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Ein offener Brief von Lehrern gegen PISA – Schleicher wehrt sich

PARIS. Mittlerweile rund 2500 Professoren, Schulleiter und Lehrer aus der ganzen Welt haben einen offenen Brief an PISA-Organisator Andreas Schleicher unterzeichnet – Tenor: „Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden.” Die Unterzeichner fordern, zumindest den nächsten Test auszusetzen. Schleicher wehrt sich gegen die Kritik.

Wehrt sich: PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Foto: Hans Peter Schaefer / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Wehrt sich: PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Foto: Hans Peter Schaefer / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

In Deutschland haben sich dem Aufruf mittlerweile rund 400 Unterzeichner angeschlossen, darunter auch Vertreter von Lehrerverbänden. „Wir können nicht verstehen, wie die OECD zum globalen Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte”, heißt es in dem Schreiben. Die enge Ausrichtung der OECD auf standardisierte Tests drohe Lernen in Pedanterie zu verwandeln und Freude am Lernen zu beenden. Durch den von PISA stimulierten internationalen Wettlauf um Testergebnisse habe die OECD die Macht erhalten, weltweit Bildungspolitik zu bestimmen, ohne jede Debatte über die Notwendigkeit oder Begrenztheit der OECD-Ziele. PISA habe den ohnehin schon hohen Grad an Stress an den Schulen weiter erhöht und gefährde das Wohlbefinden von Schülern und Lehrern.

Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung sei die OECD naturgemäß auf die ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen fokussiert. Aber die Vorbereitung auf einträgliche Arbeit könne nicht das einzige Ziel öffentlicher Bildung und Erziehung sein. „Unser Schulwesen muss Schülerinnen und Schüler auch auf die Mitwirkung an der demokratischen Selbstbestimmung, auf moralisches Handeln und auf ein Leben in persönlicher Entwicklung, Reifung und Wohlbefinden vorbereiten.”

Die Autoren warnen vor einem „PISA-Regime”: „Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist die OECD ‚Public Private Partnerships‘ und Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten – realen oder vermeintlichen – Bildungsdefizit Profit zu schlagen. Einige dieser Firmen verdienen an den Bildungsdienstleistungen die sie für öffentliche Schulen und Schulbezirke bereitstellen. Diese Firmen verfolgen u. a. auch Pläne, eine profitorientierte Grundschulbildung in Afrika zu entwickeln, wo die OECD derzeit plant, PISA einzuführen.”

Schließlich werden in dem Brief auch mögliche neue Wege aufgezeigt. So seien aussagekräftigere und weniger sensationsheischende Wege für Bildungsvergleiche zu finden. Es sei zum Beispiel weder pädagogisch noch politisch sinnvoll, Entwicklungsländer, in denen 15-Jährige regelmäßig zur Kinderarbeit verpflichtet werden, mit Ländern der Ersten Welt zu vergleichen. Auch sollten alle relevanten Akteure einbezogen werden: Eltern, Pädagogen, Vertreter der Bildungsverwaltung, Studenten und Schüler ebenso wie für Wissenschaftler aus Disziplinen wie der Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik wie auch der Kunst und den Geisteswissenschaften. Um Zeit für die Diskussion all dieser Aspekte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu gewinnen, heißt es, wäre es nützlich, den nächsten PISA-Zyklus auszusetzen. Dieser ist für Oktober 2015 angesetzt.

In einem Interview mit Deutschlandradio Kultur setzt sich Schleicher zur Wehr. „Vielleicht hat PISA den Leistungsgedanken in dem Schulsystem stärker hervorgehoben, das hat aber durchweg positive Auswirkungen“, sagte er. So habe sich in Deutschland seit der ersten PISA-Studie viel verbessert: Das Leistungsniveau sei deutlich gestiegen,ebenso wie die Verteilung von Bildungschancen, der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Bildungsleistung, die Leistung von Schülern mit Migrationshintergrund. Schleicher: „Bei all diesen Themen sind wichtige Fortschritte festzustellen.“

Dass mit PISA wirtschaftliche Interessen von Unternehmen verbunden seien, bezeichnete Schleicher als „Quatsch“. Er sagte: „PISA wird von den Bildungsbehörden der teilnehmenden Länder gesteuert. An der Umsetzung arbeiten Wissenschaftler aus Universitäten, Instituten aller Länder, die dort teilnehmen. Es ist ein wissenschaftliches Projekt, es geht dort nicht um irgendwelche Interessen von Unternehmen.“

Aber verengt PISA nicht tatsächlich den Bildungsbegriff? Schleicher: „Das ist ein Missverständnis. Natürlich testen wir Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz, es werden aber auch fächerübergreifende Kompetenzen getestet, zum Beispiel, inwieweit sich junge Menschen in diesem komplexen Leben positionieren können. Es werden Einstellungen nachgefragt, inwieweit zum Beispiel Schule ein Lernraum ist, in dem Schüler sich wohlfühlen – Einstellungen zum Lernen, Lernstrategien, all die Dinge, die im Grunde heute Voraussetzung sind für Erfolg. Wir fangen jetzt an mit dem Testen von gruppenbasierten Problemlösekompetenzen, sozialen Kompetenzen. Ich denke, da erfasst PISA ein breites Spektrum von Kompetenz, die heute wichtig ist. Das ist nicht alles, was man im Leben braucht, aber es sind wichtige Grundvoraussetzungen.“ News4teachers

Hier geht es zu dem offenen Brief und der Unterschriftenaktion.

Hier geht es zum Kommentar: Die PISA-Studie – nicht schön, aber notwendig

17 Kommentare

  1. Gut, dass der Einfluss der OECD über die Bildungspolitik in den einzelnen Ländern mal kritisiert wird. Ist doch klar, dass die Tests so gestaltet sind, dass ihre Ergebnisse vor allem der weltweiten Wirtschaft dienen, welche wichtige kulturelle Traditionen der einzelnen Ländern einebnet und gleichmacht. Gleichmacherei ist das Ergebnis der Pisa-Tests, wobei ihre Wirkung auf unsere Bildungssysteme nicht zu übersehen ist. Gleichmacherei, wohin man schaut, durch ausufernde staatliche Erziehung und Betreuung den ganzen Tag über. Und die OECD gibt dafür die Maßstäbe vor.

  2. Schleicher sollte vielleicht mal 5 wochen eine achte oder neunte klasse unterrichten. Das heilt ihn ganz bestimmt von dem ganzen kompetenzgedöns.

  3. staunend lese ich, dass sich in Deutschland das Leistungsniveau verbessert hat. Nur bei uns nicht??

    • PseudoPolitiker

      Ich staune auch. Aber solche Behauptungen sind im Opern- und Märchenland Bildung doch gang und gäbe. Wer hat schon den Gegenbeweis in der Tasche?

    • Es ist eine Frage der Statistik: Wenn der Anteil leistungsschwacher Schüler stärker abnimmt als der Anteil leistungsstarker Schüler — eine solche Gleichschaltung ist Dank PISA politisch gewollt — nimmt das Bildungsniveau insgesamt zu.

  4. Bei diesen unsäglichen PISA-Studien fällt mir immer nur der Satz ein, der fälschlich Winston Churchill zugeordnet wird: “Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.”

  5. Es sind bis jetzt tatsächlich über 4000 Unterzeichner weltweit, denn Diane Ravitch hat die Originalversion des Briefes als erste auf ihren Blog gestellt. Dort gibt es – wie auch auf der Seite der GBW – weiteres Interessantes und Erhellendes zum Thema zu lesen, z.B. Professor Zhaos Ausführungen über die Situation der chinesischen Schülerinnen und Schüler bzw. des chinesischen Schulsystems unter dem Einfluss von PISA.

  6. PISA war überfällig. Mit “Gleichmacherei” hat das Konzept nichts zu tun. Natürlich kann nur verglichen werden, was auch vergleichbar ist; in globalisierten Zeiten macht es keinen Sinn, in Mathematik andere Standards zu meinen als eine Kanadische Schule. Und genauso sinnlos ist es erst Recht immer schon gewesen, in Berlin andere Standards bsp. der Texterschließungskompetenz zu meinen als in Hessen. Hierauf macht PISA aufmerksam, leistet einen Beitrag zur Überwindung des Kleinstaatenwesens und dafür bin ich dankbar.
    Problematisch ist natürlich das zentralistische Festlegen eines utilitaristischen Bildungsbegriffs seitens der… ja, von wem eigentlich? Dieselben neoliberalen Kräfte sind hier offenbar am Werk, die auch auf anderen Baustellen dafür sorgen, dass alles hübsch geschmiert läuft zum Zwecke ökonomischer Verwertbarkeit. Ich kann mich dazu an keine öffentlich geführte Debatte erinnern, außer vielleicht in der FAZ, aber das reicht natürlich nicht. Vordemokratisch ist so etwas!

    • Das Problem an den Studien ist gerade die nicht-Messbarkeit von Bildung. Tatsächlich messbar ist lediglich das, was abgefragt wird und diese Form von Fragen lassen sich durch “Teaching to the Test” wunderbar (auswendig) lernen. Kreativität, Wortgewandtheit usw. lassen sich nicht testen. Darüber hinaus bleibt das Humboldt’sche Bildungsprinzip “Bildung (auch) der Bildung wegen”, das Deutschland im Übrigen zu der großen WIrtschaftsnation gemacht hat, die es heute (noch) ist, bleibt dabei auf der Strecke.

      • Wenn Bildung nicht messbar wäre, dann wäre auch unser gesamtes Leistungsbewertungssystem mit Noten, Klassenarbeiten und Test sinnlos. Was tun wir denn tagtäglich miit den Schülern anderes, als deren Wissens- und Kompetenzstand zu messen? Die ganze Kritik an PISA, die hier geäußert wird, könnte auch ein Schüler erzählen, der gerade eine Arbeit versemmelt hat: “Ich bin ein Genie, aber ein so schlichtes Format wie eine Klassenarbeit vermag das nicht zu erfassen.” PISA – das muss hier mal festgestellt werden – misst nicht Bildung, sondern die Voraussetzungen von Bildung: Wer nicht vernünftig lesen kann, liest auch keinen Faust. Und was, bitteschön, ist schlimm daran, Schüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten? Von irgendwas müssen sie ja später leben.

        • Danke. Letztlich geht es doch gar nicht um Bildung, sondern um ganz andere Dinge. Z. B. darum, dass die Professoren (und auch die Lehrer) einen Machtverlust befürchten oder einfach nicht damit klarkommen, mit dem mangelnden Erfolg eigener Arbeit konfrontiert zu werden.

          Was ja auch schmerzhaft ist. Wenn man meint, man hat zwei Jahre gut gearbeitet und plötzlich auf Objektivität zielende Testformate etwas ganz anderes indizieren…

    • Es wäre schon hilfreich, wenn einmal erläutert würde, worin sich denn die “ökonomische Orientierung” oder der “utilitaristische Bildungsbegriff” zeigen. Und wie denn die “neoliberalen Kräfte” wirken.

      Jenseits der Phrasendrescherei gilt: PISA misst letztlich, was SchülerInnen mehr oder minder können müssen, um in der modernen Welt ein erfülltes Leben leben zu können und Chancen zu haben. Man muss sehr privilegiert sein (und über dieses Können schon verfügen), um verächtlich darauf hinabzublicken.

      • Die OECD ist eine Wirtschaftsorganisation, also hat sie auch in erster Linie wirtschaftliche Interessen. Zudem fehlt ihr doch jegliche Legitimation und Kompetenz für solche Tests. Dazu kommt das Testverfahren, dass völlig daneben ist.

        Matheaufgabe: (Annahme: Die Schüler kennen den Mehrwertsteuersatz)

        Deutschlandweit: Ein Auto kostet 20000 Euro. Wie hoch ist die Mehrwerststeuer?

        in anderen Ländern: O 2532 Euro — O 15030 Euro — O 3193 Euro — O 3800 Euro

        Die Lösungsstategien sind total unterschiedlich! Während man beim Variante 1 es genau ausrechnen muss, kann man bei Variante 2 fast alle Lösungen sinnvoll ausschließen. Das ist auch eine (mathematische) Leistung, das Testverfahren bevorzugt aber diejenigen, die diese Tests schon jahrelang anwenden und es macht auch richtige Antworten von völlig Ahnungslosen möglich. Mit anderen Worten: Das Testverfahren führt zu großen Schwankungen und Zufälligkeiten (Beispiel: Der Absturz vom früheren Musterland Finnland wurde nie richtig erklärt).

        • “Die OECD ist eine Wirtschaftsorganisation, also hat sie auch in erster Linie wirtschaftliche Interessen.”

          Das mag sein, dürfte allerdings wenig problematisch sein, wenn man bedenkt, wie wichtig wirtschaftliche Zusammenhänge für jede Biographie objektiv sind und wie sehr Schule immer schon im Kontext wirtschaftlicher Bedürfnisse stand und steht.

          “Zudem fehlt ihr doch jegliche Legitimation und Kompetenz für solche Tests. Dazu kommt das Testverfahren, dass völlig daneben ist.”

          Über Legitimationsfragen kann man lange reden. Wie kommen Sie auf die fehlende Kompetenz? Dass die Testverfahren “daneben seien” lese ich oft. Allein, mir fehlt der Nachweis.

          “Die Lösungsstategien sind total unterschiedlich! Während man beim Variante 1 es genau ausrechnen muss, kann man bei Variante 2 fast alle Lösungen sinnvoll ausschließen. Das ist auch eine (mathematische) Leistung, das Testverfahren bevorzugt aber diejenigen, die diese Tests schon jahrelang anwenden und es macht auch richtige Antworten von völlig Ahnungslosen möglich.”

          Nahezu alle Testverfahren machen richtige Antworten von völlig Ahnungslosen möglich. Vielleicht gibt es Vorteile aufgrund einer Gewöhnung an Testformate (vielleicht auch nicht…) Bei den PISA-Aufgaben, die ich kenne, frage ich mich vor allem eines, nämlich, ob Neuntklässler sie nicht lösen können sollten.

        • Die OECD ist keine “Wirtschaftsorganisation” und auch keine Geheimorganisation zur kapitalistischen Durchdringung des Bildungswesens, sondern eine Gemeinschaft von Staaten, um ökonomische, soziale und Umweltprobleme zu lösen. Sie ist legitimiert durch die Regierungen, die sie tragen – also auch die deutsche. PISA in Deutschland wird im Auftrag der Kultusministerkonferenz durchgeführt. Womit bedient die KMK denn wirtschaftliche Interessen?

      • PseudoPolitiker

        Pisa misst nicht nur, was Schüler in den Kulturtechniken können sollten. Andreas Schleicher maßt sich auch an, aus den Ergebnissen herauslesen zu wollen, welches Schulsystem das effizienteste ist. Damit überschreitet er m. E. seine Kompetenzen zugunsten persönlicher Bildungsideologie.
        Der gute Mann ist bekennender Anhänger von Gesamtschulen und preist diese an, wo immer sich eine Gelegenheit bietet, obwohl die Pisa-Ergebnisse diesen Schluss nicht zulassen. So wurde Herr Schleicher immer wieder gebeten, in Deutschland doch die Leistungen der Schüler von Gesamtschulen endlich mal gesondert auszuweisen, um mehr Transparenz schaffen. Bisher ist er der Aufforderung nicht nachgekommen. Warum wohl?

        • Es gefällt Ihnen nicht, dass Herr Schleicher angeblich oder tatsächlich Politik macht, weil Ihnen seine politische Position nicht gefällt. Was natürlich völlig legitim ist.

          Ob das aber eine hinreichende Grundlage ist, gegen PISA zu argumentieren, bezweifle ich. Bisher haben alle bildungspolitischen Lager versucht, PISA für sich zu instrumentalisieren. Einige waren dabei offensichtlich erfolgreicher als andere. Was aber wohl weniger mit Schleicher zu tun hat als mit: Machtverteilung in den deutschen Bundesländern, demographischer Entwicklung etc.

          Ich stimme Ihnen insofern zu, als einzelne Schlussfolgerungen in der Debatte eher irritierend sind. Ich fürchte nur, die PISA-Gegner sind politisch nicht sympathischer oder rationaler.

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