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«Nachhilfe ist der Schatten des öffentlichen Schulsystems»

SCHWERIN. Studien zufolge gehört Nachhilfe für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland zum Alltag. Jährlich lassen sich die Eltern die außerschulische individuelle Förderung ihrer Sprösslinge rund 1,5 Milliarden Euro kosten und der Bedarf steigt weiter. Private Nachhilfe-Institute füllen nur zu gern die Lücke im Schulsystem.

Während noch vor einigen Jahren vor allem Jugendliche vor ihrem Schulabschluss oder den Abiturprüfungen zusätzlichen Unterricht nahmen, gehen mittlerweile auch immer mehr Grundschüler zur Nachhilfe. Schätzungen zufolge schafft etwa jeder vierte Schüler in Deutschland zumindest zeitweise den Lehrstoff nur noch mit fremder Hilfe gegen teures Geld. Gründe sind zunehmender Leistungsdruck in allen Schularten und Altersklassen, außerdem ein wachsender Ehrgeiz der jungen Generation sowie soziale und inhaltliche Defizite in Schulen und Elternhäusern, wie eine aktuelle Umfrage ergab.

Nachhilfeschüler

Steigender Leistungsdruck und Ehrgeiz führen zu einem boomenden Nachhilfemarkt in Deutschland. Steigt damit die soziale Spaltung zwischen Arm und Reich? Foto: Pink Sherbet Photography / flickr (CC BY 2.0)

Nachhilfe-Lehrer Ralf Kuchmetzki, Gründer des Lernzentrums Schwerin, registriert einen steigenden Anteil von Grundschülern im Zusatzunterricht. Dazu trage auch das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes bei, wie er einräumt. In der Landeshauptstadt würden rund 500 Schüler dauerhaft Nachhilfe bei den etwa fünf Anbietern bekommen. Darunter seien auch immer mehr Schüler der Privatschulen und ausländische Jugendliche, sagte Kuchmetzki. «Das Turbo-Abitur nach zwölf Schuljahren und der anhaltende Lehrermangel im Land tragen nicht gerade zu einer Entspannung der Situation bei.»

Zur Nachhilfe kommen längst nicht mehr nur versetzungsgefährdete Schüler, wie Susanne Gieding von der Schülerhilfe Rostock beobachtet. Freiwillig nachsitzen würden vor allem jene, die zeitweise den Anschluss verpasst haben und das Nachholen des Stoffes zu Hause allein nicht packen. «Typische Nachhilfe-Schüler sind nicht die ehrgeizigsten, sie brauchen einen Anschub», sagte sie. Dabei komme es auf die richtige Dosis von maximal ein bis zwei Doppelstunden pro Woche an, um Überlastungen zu vermeiden, riet Gieding.

Einer Studie von 2010 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zufolge gehört Nachhilfeunterricht für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag. In Deutschland nehmen demnach etwa 1,1 Millionen Schüler jährlich Zusatzunterricht in Anspruch. Mit 17 Jahren hat jeder vierte Jugendliche mindestens einmal im Laufe seiner Schulzeit bezahlte Nachhilfe bekommen. Für die außerschulische Aufarbeitung des Lehrstoffes ihrer Kinder geben Eltern in Deutschland jährlich insgesamt bis zu 1,5 Milliarden Euro aus, wie die Studie ermittelte.

Dabei schwanken die Ausgaben für Nachhilfe bundesweit. Gemessen an allen Schülern liegen sie zwischen 74 Euro pro Schüler und Jahr in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sowie 131 Euro in Hamburg und Baden-Württemberg bei einem Bundesschnitt von 108 Euro. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2007, neuere Erhebungen liegen nicht vor. Nachhilfe sei längst keine Ausnahme mehr, um kurzfristig schulische Schwächen auszugleichen, hieß es. Vielmehr habe sich die Nachhilfe zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt.

In Deutschland gibt es laut dem Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen rund 4000 diverse Institute und Franchise-Ketten wie Schülerhilfe, Studienkreis oder unzählige regionale Unternehmen. Daneben blühe der Schwarzmarkt, sagte Verbandssprecherin Cornelia Sussieck. Studenten, aber auch Lehrer würden nebenbei für Geld nachmittags unterrichten.

Insgesamt steige der Bedarf an Nachhilfe, und in jedem Bundesland sei die Situation analog zum jeweiligen Bildungssystem verschieden. «Die Lücken im öffentlichen Schulsystem werden eher größer und Nachhilfe nie überflüssig», sagte Sussieck. «Nachhilfe ist der Schatten des öffentlichen Schulsystems.» Immer seltener vermittelten Lehrer Lerntechniken, Eltern seien oft mit dem Anleiten zur richtigen Methodik überfordert. «Dabei brauchen viele Schüler eigentlich nur mehr Zeit zum Üben und dazu ein paar einleuchtende Erklärungen», meinte Sussieck.

Nach Ansicht des Landesschülerrates könne in höheren Klassen eine individuelle Förderung der Lernenden gar nicht mehr durch Schule oder Eltern geleistet werden. Vor allem bei größeren Wissenslücken müsse externe Hilfe her, betonte ein Sprecher. Allerdings bringe zusätzlicher «Zwangsunterricht» nichts, der Schüler müsse schon selbst motiviert sein, erklärte René Weich vom Schülerrat in Rostock. Grit Büttner, dpa

zum Bericht: Zeitschrift rät: Besser keine Weihnachtsferien bei der Nachhilfe

4 Kommentare

  1. An Nachhilfe finde ich bedenklich, dass sie oft von unqualifizierten Kräften durchgeführt wird. Nach dem Motto „Lehrer kann jeder“ verdienen sich da nicht selten Studenten, Hausfrauen, fachfremde Akademiker etwas hinzu oder leben davon (oder müssen davon leben – leider).

    • Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich empfehlen, die Qualifikation nachzufragen, dann ist es auch nicht bedenklich. Ein Institut ohne AUskunft kommt für mich nicht mehr in Frage – schlechte Erfahrung (2 Söhne). Der genannte Nachhilfeverband http://www.nachhilfeschulen.org ist eine gute Quelle, weil die Richtlinien haben und sich hoffentlich dran halten 😉 EInfach unter den Mitgliedern einen Anbieter suchen. Wenn man nach geprüfter Nachhilfe sucht findet man auch einige Tüv- oder Tutorwatch geprüfte Institute http://www.tutorwatch.de – wobei ich persönlich eher kleinere Schülerläden aus meiner Region bevorzuge.

    • Als ehemalige langjährige Nachhilfelehrerin kann ich dies leider nur bestätigen. Meine Einstellungsgespräche in zwei solcher Schulen (Schülerhilfe, dann Studienkreis) bestand aus zwei Fragen: „Kannst du dienstags? Ach- und: studierst du auch auf Lehramt?“ (Ich gehe davon aus, dass meine pädagogischen Fähigkeiten nicht durch mein bloßes Auftreten offensichtlich sind).

      Die Löhne der Nachhilfskräfte sind miserabel, die Eltern erwarten viel, die demotivierten, hingeschickten SuS wenig. Meist wollen sie Hausaufgaben machen (lassen) und nichts ernsthaft nacharbeiten. Die, die sich verbessern, tun dies oft nur deswegen, weil sie ihre Hausaufgaben gründlicher als sonst erledigen und sich dadurch ein Lerneffekt einstellt.

      Schadet auch nichts, man m.E. als Elternteil keine Unsummen für ausgeben…

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