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Chef der Aufsichtsbehörde „geschockt über Untiefe der Pädophilie“ an der Odenwaldschule

HEPPENHEIM. Vor vier Jahren wurde das Ausmaß eines lange zurückliegenden sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule bekannt. Nun ein neuer Fall: Hat jetzt ein Lehrer Kinderpornos besessen? Das Internat wird vom Schatten der Vergangenheit eingeholt. Der Druck auf die Reformschule wächst massiv – jetzt auch seitens der Schulaufsicht.

Das Thema Missbrauch lässt die Odenwaldschule nicht los. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Das Thema Missbrauch lässt die Odenwaldschule nicht los. Foto: Jacek NL / Flickr (CC BY – NC 2.0)

Kinderporno-Verdacht bei einem Lehrer der südhessischen Odenwaldschule – und die Erinnerung an den lange vertuschten Missbrauchsskandal wird wieder wach. Als im März 2010 die sexuellen Übergriffe hochkochen, kommen der damaligen Schulleiterin Margarita Kaufmann die Tränen. Sie verspricht rigorose Aufklärung. Es gibt aber Streit. Hoffnungsträger auf eine «neue» Schule geben schon nach kurzer Zeit wieder auf. Das Ausmaß des Missbrauchs wird erst nach und nach bekannt, endet offiziell bei der Zahl von 132 Opfern. Schließlich baut das Internat seine Struktur um, teilt Verantwortung auf, baut Kontrollen ein.

Nach dem Kinderporno-Verdacht gegen den 2011 eingestellten und inzwischen fristlos entlassenen Lehrer sind sich Kritiker von damals einig: Es habe sich nichts geändert, die Odenwaldschule informiere wieder nur scheibchenweise – und dies auch meist nur unter Druck. Nach Ansicht von Adrian Koerfer, dem Vorsitzenden des Opfervereins «Glasbrechen», versucht die Odenwaldschule wie früher zu vertuschen. «Sie gibt nur das zu, was andere schon herausgefunden haben», meint er. Die Schule sieht das anders.

Dass die Wohnung des Pädagogen am 9. April durchsucht wurde, die Schule dies erst am 19. April bekanntgab, ist für die Präventionsbeauftragte des Internats, Regina Bappert, kein Problem. «Das ist keine Vertuschung.» Die fristlose Kündigung des 32-Jährigen habe erst wasserdicht gemacht werden müssen.

Von der Durchsuchung der Lehrer-Wohnung hatten der «Mannheimer Morgen» online und der «Bergsträßer Anzeiger» im Blatt am Ostersamstag berichtet, an dem Tag, an dem die Odenwaldschule am Vormittag ihre Mitteilung verschickte. «Wir wollten keine Formfehler begehen», begründet Bappert. «Wären wir gleich an die Öffentlichkeit gegangen und hätten zur Entlassung nichts genaues sagen können, hätte man uns vorgeworfen, wir würden mal wieder lavieren.» Bappert erzählt, dass sie Schülerin der Odenwaldschule gewesen war, in den 1970er Jahren, als auch der als Haupttäter geltende Lehrer und Schulleiter Gerold Becker da war.

In der Woche nach Ostern dann: Das «Darmstädter Echo» berichtet in der Zeitung, dass der entlassene Lehrer schon seit Monaten unter Beobachtung der Schule stand. Schulsprecherin Gertrud Ohling-von Haken und Bappert bestätigen das, Schüler hätten den Pädagogen als «manchmal merkwürdig und komisch» beschrieben, laut Bappert bereits im Sommer 2013.

«Das ist ein Skandal, der ins gesamte Strickmuster der Odenwaldschule passt», meint Anwalt Thorsten Kahl, der sich für Missbrauchsopfer des Internats einsetzt. «Es wird immer nur scheibchenweise zugegeben, was schon bekannt ist.» Das «Nicht-Zugeben», die «pädophile Struktur» der Schule sei «eine echte Gefahr für die Kinder». Anwalt Kahl wie Opfer-Vertreter Koerfer verlangen, die Odenwaldschule endlich zu schließen.

Der Landkreis Bergstraße forderte das Internat auf, «endlich zur Transparenz und Wahrheit» zu finden. Vom Fall des Lehrers habe die Behörde erst am 11. April 2014 erfahren – obwohl der Mann seit Sommer 2013 unter Beobachtung stand. «Wir gehen davon aus, dass wir 2013 hätten informiert werden müssen», sagte der stellvertretende Landrat Matthias Schimpf (Grüne).

Gestern meldete sich auch Landrat Matthias Wilkes (CDU) aus dem Urlaub gegenüber dem „Bergsträßer Anzeiger“ zu Wort. „Ich war wohl genauso geschockt über diese Nachricht wie viele andere Begleiter der Schule und ihrer Entwicklung“, sagte der Chef der Aufsichtsbehörde. Geschockt gewesen sei er „einerseits über die sich offenbarende Untiefe an Pädophilie an dieser Schule“ und „andererseits darüber, dass wieder einmal die öffentliche Information zurückgestellt wurde“. Damit sei das „Gebot der Transparenz als Voraussetzung dafür, Vertrauen zur Leitung zu gewinnen, wieder einmal verletzt“ worden.

Für die Odenwaldschule sieht der Landrat dem Bericht zufolge keine Zukunft mehr, wenn sie nicht „grundsätzlich-konzeptionell“ auf die neuerlichen Ereignisse reagiere. Das bedeute die sofortige Trennung des Internats- und Lehrpersonals, die externe Inanspruchnahme einer unabhängigen Stelle bei der Einstellung von Mitarbeitern sowie die regelmäßige Überprüfung des Personals – „und absolute Transparenz dieser Prozesse“.

Das hessische Kultusministerium will – vor welchem weiteren Schritt auch immer – erst einmal abwarten, was aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Darmstadt gegen den Lehrer wird. Die Untersuchungen dürften aber ein halbes Jahr dauern, weil versteckte Porno-Daten erst einmal gefunden und geknackt werden müssen. Ergebnisse könnten zeitlich in etwa zusammenfallen mit dem WDR-Beitrag «Die Auserwählten». Der Spielfilm über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule soll voraussichtlich im Herbst in der ARD gesendet werden. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Nach Kinderporno-Verdacht gegen Lehrer: Neue Debatte um Schließung der Odenwaldschule

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