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Vermehrte Elternbeschwerden – Ist beim Kita-Ausbau die Qualität unter die Räder gekommen?

STUTTGART. Leidet unter dem massiven Ausbau der Kitas in den letzten Jahren die Qualität oder sind die Eltern einfach sensibler geworden? Die Zahl der Beschwerden von Kindergarteneltern beim Landesjugendamt ist im letzten Jahr sprunghaft angestiegen. Die GEW sieht Defizite bei der Ausbildung von Querseinsteigern.

Immer mehr Eltern von Kindergartenkindern beklagen sich über die Zustände in den Einrichtungen. Die Zahl der Beschwerden beim Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS), dem Landesjugendamt, stieg von 2012 auf 2013 sprunghaft an – von 44 auf 112, also um gut 150 Prozent. «Eltern werden immer sensibler, zudem nimmt wegen des Rechtsanspruchs auf Betreuung für unter Dreijährige die Zahl der besonders schutzbedürftigen Kinder zu», meinte Dezernent Roland Kaiser. Die Mehrzahl der Beschwerden beziehe sich auf die Rahmenbedingungen, vor allem die Personalausstattung der Einrichtungen, sagte er.

Kindergarten-Eingang - In allen Bundesländern sind in den letzten Jahren die Kitas massiv ausgebaut worden. Foto: Sigismund von Dobschütz / Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

In allen Bundesländern sind in den letzten Jahren die Kitas massiv ausgebaut worden. Foto: Sigismund von Dobschütz / Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

Eltern monierten vor allem zu wenig Betreuungskräfte oder den Einsatz unvertrauter Erzieherinnen. Solche Kritik komme zuweilen auch von den Fachkräften selbst. Auch das Mittagessen sei ein Dauerbrenner unter den Beschwerden ebenso wie fehlende Spielflächen im Außenbereich, sagte Referatsleiterin Evelyn Samara. Dabei kann es sich aus Sicht des KVJS bereits um Gefährdungen des Kindeswohls handeln. Der Verband erteilt in 10 bis 20 Prozent dieser Fälle ein Auflage: sei es die Personaldecke zu stärken, sei es Erzieherinnen Fortbildungen ans Herz zu legen oder die Kita baulich zu verändern. In manchen Fällen helfe auch schon eine Beratung, etwa zu gesunder Kinderernährung.

Der Landeselternrat der Kindertagesstätten (LER) sieht in dem Anstieg eine Reaktion auf die aus seiner Sicht leichten Qualitätseinbußen durch den neuen Fachkräftekatalog. Dieser ermöglicht Quereinsteigern den Weg in den Erzieherinnenberuf. «Deren Qualifizierung muss besser werden», meinte Verbandeschef Markus Kürschner. Zudem mache es der Fachkräftemangel schwierig, Schwangerschaftsvertretungen zu finden. «Die Politik hat das Thema verschlafen, obwohl klar war, dass die Kinderbetreuung massiv ausgebaut werden muss.»

Auch dass die Kinder immer mehr Zeit in den Kitas verbrächten und deren Bildungsauftrag betont werde, lasse die Eltern eher auf deren Qualität achten. Kürschner beobachtet eine neue Haltung der Eltern zu ihren Kindern. «Bei den Ein- und Zwei-Kind-Familien steht der Nachwuchs im Mittelpunkt, und jede Kleinigkeit wird sofort moniert.» Für die Erzieher werde die Arbeit immer mehr zum Spagat: Einerseits müssten sie angesichts der wachsenden Empfindlichkeit aufpassen, nichts falsch zu machen. «Andererseits – wie kann man seine Stellung behaupten, wenn man nur mit sanfter Stimme sprechen darf.»

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht den Qualitätsanspruch der Tageseinrichtungen durch den verstärkten Ausbau unter die Räder kommen. Die Quereinsteiger müssten länger als 25 Tage für ihre Aufgabe ausgebildet werden, meint die Referentin für Jugendhilfe und Soziales, Heike Herrmann. Für die Eltern sichtbar sei vor allem der Personalmangel.

Zu den gravierendsten Beschwerden beim KVJS in den vergangenen zwei Jahren zählte eine Klage zur umstrittenen Wickeltechnik Pucken, also dem engen Einbinden von Säuglingen in Stoffbänder zu deren Beruhigung. In einem anderen Fall hatte eine Erzieherin einem Kind den Mund mit Tesa zugeklebt. Die Träger waren dem Landesjugendamt zuvorgekommen und hatten das beschuldigte Personal aus dem Dienst genommen.

«Solche dramatischen Fälle, in denen Eltern melden, ihre Kinder würden angeschrien oder zu hart angefasst, sind in der Minderheit und breiten sich nicht aus», sagte Kaiser. Sie stellten etwa zehn Prozent der Beschwerden und würden sehr genau recherchiert, denn ohne Beweise wären Maßnahme nicht gerichtsfest. Seit Jahren ist im Südwesten keine Einrichtung mehr geschlossen worden.

Kaiser begrüßte die neue Sensibilität der Eltern, die auch präventiv wirke. «Es wäre schlimm, wenn Eltern sich nur melden, wenn Gewalt im Spiel ist.» Die neue Wachsamkeit sei auch vom Gesetzgeber gewünscht. So sei in der Novelle des Bundeskinderschutzgesetzes für die Erteilung einer Betriebserlaubnis ein Beteiligungs- und Beschwerdemanagement unabdingbar. (Julia Giertz, dpa)

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