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Ostern vor 60 Jahren: «Sie führen die Schüler in den Tod» – Das Unglück im Dachsteingebirge

HEILBRONN. Es sollte der schönste Ausflug in ihrem bisherigen Leben werden. 42 Schüler und Lehrer aus Heilbronn machten sich vor 60 Jahren auf den Weg ins österreichische Gebirge – doch einige von ihnen kamen nie mehr zurück.

Osterzeit im Jahr 1954: Eine Gruppe Jugendlicher aus Heilbronn fährt mit einigen Lehrern ins österreichische Dachsteingebirge. Eine Fahrt ins Ausland? «Damals eine Sensation», erzählt der Leiter des Heilbronner Stadtarchivs, Christhard Schrenk. Am Morgen des Karfreitags wollten 14 von ihnen, zehn Schüler und vier Lehrer, auf den mehr als 2000 Meter hohen Berg Krippenstein wandern. 13 Menschen kamen nie zurück: In einem Schneesturm verliefen sie sich, verloren die Orientierung und erfroren. Was auf der Strecke passierte, darüber gibt es viele Versionen der Geschichte.

Angeführt von einem Heilbronner Realschullehrer hatte sich die Gruppe auf den Weg gemacht. «Die Kinder wurden mehrfach gewarnt», sagt Beate Strobel-Müller, deren damals 16-jähriger Bruder Klaus im Dachsteingebirge starb. Das Wetter soll schlecht gewesen sein. Ein Waldarbeiter habe gesagt, dass er die Wanderer über ihr hoffnungsloses Unterfangen aufgeklärt habe: Das sei ihr sicherer Tod, sollen seine Worte gewesen sein, wie Strobel-Müller sagt. Der Lehrer habe das Unglück in Kauf genommen, beklagt sie. «Ein Wahnsinn.» Für die 61-Jährige ist er der Schuldige dafür, dass ihr Bruder so jung ums Leben kam. Und dass sie ihn nie richtig kennenlernen konnte.

Luftaufnahme des Dachstein aus ca. 3.600m mit Niederer Dachstein (links) und Gjaidstein (im Hintergrund). Foto: Ralph Deleja-Hotko/Wikimedia CC-BY-SA-3.0-DE)

Das Dachsteinmassiv mit dem Hohen Dachstein (2995 Meter) ist der Hauptgipfel des Gebirges, hier mit Niederer Dachstein (links) und Gjaidstein (im Hintergrund). (Foto: Ralph Deleja-Hotko/Wikimedia CC-BY-SA-3.0-DE)

Der Wetterbericht am Morgen sei in Ordnung gewesen, sagt hingegen Archivar Schrenk. Er hat sich die Originalmeldung aus Österreich kommen lassen: Mäßige nordwestliche Winde, ein größtenteils stark bewölkter Himmel und vereinzelte geringe Niederschläge seien dort angekündigt worden. Zudem sollte es verhältnismäßig mild werden, so die Prognose.

Die Schüler sollen allerdings schon nass gewesen sein, als sie die Zwischenstation Schönbergalm verließen, behaupten Viele, wie Schrenk sagt. Auch die Wirtin soll die Gruppe gewarnt haben, erzählt Strobel-Müller: «Sie führen die Schüler in den Tod», habe sie gesagt.

«Bilder, die einer der Schüler nach der Pause mit seinem Fotoapparat machte, zeigen eindeutig, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht durchnässt waren», erwidert Schrenk. Die Kamera fand der Suchtrupp später im Schnee – und entwickelte den Film. Den Bildern nach hat sich das Wetter erst später verschlechtert. Dann aber radikal und in rasendem Tempo.

Warum kein Schüler umkehrte? Strobel-Müller ist das vollkommen klar: «Auf diese Tour durften nur die Besten mit. Das war die höchste Ehre». Sie seien wie die Lemminge in ihr Unglück gelaufen, findet sie. Dass der Lehrer weitermachen wollte, schreibt sie der nationalsozialistischen Ideologie zu, die damals «noch in manchen drin war»: «Wir sind doch harte Männer», habe das Credo gelautet.

Im aufkommenden Schneesturm, der einem Orkan glich, hatte keiner eine Chance. Die Gruppe verlief sich, alle kamen in der Kälte zu Tode. Die einzige Überlebende war eine Lehrerin, die von der Schönbergalm zurück ins Tal ging. Dass sie die Einzige war, die die Situation richtig einschätzte, hält Schrenk für Spekulation. Die zentrale Frage nach der Schuld ist für den Archivar nicht zu beantworten. Ob der Lehrer es wirklich allen zeigen wollte? Das sei weder zu beweisen, noch zu widerlegen.

Zuhause in Heilbronn ahnte man lange nichts – bis bei Familie Strobel eine Nachbarin klingelte: «Die Schüler sind verunglückt», habe sie gesagt. Sie hatte es im Radio erfahren. Es sei noch eine ganz andere Zeit gewesen, erklärt Schrenk. Die Kinder, die nicht beim Ausflug dabei waren, schickten Telegramme nach Hause. Ein Telefon hatte zu dieser Zeit noch nicht jeder.

Trotzdem versammelten sich im Dachstein innerhalb kürzester Zeit rund 40 Journalisten – noch bevor die vom Heilbronner Bürgermeister informierten Familien der Vermissten eintrafen. Schrenk zieht Vergleiche mit den Ereignissen nach dem Verschwinden des Flugzeugs mit der Flugnummer MH370 der Malaysia-Airlines: bei beiden habe es eine Dauerberichterstattung vom Ort des Geschehens gegeben – und das über Wochen. «Damals war das aber vollkommen neu.» Im Kopf sei dabei immer die Frage gewesen, wo die Opfer zu finden sind. Rund 20 Quadratkilometer wurden von den Helfern abgesucht, ein riesiges Gebiet. Bis man die letzte Leiche gefunden hatte, vergingen sechs Wochen. Es war die von Klaus Strobel.

Am Abend vor seinem Tod schrieb der Junge einen Brief nach Hause, um sich zu bedanken: «Es reut mich nicht, dass ich mitgegangen bin» steht darin. Man fand ihn in einem frankierten Umschlag im Spind des Jungen im Bundessportzentrum, in dem die Gruppe übernachtete. Für Strobel-Müllers Vater brach eine Welt zusammen: «Auf dem Dachstein ging verloren, was ihm geblieben ist», sagt Beate Strobel-Müller. Sina Illi/dpa

Ein Kommentar

  1. Tja, die Technikgläubigkeit hat schon manches Unglück herbeigeführt. Die Lehrer hätten weniger auf die Wettervorhersage und mehr auf die Einheimischen hören können…
    Aber so sind die Menschen. Was einem nicht gefällt, glaubt man nicht gern. Sind wir besser? Lassen wir uns nicht auch gern von Experten erzählen, wie harmlos das ist mit der Gentechnik/ der Klimaveränderung/ den Atomkraftwerken/ …?

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