eltern die Schule der Wahl. Damit tun sie ihren Kindern – und den Lehrern – nicht immer einen Gefallen. Letztere haben mit zunehmend unterschiedlichen Schülern ihre liebe Not und fordern mehr Ressourcen.

Vom Trend zu höheren Schulabschlüssen in Baden-Württemberg Südwesten profitiert vor allem das Gymnasium. Zum laufenden Schuljahr wechselten 44,6 Prozent der Viertklässler auf diese Schulart. Damit wurde der Vorjahres-Spitzenwert noch einmal leicht übertroffen. Der Lehrerverband VBE warnte allerdings die Eltern davor, aus Prestigegründen für ihren Nachwuchs die Oberschule zu wählen und die Kinder damit heillos zu überfordern.

Nach weiteren Angaben des Statistischen Landesamtes wechselten nur knapp zwölf Prozent der fast 94.000 Grundschüler im Südwesten auf eine Werkreal- oder Hauptschule. Das sind vier Punkte weniger als im Vorjahr. Dieser Wert unterschreitet deutlich den Anteil der Kinder von fast einem Viertel, die nach der – nicht mehr verbindlichen – Grundschulempfehlung diese Schulart hätten besuchen sollen.

Die Zahl der Hauptschüler in den Eingangsklassen lag in Baden-Württemberg 2001 noch bei 40.300 und halbierte sich annähernd bis 2011. Die Abschaffung der verpflichtenden Grundschulempfehlung ließ diese Zahl erneut auf die Hälfte – nämlich 11 100 Übergänger – schrumpfen.

Die Realschulen lagen mit einer Übergangsquote von 36,2 Prozent etwas unter dem Vorjahreswert von 37,1 Prozent. Auf die Sekundarstufe der neuen Gemeinschaftsschule wechselten 5,7 Prozent (Vorjahr: 1,7) der Viertklässler, davon 62 Prozent mit Empfehlung für die Haupt-/Werkrealschule und 28 Prozent (minus 0,2 Prozentpunkte) mit einer Realschulempfehlung.

Der Anteil der Fünftklässler mit einer Gymnasialempfehlung auf der Gemeinschaftsschule sank um 2,2 Punkte auf 10 Prozent. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sagte: «Damit können wir nicht zufrieden sein.» Die Konzepte der neuen Schulart müssten inhaltlich noch besser erläutert und bekannter gemacht werden. Es müsse deutlich werden, dass auch an den Gemeinschaftsschulen nach dem gymnasialen Standard gelehrt werde. Außerdem sei mit einer wachsenden Zahl von Realschulen, die sich zur Gemeinschaftsschule wandeln, ein Imagegewinn zu erwarten.

Aus Sicht des VBE entwickelt sich das Gymnasium zur «Haupt»-Schule. Das sei problematisch für die schwächeren Schüler. Verbands-Sprecher Michael Gomolzig: «Vor den Erfolg haben die Götter nicht nur den Schweiß gesetzt, sondern auch acht arbeitsintensive anstrengende Jahre, um das Abitur zu erlangen.»

Immerhin hatten 88 Prozent der Fünftklässler auf dem Gymnasium eine Empfehlung dafür. Anders bei der Realschule: Dort war nur 57 Prozent der Schüler in den Eingangsklassen zu dieser Schulart geraten worden. Fast ein Viertel hatte eine Werkreal-/Hauptschul-Empfehlung. Gut 18 Prozent der Kinder hätten nach dem Vorschlag ihrer Grundschullehrer auch das Gymnasium besuchen können.

Damit ist die Realschule die Schulart mit der größten Heterogenität. Dies sei Folge der «Abstimmung der Eltern mit den Füßen, die in Richtung auf ein zweigliedriges System gehen», sagte Stoch. Auch für die Realschule sei das Konzept des individuellen Lernens und Förderns angesagt, wie es in den 129 Gemeinschaftschulen im Land bereits auf dem Programm steht. Zudem bekämen sowohl Realschule als auch Gymnasium zusätzliche Lehrerstunden.

Das ist aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nicht genug. Vor allem die Realschule brauche mehr qualifizierte Begleitung und Fortbildung der Lehrer. Die FDP im Landtag wirft Stoch vor, den Realschulen notwendige Ressourcen zugunsten der Gemeinschaftsschulen vorzuenthalten. Grün-Rot müsse «diese Methode einer schleichenden Bevormundung der Eltern» ablegen. dpa

Zum Bericht: Philologenverband fürchtet Zerschlagung der Gymnasien im Südwesten

 

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