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Unternehmen in Norddeutschland pochen auf G8 – die meisten jedenfalls

HAMBURG. In Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen macht sich die Wirtschaft für das Abitur nach acht Jahren stark – immer noch. Doch die Front steht nicht geschlossen.

Das «Turbo-Abi» bröckelt im Norden. In Hamburg läuft es vielleicht auf ein Volksbegehren gegen das Abitur nach acht Jahren (G8) hinaus, in Hannover wartet Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) auf die Ergebnisse einer Expertenkommission zur Reform von G8, und in Schleswig-Holstein wird es künftig wieder mehr Schüler geben, die ihr Abitur erst nach neun Jahren auf der weiterführenden Schule ablegen. Auch hier sammelt eine Initiative unter dem Motto «G9 – jetzt» Stimmen für eine längere Schulzeit der Kinder.

Die Wirtschaft im Norden verfolgt das mit Unbehagen. «Die Entscheidung, dass Schüler an Gymnasien ihr Abitur nach acht Jahren ablegen sollen, war und ist richtig», sagt Jochen Wilkens, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes ChemieNord. Es sei «falsch und gefährlich», diese bildungspolitische Weichenstellung wieder infrage zu stellen. Die Landesregierungen im Norden seien gefordert, ihre Hausaufgaben bei der Umsetzung der Reform zu erledigen. Die Lehrpläne müssten entrümpelt werden.

Ähnlich sieht es auch die Hamburger Wirtschaft. «Die Forderung nach Verkürzung der Schulzeit ging mit der Erwartung einher, die Curricula zu entschlacken und neue Schwerpunkte zu setzen», heißt es in einem unveröffentlichten Positionspapier des Arbeitskreises Bildung der Hamburger Wirtschaft, in dem verschiedene Kammern und Verbände mitarbeiten. «Das ist bedauerlicherweise bei der Umstellung auf G8 nicht im erforderlichen Ausmaß geschehen, sondern die Lerninhalte von 13 Schuljahren sind nun weitestgehend auf 12 Jahre verdichtet worden.»

So hat sich die Wirtschaft die Umsetzung der Reform nicht vorgestellt. An den grundsätzlichen Überlegungen hält sie jedoch fest. «Eine gute Idee wird nicht schlecht, weil bei ihrer Umsetzung Fehler gemacht und Hindernisse nicht aus dem Weg geräumt werden», sagt Wilkens. Die Unternehmen hatten die Verkürzung der Schulzeit gefordert, um unter dem Eindruck der demografischen Entwicklung die Sozialsysteme zu entlasten, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Absolventen zu verbessern und dem Mangel an Fachkräften entgegenzuwirken. Weil gleichzeitig die Studienzeiten verkürzt und die Wehrpflicht ausgesetzt wurden, kommen nun Uni-Absolventen bis zu fünf Jahre früher in die Betriebe. Die finden das überwiegend gut und bilden die jungen Leute dann selbst nach ihren Bedürfnissen weiter.

Aber so ganz einhellig ist die Position nicht. «Das Turbo-Abi G8 hat sich eindrucksvoll nicht bewährt», sagt Volker Schmidt, Vorstand der Stiftung NiedersachsenMetall. Er beruft sich auf eine Umfrage der niedersächsischen Arbeitgeberverbände, nach der 72 Prozent der Betriebe sich eine Wahlfreiheit wünschen zwischen G8 und dem Abitur nach neun Jahren. Schmidt gilt im Arbeitgeberlager in dieser Frage allerdings als Außenseiter.

Die Gewerkschaften stehen nicht gerade mit Herzblut zur verkürzten Schulzeit. «Man muss den Kindern genügend Zeit zum Lernen geben; Schule darf ihnen nicht zu viel in zu kurzer Zeit abverlangen», sagt Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. «Ein Jahr mehr in der Schule kann auch bei der Orientierung auf die berufliche Zukunft helfen.» Etwas anders setzt Uwe Polkaehn die Akzente, der Vorsitzende des DGB Nord. «Solange es ein zweigliedriges Schulsystem gibt, sollten auch beide Wege zum Abitur möglich sein, mit G8 am Gymnasium und G9 in der anderen Schulform», meint er. «Wer das jetzt wieder zurückdrehen will, der schafft neue Irritationen und schwächt eine Schulform.»

Speziell in Hamburg, wo in den vergangenen Jahren heftige Auseinandersetzungen um schulpolitische Themen ausgetragen wurden, hofft die Wirtschaft auf Ruhe und Schulfrieden. «Das bringt nur wieder neue Unruhe, und die Schulen beschäftigen sich mit sich selbst statt mit dem Unterricht», sagt Armin Grams, bei der Handelskammer zuständiger Geschäftsführer für Berufsbildung. In Hamburg haben Eltern ohnehin die Wahl: Neben dem Gymnasium, das nach acht Jahren zum Abitur führt, gibt es die Stadtteilschule – und dort das Abitur nach 13 Schuljahren. dpa

Zum Bericht: “Gescheitert”: Vernichtendes Urteil von Experten aus Politik und Wirtschaft für G8

 

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