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Trendwende? Erstmals seit 20 Jahren weniger Ritalin an Kinder verabreicht

BONN. Psychopharmaka gegen Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität von Kindern – jahrelang stiegen die Verordnungszahlen. Zweifel wurden laut, ob es immer Pillen sein müssen. Nun scheint eine Trendwende in Sicht.

Das ADHS-Medikament Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, wird oft an Kinder in Deutschland verschrieben. Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Das ADHS-Medikament Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, wird oft an Kinder in Deutschland verschrieben. Foto: ADHD Center / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Der jahrzehntelange Anstieg beim Tablettenkonsum gegen das «Zappelphilipp-Syndrom» ist vorerst gestoppt. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ging der Verbrauch des zentralen Wirkstoffs gegen die sogenannte ADHS-Störung 2013 erstmals seit 20 Jahren leicht zurück. Neue Daten der Techniker Krankenkasse (TK) zeigen zudem, dass die Zahl der Kinder zwischen sechs und 17 Jahren, die Medikamente gegen Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bekommen haben, von 2009 bis 2012 bundesweit um gut 3,4 Prozent sank.

Das Bundesinstitut BfArM teilte in Bonn mit, dass im vergangenen Jahr 1803 Kilogramm des Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat verbraucht wurden. 2012 waren es noch 1839 Kilogramm. In den zehn Jahren zuvor hatte sich der Verbrauch verdreifacht. BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger betonte, es lasse sich noch keine echte Abwärtstendenz erkennen. «Gleichwohl werten wir diesen ersten leichten Rückgang nach dem massiven Anstieg der vergangenen 20 Jahre als ein positives Signal, das möglicherweise auf einen kritischeren Umgang mit Methylphenidat hindeutet», sagte er.

Als Ursachen für den Rückgang kommt laut BfArM auch infrage, dass die teils umstrittenen Medikamente zuvor möglicherweise zu oft verordnet worden seien. Am größten war der Anstieg gegenüber dem Vorjahr mit 91 Prozent im Jahr 2000 gewesen. Doch auch danach ging der Verbrauch in kleineren Stufen nach oben.

Die Techniker Krankenkasse wies darauf hin, dass die Zahl der mit ADHS-Medikamenten behandelten Kinder und Jugendlichen allein von 2006 bis 2009 um 32 Prozent angestiegen war. «Offenbar ist die Vorsicht bei einer medikamentösen Behandlung von ADHS gewachsen», sagte die TK-Apothekerin Edda Würdemann. Falsch dosiertes Methylphenidat könne Angstzustände oder Appetitlosigkeit auslösen.

Im Vergleich von 2012 zu 2009 wurden ADHS-Medikamente laut TK in fast allen Bundesländern zurückhaltender verschrieben. Lediglich in Nordrhein-Westfalen nahm die Zahl der Kinder und Jugendlichen zu, denen ein ADHS-Medikament verordnet wurde – um 4,6 Prozent.

Laut einer Studie der Barmer GEK vom vergangenen Jahr hatten rund 620.000 Kinder und Jugendliche 2011 gemäß ärztlicher Diagnose das sogenannte «Zappelphilipp-Syndrom», davon 472.000 Jungen. Zusammen mit Erwachsenen waren es insgesamt 750.000 Patienten. Besonders betroffen waren Jungen vor dem Wechsel aus der Grundschule. Verhaltenstherapie und Heilmittel wie etwa Ergotherapie sind neben einer medikamentösen Therapie wichtige Bestandteile der Behandlung. dpa

Zum Bericht: Immer mehr Kinder bekommen Ritalin – Hamburg ist Spitzenreiter 

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